Reporter umringen Bundesinnenminister Seehofer.

Über den Terror von Hanau berichteten hunderte Journalisten aus aller Welt. Alle wollten mit ihrer Berichterstattung dem Ereignis gerecht werden - und behinderten dabei oft Anteilnahme und Trauerarbeit. Einige persönliche Beobachtungen.

Videobeitrag

Video

zum Video 100 Tage nach dem Anschlag in Hanau

hs290520
Ende des Videobeitrags

Hier das Gleichgewicht zu halten, wäre auch schon so schwierig genug, mit den Füßen auf der rutschigen Absperrung. Aber jetzt kommt auch noch das Geschubse dazu. Der Fotograf hält die Kamera, sein Blick fixiert Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der gerade ein paar Meter weiter mit Angehörigen spricht.  

Und schon ist es passiert: Der Fotograf rutscht ab und steht mitten in den Blumen. Erst ein paar Minuten zuvor hatten Seehofer und andere Politiker aus der Bundes- und Landesregierung sie hier abgelegt, im Gedenken an die Menschen, die der Rassist Tobias R. in der Nacht zuvor an dieser Stelle erschossen hatte. 

"He!", rief ich, "schau mal, wo Du hintrittst!" Der Fotograf blickte erst auf mich, dann auf seine Füße. Für einen kurzen Moment schien er wirklich zu erschrecken. "Sorry, sorry!", rief er, als ob er gerade mich mit Füßen getreten hätte und nicht das Gedenken an die Terroropfer. Er stieg zurück über die Absperrung, suchte Seehofer, der weitergegangen war, und rannte hinterher. Zurück blieben zerzauste, verdreckte Blumen - und die Frage: Was passiert hier eigentlich? Und für wen? 

Journalisten aus aller Welt in Hanau 

Die Nachricht von dem rassistischen Anschlag schickte Schockwellen aus Hanau in die Welt - und die Welt schickte umgehend Journalisten zurück in die Stadt im Rhein-Main-Gebiet. So fühlte es sich jedenfalls an, wenn man an jenem nasskalten Februarnachmittag auf die Menschenmenge am Heumarkt blickte, dem ersten der beiden Anschlagsorte, direkt beim Marktplatz: Kameras, Mikros, Handys. 

Zu hören war Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch, Hebräisch, Niederländisch, Französisch. Und es tummelten sich dort Menschen, die der Welt erklären sollten, was in der Nacht zuvor in der Shisha-Bar, einem der Tatorte, passiert war. Darunter auch ich als Reporter für hessenschau.de. 

Passiert war einer der verheerendsten Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, gemessen an der Zahl der Todesopfer. Zumindest die groben Fakten waren nun, gut zwölf Stunden später, zwar bekannt. Das Ereignis war für mich und viele andere dennoch kaum in Worte zu fassen. 

Krankenbett-Interviews - ja oder nein? 

Dass beim Versuch, die passende Worte zu finden, zum Teil gewaltige Fehlgriffe passierten, haben unter anderem das NDR-Medienmagazin Zapp oder der medienkritische Bildblog aufgearbeitet.

Dass in der Berichterstattung auch manches besser klappte als bei ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit, erwähnt zum Beispiel das Journalisten-Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher. So hätten zum Beispiel viele Medien die Opfer in den Fokus gerückt, um deren Geschichte zu erzählen statt die Geschichte des Täters. Dass auch dabei etwas schiefgehen kann, mussten wir bei hessenschau.de erfahren, als wir den Namen eines vermeintlich Verstorbenen meldeten, der tatsächlich noch lebte.   

Ohnehin ist die Berichterstattung von einem solchen Ereignis ein ständiger Balanceakt: Man will den Opfern eine Stimme geben, aber soll man dann ihre weinenden Eltern vor die Kamera holen? Ist es angemessen, einen Überlebenden im Krankenhaus zu interviewen und ihn so die traumatischen Erlebnisse erneut durchmachen zu lassen? Die Grenzen sind fließend und verlaufen in jeder Situation anders. 

"Entschuldigung, haben sie letzte Nacht hier Angehörige verloren?"

Aber auch vor Ort waren merkwürdige Dinge zu beobachten. So legten an einer Hausecke schräg gegenüber der Shisha-Bar Hanauer im Laufe des Tages immer mehr Blumen ab. Wenn man mit der Kamera in einem bestimmten Winkel ranging, bekam man die Blumen und die Bar aufs Bild; und hinter den Blumen bildete sich am Nachmittag eine regelrechte Schlange von Fotografen und Kamerateams, die alle dieses eine Bild wollten. Auch ich habe es zu einem früheren Zeitpunkt gemacht. Und wer eine Blume ablegte, musste erst mit den Kameraleuten klären, ob er aufs Bild kam.  

Fotografen suchen am ersten Anschlagsort in Hanau nach dem passenden Motiv.

Jede Person, die in der Nähe des Tatorts auftauchte und nicht wie ein Journalist aussah, geriet umgehend in Beschlag von Berichterstattern. Es ist eine absurde Situation, einen fremden Menschen - mal schemenhaft und überspitzt formuliert - zu fragen: "Entschuldigung, haben Sie hier letzte Nacht Angehörige verloren? Nein? Ok, haben Sie sonst was mitbekommen? Nein? Gut, hat sich erledigt, schönen Tag noch." 

Bei den Menschen, die doch etwas mitbekommen hatten, versammelten sich im Nu Reporter mit Kameras und Mikros, und die Person durfte wieder und wieder ihre drei furchtbaren Sätze erzählen. 

Denn um mehr als um diese portionierten Häppchen ging es meiner Einschätzung nach den wenigsten. Ein befreundeter Reporter, der für ein bundesweites Online-Medium vor Ort war, sagte später: "Das Problem ist doch: Bei solchen Ereignissen geht es vielen nur darum, Schlagworte einzusammeln. Das ist ein schablonenhaftes Arbeiten, jeder weiß: Ich brauche einen traurigen Einstieg, einen schön aufgebauten Protagonisten, einen Ton von Seehofer und einen traurigen Rausschmeißer. Aber kaum jemand interessiert sich für die Hintergründe." 

Seehofer kommt und die Hektik bricht aus 

Ihren Höhepunkt erreichte die Hektik, als am frühen Nachmittag Bundesinnenminister Seehofer, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und die hessische Landesregierung um Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Tatort auftauchten, um der Toten zu gedenken. 

Mehrere Dutzend Kameraleute und Journalisten begannen zu laufen, zu fluchen, zu schubsen und sich gegenseitig anzumachen, während die Politiker schweigend zum Anschlagsort zogen. Ein Journalist hatte eine Trittleiter dabei und ein paar Meter entfernt abgestellt, nun stand eine Frau darauf. "Runter von der Leiter!", blaffte er sie an. Sie konnte gerade noch abspringen, da hatte er die Leiter schon weggezogen.  

Pulk von Journalisten bildet sich um Politiker

Noch schlimmer wurde es, als die Politiker anschließend ein gemeinsames Statement abgaben. Denn Horst Seehofer sprach so leise, dass alle Journalisten immer weiter nach vorne drückten, um überhaupt irgendetwas zu verstehen, bis sie zu einem homogenen Klumpen zu verschmelzen schienen.

In der Mitte stand ich. Ich wollte eigentlich nur ein schnelles Foto machen, aber war nun mit dem Pulk verschmolzen. Ich hätte beide Füße in die Luft strecken können und wäre immer noch gestanden. Spätestens jetzt war ich Teil des Ganzen geworden.

Angehörige und Anwohner standen daneben oder blickten aus ihren Fenstern und wunderten sich. Wer hier gerade wer ist und wer welche Rolle spielte, spielte für sie wiederum kaum eine Rolle. "Wer ist eigentlich der Typ mit den weißen Haaren?", fragte einer, der sich als Sascha vorstellte, in Richtung von Bouffier. 

Frau bricht am Tatort zusammen 

Später auf dem Heimweg ging mir eine Szene vom Vormittag durch den Kopf, als außer ein paar Polizisten und ein paar Anwohnern noch kaum jemand zu sehen war: Eine Frau mittleren Alters kam an das Flatterband vor dem Tatort. Sie hatte Taschen dabei, als ob sie einkaufen war oder von der Nachtschicht kam, und vielleicht hatte sie von den Ereignissen nichts mitbekommen.  

Sie unterhielt sich mit Menschen, offenbar Bekannten. Plötzlich erhielt sie wohl eine schlimme Nachricht, sie schrie und brach zusammen. Außer dem türkischen Fernsehen waren nur ein erfahrener hr-Kollege und ich vor Ort, wir bereiteten einen Video-Aufsager für Instagram vor. Und ein paar Sekunden, bevor wir live gingen, sagte der Kollege: "Nur, dass das klar ist: Wir zeigen in unserem Video auf gar keinen Fall die Frau, okay?" Und ich sage: "Klar", weil es in dem Moment für mich auch klar war.

Mein Gedanke später war: In ihrem grenzenlosen Unglück war die Frau zumindest noch früh genug gekommen, um trauern zu können. Nicht auszudenken, in welche Richtung ein paar Stunden später, als noch viel mehr Journalisten da waren, die Balance gekippt wäre - möglicherweise auch bei mir. 

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.05.2020, 19.30 Uhr