Früher Frankfurt, heute Tel Aviv: Jonathan Heuberger ist nach Israel ausgewandert
Früher Frankfurt, heute Tel Aviv: Jonathan Heuberger ist nach Israel ausgewandert Bild © hr

Und wieder sitzen Juden hierzulande auf gepackten Koffern. Sie verspüren einen steigenden Antisemitismus und überlegen auszuwandern - mancher macht es auch, wie Jonathan Heuberger. Er zog von Frankfurt nach Tel Aviv.

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Der Antisemitismus-Report

80 Jahre nach dem Novemberpogrom der Nazis gegen Juden in Deutschland hat ein hr-Filmteam aktuellen Antisemitismus in Deutschland untersucht. Der Antisemitismus-Report läuft am Montag, 5. November 2018, um 22:45 Uhr im Ersten.

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Jonathan Heuberger kommt, wie viele Menschen in Tel Aviv, auf einem Elektro-Roller angefahren. Für das Interview mit dem hr hat er seinen Lieblingsort in seiner neuen Heimat vorgeschlagen: den Habima-Square am Ende des Rothschild Boulevard vor dem einhundert Jahre alten Habima-Theater, im Zentrum von Tel Aviv.

Der grün bepflanzte Boulevard wurde nach einer Frankfurter Familie benannt, Erinnerungen an die alte Heimat Heubergers.

Heuberger: Eine Entscheidung für Israel, nicht gegen Deutschland

Eigentlich ist Heuberger ein Frankfurter Bub - doch vor fünf Jahren wanderte er nach Israel aus. 2013 war er einer von 105 deutschen Juden, die nach Israel zogen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl laut Jewish Agency auf 171 angestiegen.

Immer wieder hat Heuberger in seiner Kindheit, Jugend und auch während seines Jura-Studiums Antisemitismus erlebt. Doch das sei nicht der Grund für seine Auswanderung, sagt er. "Ich bin nicht aufgrund Deutschlands nach Israel gegangen, sondern eher aufgrund Israels. Es war eine Entscheidung für Israel, nicht gegen Deutschland."

In Israel könne er unbeschwerter leben, mehr Individuum sein, sagt Heuberger. "Ich glaube, dass ich in der israelischen Gesellschaft einfach Jonathan bin, und in Deutschland soll man oft Rollen einnehmen - Repräsentant der jüdischen Gemeinde oder Botschafter des Staates Israel. Oder Position einnehmen, entweder für oder gegen den Staat Israel."

Forscherin: Juden werden für Israels Politik haftbar gemacht

Mit diesem Gefühl ist er nicht allein. Vielen deutschen Juden gehe es so, sagt Professorin Julia Bernstein. Sie ist Antisemitismus-Forscherin an der Fachhochschule in Frankfurt und stellt fest: "Jedes Mal, wenn in Israel etwas passiert, wird es auf die Menschen hier projiziert, sodass sie in Gefahr stehen für die Nahostpolitik verantwortlich gemacht zu werden."

Bernstein empört sich darüber. Es müsse möglich sein, dass Kippa und Davidstern nicht mit Unterdrückung von Palästinensern und Siedlungspolitik in Zusammenhang gebracht würden. Dass Juden mit der Kippa in die Öffentlichkeit gehen könnten, ohne angespuckt oder angegriffen zu werden.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, spricht vom Bild der gepackten Koffer. Nach dem Holocaust hätten die Überlebenden jahrzehntelang auf gepackten Koffern gesessen. Erst in den achtziger Jahren fühlten sie sich in der Bundesrepublik so sicher, dass sie ihre Koffer - im übertragenen Sinn - endgültig auspackten.

Inzwischen gebe es wieder Unbehagen: "Der eine oder andere guckt schon mal wieder, wo er denn eigentlich den leeren Koffer verstaut hat." Das beobachtet auch Heuberger: "Ich höre von immer mehr Leuten, dass sie überdenken, in Deutschland zu leben."

40 Prozent der Bevölkerung nimmt steigenden Antisemitismus wahr

Kriminalitätsstatistik und Studien spiegeln dieses Empfinden nicht. So gab es nach Angaben des Bundesinnenministeriums im Jahr 2009 insgesamt 1.690 polizeilich bekannte antisemitische Straftaten, im Jahr 2017 waren es 1.504. Gleichwohl sagen laut einer Studie der Universität Bielefeld 78 Prozent der Juden, dass der Antisemitismus in Deutschland zugenommen habe. Und: Vier von zehn deutschen Erwachsenen glauben nach einer aktuellen infratest-dimap-Umfrage im Auftrag des hr, dass der Antisemitismus im Land gestiegen sei.

Es gibt also ein Auseinanderklaffen zwischen der subjektiven Wahrnehmung der Betroffenen und dem, was die Kriminalstatistik aussagt. "Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass der Antisemitismus in jüngster Vergangenheit öffentlich deutlich wahrnehmbarer geworden ist", sagt der Berliner Antisemitismusforscher Samuel Salzborn. Vor allem im Internet wird der Antisemitismus lauter und aggressiver, ergab die Studie der Berliner Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel im Sommer 2018.

"Euch hat man vergessen zu vergasen"

Den Antisemitismus im Alltag hat der Frankfurter Jonathan Heuberger erlebt. Er spielte bei dem jüdischen Sportverein Makkabi Frankfurt Fußball. In dem Verein spielen Hessen vieler Konfessionen und Nationalitäten. Und trotzdem - Antisemitismus gibt es immer wieder. "Euch hat man vergessen zu vergasen! Wir bauen eine U-Bahn von Frankfurt bis nach Auschwitz!", solche Sätze habe er auf dem Spielfeld immer wieder gehört.

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Kippa

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie hessische Juden Antisemitismus erleben

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Auch Cüynet Yalcin ist schon seit vielen Jahren bei Makkabi. Er ist Muslim, früher Spieler, heute ehrenamtlicher Fussballtrainer. Er trägt seinen blauen Trainingsanzug mit dem weißen Davidsstern und dem Makkabi Schriftzug mit Stolz. "Wir haben uns natürlich immer hinter den gestellt, der beschimpft wurde. Wir sind ein Team, wir gehören zusammen. Ob ich ein Jude bin oder nicht".

Der Präsident des Vereins, Alon Meyer, nimmt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Nahostkonflikt in Israel und Antisemitismus auf hessischen Fussballplätzen wahr: "Wenn es im Nahen Osten eskaliert, dann korreliert das sehr stark hier auf unseren Plätzen. Vor allem in unteren Klassen ist dann hier Kriegszustand." Worte wie "Scheiß Jude" seien keine Seltenheit und zum Schiedsrichter: "Schiedsrichter, zieh dein Judentrikot aus, was haben die Juden dir bezahlt?"

Der Neu-Israeli Heuberger und der Alt-Frankfurter Yalcin lassen sich nicht unterkriegen. Yalcin kann sich an Jugendfreunde erinnern, die ihn kritisiert hätten, als er begann, für Makkabi zu spielen. Er lud sie zum Training, sie kamen - und wurden begeisterte Vereinsmitglieder. Heuberger sagt, er habe trotz des wachsenden Antisemitismus in seinem Geburtsland ein "positives Gefühl" zu Deutschland. Zwar hat er in seiner neuen Heimat Tel Aviv deutlich besseres Wetter und einen Strand vor der Haustür - doch er vermisst einiges an Deutschland: zum Beispiel die Bundesliga.

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Maßnahmen gegen Antisemitismus in Hessen

In Hessen gibt es zwei Stellen, bei denen antisemitische Vorfälle gemeldet werden können. Response Hessen aus Frankfurt sammelt Vorfälle rechter Gewalt, unter anderem rechten Antisemitismus. Auch die Informationsstelle Antisemitismus, die zum "Sara Nussbaum Zentrum" in Kassel gehört, sammelt antisemitische Vorfälle.

Eine Anfrage des Hessischen Rundfunks unter den Bundesländern zu Maßnahmen gegen Antisemitismus ergab: Hessen ist eines von  drei Bundesländern, in denen antisemitische Vorfälle an Schulen dem Kultusministerium gemeldet werden müssen.

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