Frau mit Mundschutz schaut auf Handy

Europaweit wird an einer Handy-App zur Warnung vor möglichen Corona-Infektionen gearbeitet. Im Blog "Corona Tracing" beobachtet der Kasseler Rechtsprofessor Roßnagel mit Kollegen die Entwicklung. Er warnt vor Datenschutzverletzungen.

Das Smartphone vibriert, eine App meldet dem Besitzer, dass er vor kurzem Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte. Er kann sich jetzt beim Gesundheitsamt oder einem Arzt melden oder in Quarantäne gehen. Mithilfe einer solchen App lassen sich Kontaktpersonen von bestätigt Infizierten viel rascher als bisher finden und im Zweifel isolieren. Infektionsketten würden dadurch aufgebrochen. Pandemie-Maßnahmen könnten gelockert werden.

Was so wunderbar klingt, ist noch Theorie. Und es gibt viele Hindernisse. Vor allem Datenschützer haben Bedenken, sehr zum Unwillen mancher Politiker und Virologen. Alexander Roßnagel, Senior-Professor für Öffentliches Recht am Zentrum für Informationstechnikgestaltung der Universität Kassel, ist kein grundsätzlicher Gegner einer App. Aber er pocht darauf: Sie muss hohe Anforderungen an Datenschutz und Transparenz erfüllen.

"Contact Tracing" gegen die Pandemie

"Die erhobenen Daten müssen auf ein Minimum reduziert werden", fordert Roßnagel. Um das sicherzustellen, brauche es Transparenz und Kontrolle. Roßnagel betreibt mit anderen Wissenschaftlern den Blog "Corona Tracing", in dem sie die Entwicklungen zu geplanten Corona-Apps beobachten und kommentieren.

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Noch wird an der Grundlagentechnologie für eine solche App gearbeitet. Perspektivisch soll sie grenzüberschreitend in vielen europäischen Staaten funktionieren. Am Donnerstag wurde bekannt, dass sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine unter Wissenschaftlern umstrittene Technologie entschieden hat, die beim "Contact Tracing" Daten zentral speichert. Das berichtete das Handelsblatt. Gerade dieses Modell ist wegen Datenschutzfragen umstritten.

Anonyme Bluetooth-Begegnungen

Konkret soll die Anwendung so aussehen: Menschen haben freiwillig die App heruntergeladen und begegnen sich, dabei sind sie für 15 Minuten weniger als zwei Meter voneinander entfernt. Mittels Bluetooth erkennen ihre Smartphones die jeweils anderen und speichern die Kontakte anonymisiert auf einem Server, der etwa vom Robert-Koch-Institut betrieben werden könnte. Wenn einer von ihnen Tage später positiv auf Corona getestet wird, kann er das in die App eingeben. Alle fraglichen Kontaktpersonen erhalten dann einen Push als Warnhinweis aufs Handy.

Und zwar ohne dass sie wissen, wer die oder der Infizierte ist oder wo der Kontakt stattfand. Die App erhebt keine Bewegungsdaten über GPS.

Der Kasseler Experte Roßnagel sagt zur Software einer Corona-App: "Optimal wäre Open Source. Oder zumindest würde die App vertrauenswürdigen Informatikern zur Verfügung gestellt, damit sie prüfen können, ob es Hintertüren gibt." Bei Open Source ist der Quelltext einer Software einsehbar. Damit ließe sich etwa erkennen, ob die App noch andere Daten speichert.

"Dem an sich guten Zweck kann niemand ernsthaft widersprechen - wenn er denn erreicht wird", schreiben die Blogger. Negative Nebeneffekte dürften den erhofften Nutzen zur Pandemiebekämpfung nicht übersteigen. Gesundheitsdaten seien interessant für Hacker und Unternehmen.

"Corona-App von Apple und Google nicht nutzen"

Auf private Daten dürfe es "weder Zugriff von staatlichen Stellen noch Zugriff von Smartphonebetreibern geben", mahnt Roßnagel. Die App dürfe nur erfassen, wer lange genug für eine Infektion in der Nähe von jemand anderem war, und das nur anonymisiert. Um jeden Zugriff von Unberechtigten zu verhindern, sollte eine solche App auch nicht über die großen App-Stores angeboten werden. Eine Corona-App von Apple und Google, die bereits bei der Entwicklung zusammenarbeiten, solle aus Datenschützersicht besser gar nicht genutzt werden, sagt Roßnagel.

Der Staat muss Leben und Gesundheit schützen, dafür hat er Grundrechte wie Versammlungs-, Bewegungs- und Religionsfreiheit eingeschränkt. Mit einer Tracing-App könne er diese Freiheiten wieder besser herstellen, sagt Roßnagel, greife aber in das Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung ein: "Und das darf er nur, soweit das auch erforderlich ist."

Konflikt bei der App-Entwicklung

Dafür ist zentral, wer auf Daten zugreifen kann und wo sie gespeichert werden: "Für den Zweck der Pandemiebekämpfung ist es nicht nötig, dass an irgendeiner zentralen Stelle Daten gespeichert werden", meint Roßnagel. Lägen alle Daten zentral an einer Stelle, wäre das womöglich ein Ziel für Hacker.

Genau dieser Punkt führt aktuell zu Streit unter Experten: Am Wochenende verließen mehrere Forschungsinstitute das von Bund und Ländern unterstützte europaweite App-Projekt mit dem sperrigen Namen Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing, kurz Pepp-PT, das federführend vom Fraunhofer Institut entwickelt wird. 300 Wissenschaftler wendeten sich Anfang der Woche in einem offenen Brief gegen die zentrale Speicherung der Daten. Am Donnerstag wurde nun bekannt, dass Spahn trotzdem auf Pepp-PT setzt und Alternativen ausschließt.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Per Handy-App aus der Corona-Isolation?

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Einer der Beteiligten an der Entwicklung von Pepp-PT ist der IT-Unternehmer Chris Boos. Boos sagte im Gespräch mit hr-iNFO: Wenn 60 Prozent der Bevölkerung diese App freiwillig herunterladen und nutzen würden, brauche es keine Corona-Maßnahmen mehr. Das zeige eine Studie aus Oxford. Allerdings ergebe die App erst Sinn, wenn die Zahl der Infektionen signifikant sinke, voraussichtlich Ende April.

Spahn sprach zuletzt von "eher vier als zwei Wochen" bis zum Start der App - also bis nach dem 3. Mai. Bis zu dem Tag gelten die aktuellen Corona-Regeln.

Technische Hürde

Ob die Handy-App funktioniert, hängt am Ende auch an den Betriebssystemen von Apple und Google (Android). Experten warnen jetzt schon, dass selbst deren gemeinsame Corona-Warn-App technisch scheitern könnte: Die Funk-Technik Bluetooth Low Energy, die sie benutzen, werde von rund zwei Milliarden Geräten weltweit nicht unterstützt. Auf jedem vierten Smartphone funktioniere diese Bluetooth-Variante also gar nicht.

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46 Kommentare

  • Die App schütz nicht vor Ansteckung! Wer einem Infizierten zu nahe gekommen ist, muss unter Umständern die Inkubationszeit abwarten, die bis zu zwei Wochen dauern kann. Lässt er sich nach Warnung durch App testen kann es sein, dass nichts gefunden wird. Doch das dicke Ende kommt dann später. Selbst ein milder Verlauf nützt anderen nichts, denn der Erkrankte steckt andere an. Ein normales Leben ist so schnell nicht zu ereichen, was auch mit der Disziplinlosigkeit vieler Zeitgenossen zu tun hat. Solange es keinen Impfstoff gibt und das wird noch dauern, solange gibt es nur eine Alternative und diese heißt Abstand halten. Zur Zeit leben wir in der Covid19 Normalität. Noch ein Punkt: Wie Wuhan meldet sind selbst Genesene ansteckend. China fährt seine Schutzmaßnahmen erneut hoch! Das sollte als Warnung genügen!

  • Ii finde seher gut

  • @ Manfred Hensel

    Es geht bei der Corona App nicht darum, primär sich direkt selbst zu schützen. Es geht darum, die Infektionsketten schneller zu unterbrechen und die Ansteckungen durch noch symptomlose Covid19 Infizierte zu reduzieren. Das ist dadurch ein indirekter Schutz für alle in der Gesellschaft.

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