Corona-Spritze in Hand mit Impfdose

Am Montag fällt die Priorisierung bei den Corona-Schutzimpfungen. Alle können sich dann impfen lassen. Doch tatsächlich werden sich viele in Geduld üben müssen. Denn es mangelt weiter an Impfstoff.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ab Montag wird die Impfpriorisierung wird aufgehoben

Impflinge warten im Corona Impfzentrum Messe Berlin auf ihre Impfung. (dpa)
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Ab kommendem Montag wird die Priorisierung beim Impfen gegen das Coronavirus aufgehoben, theoretisch könnte nun jeder und jede vom eigenen Haus- oder Facharzt geimpft werden oder sich einen Termin im Impfzentrum geben lassen. Praktisch sei das für die Arztpraxen kaum zu stemmen, kritisieren Ärzte, der Verband der Hausärzte in Hessen und die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Sie erwarten einen Ansturm, der die Arztpraxen über jedes Limit belasten könnte.

Langes Warten für Termin im Impfzentrum

Für die Impfzentren gilt, dass zwar Termine ab Montag vergeben werden, Menschen der Priorisierungsgruppe 1 - 3 aber weiterhin Vorrang haben. Aktuell seien noch rund 500.000 Menschen der Prio-Gruppe 3 ohne einen Impftermin, teilte das Innenministerium dem hr mit.

Allein am Montag und Dienstag meldeten sich pro Tag zwischen 1.400 und 1.800 Menschen der Prio-Gruppe 2. Das heißt, alle ohne Priorisierung müssen viel Geduld mitbringen bis sie einen Impftermin bekommen.

Ab Montag könnte es werden wie am "Wühltisch"

Einige Impfwillige werden sicher den scheinbar schnelleren und kürzeren Weg zum Hausarzt wählen: In den Arztpraxen könne es ab Montag werden wie am "Wühltisch im Sommerschlussverkauf", kritisiert Karl Matthias Roth, Sprecher der KV-Hessen. Die Praxen seien von der Politik nicht vorbereitet worden, es gebe keine Unterstützung. "Es war absehbar, dass Praxen Probleme haben werden", sagt Roth. Die aktuellen Schwierigkeiten durch den Mangel an Impfstoff werde sich durch die erhöhte Nachfrage nur verschärfen.

Martin Glauert ist in Niestetal (Kassel) hausärztlicher Internist in einer Gemeinschaftspraxis. Als es mit dem Impfen in Praxen los ging, seien er und seine vier Mitarbeiterinnen mit einem "missionarischen Eifer" dabei gewesen. Mittlerweile ist er ernüchtert: "Der Arbeitsaufwand ist enorm, alle Mitarbeiter machen Überstunden und fühlen sich zunehmend überlastet."

Hausarzt: "Wir erleben Bestechungsversuche und Drohungen"

Es gebe viele unerfreuliche Diskussionen mit Patientinnen und Patienten, die teils "ansprüchlich, fordernd und aggressiv sind". In den Medien würde vermittelt, es gebe den Anspruch auf eine Impfung beim Hausarzt - und den Impfstoff könne man sich noch dazu aussuchen. Viele Patienten reagierten dann mit Unverständnis, wenn nicht sofort geimpft wird: "Wir erleben Bestechungsversuche und Drohungen", erzählt Glauert. Jetzt käme noch die Aufhebung der Priorisierung hinzu, verkündet von der Politik - und die Praxen müssten dann erklären, warum das alles so nicht funktioniert.

Eines der größten Probleme ist der Impfstoff: Viele Praxen wüssten am Ende der Woche noch nicht, wie viel vom bestellten Impfstoff in der nächsten Woche tatsächlich vorhanden ist, sagt Christian Sommerbrodt vom Hausärzteverband Hessen. Er betreibt selbst eine Praxis in Wiesbaden und wisse auch nicht, mit wie viel Impfstoff er rechnen könne. Zuletzt seien es mal 30, ein anderes mal 240 Dosen gewesen. Fällt Impfstoff aus, beginnt die Telefoniererei von vorne, Termine müssen verschoben werden: "Das frisst am meisten Zeit auf", sagt Sommerbrodt.

Mangel an Impfstoff, Flut an Telefonaten

Auch diskutieren viele Patientinnen und Patienten wegen der Art des Impfstoffs: Selbst wer vorab Astrazeneca zugestimmt habe, wolle dann vor Ort doch was anderes, weil der Nebenmann Biontech bekomme. "Die Vorbehalte gegen bestimmte Impfstoffe sind immer noch groß", sagt Sommerbrodt. Um das Impfen zu organisieren, bräuchte er eigentlich neue Mitarbeiter - und eine neue Telefonanlage.

Der Vorrat an Impfstoff werde auch ab Montag nicht größer werden, sagt Sommerbrodt, außerdem käme hinzu, dass ab Montag auch Betriebsärzte impfen und es so tendenziell noch weniger Impfstoff für niedergelassene Ärzte gibt.

Hausarzt Glauert erlebt in seiner Praxis, dass die Aufklärungsgespräche oft langwierig und anstrengend seien, weil die Patienten durch Politik, Wissenschaft und Medien oft widersprüchliche und verwirrende Äußerungen hören. Ernüchternd fällt seine bisherige Bilanz aber besonders beim Arbeitsaufwand aus: Eine Mitarbeiterin ist extra für Telefonate, Terminvergaben und für das Ausrechnen und Bestellen der Impfstoffmengen abgestellt. Normalerweise würde sie Diabetikerschulungen betreuen, diese entfallen nun.

Überforderung - Stopp der Impfungen

An Impftagen in der Praxis in Niesetal sind zwei weitere Mitarbeiterinnen mit den Formalitäten beschäftigt, dazu kommen die Ärzte, die das Aufklärungsgespräch machen müssen. Und der Rest des Praxisalltags muss auch noch bewältigt werden. Die Versorgung der anderen Patienten leide darunter, und finanziell lohne sich das Impfen nicht, sagt Glauert: "Die Bezahlung der Mitarbeiter und ihrer Überstunden sowie der Verdienstausfall durch entfallende normale Diagnostik und Therapie frisst die 20 Euro für jede Impfung auf."

Glauert hat für seine Praxis mittlerweile beschlossen, die Impftätigkeit einzustellen, wenn seine bisher geimpften Patienten die Zweitimpfung erhalten haben. Etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten in der Praxis wurde geimpft. Auch die anderen Arztpraxen im Ort wollen aufhören, sagt er, "da wir bei allem idealistischen Eifer organisatorisch, kräftemäßig und finanziell damit überfordert sind." Die Telefone könnten ab Montag trotzdem wieder heiß laufen.

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