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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Arbeitsalltag: "Zu hundert Prozent kann die Abstandsregelung niemand umsetzen"

Eine Erzieherin liest zwei Mädchen in der Kita aus einem Buch vor.

Vorgeschrieben sind eineinhalb Meter Abstand. Doch in manchen Berufen ist die Einhaltung dieser Corona-Schutzmaßnahme gar nicht so einfach. Ein Arzt, eine Erzieherin, ein Polizist und ein Verkäufer berichten aus ihrem Arbeitsalltag.

Bitte Abstand halten! Seit Wochen gelten die Corona-Kontaktbeschränkungen, und damit auch die Regel, dass man zu Menschen, die nicht in demselben Haushalt leben, auf Distanz gehen soll - auf mindestens 1,50 Meter. Aber viele können sich nicht daran halten. Denn sie arbeiten mit Menschen - und das mitunter auch ganz ohne Abstand. Wir haben mit vier von ihnen gesprochen.

Die Erzieherin: "Traurige Kinder nehme ich natürlich in den Arm"

Sabrina Braun, Erzieherin im Kath. Kita- und Familienzentrum St. Hildegard, Limburg.

"Normalerweise sind bei uns 68 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, aktuell sind es 14. Aber auch da ist es schon sehr schwierig, den Abstand einzuhalten. Beim Spielen oder beim Vorlesen versuche ich das, aber auch das klappt nicht immer, weil die Kinder den Kontakt wollen. Und wenn sich ein Kind weh getan hat oder traurig ist, dann nehme ich es natürlich in den Arm.

Privat habe ich meine Kontakte aufs Nötigste beschränkt. Ich besuche auch meine Eltern nicht mehr, die zählen beide zur Risikogruppe. Ich habe Sorge, dass ich mir das Virus hier einfangen könnte und andere anstecke - oder dass ich es mir draußen einfangen könnte und hier die Kolleginnen oder Kinder anstecke.

Sabrina Braun.

Wenn ich jetzt morgens die Kinder zur Begrüßung auf den Arm nehme, weiß ich ja zum Beispiel nicht, ob die Mutter ihm gerade noch einen Abschiedskuss auf die Backe gegeben hat und ob das Virus so übertragen werden könnte.

Am Anfang waren die Kinder alle sehr verunsichert, inzwischen legt sich das aber. Kommende Woche kommen aber noch mehr Kinder, da müssen wir dann die Gruppen teilen und die Bereiche trennen, das wird wieder ganz ungewohnt – denn eigentlich verfolgen wir ein offenes Konzept, und alle Kinder dürfen überall hin."

Der Polizist: "Bei der Verfolgung ist keine Zeit für Atemschutz"

André Bäumer, Polizeioberkommissar in Wetzlar.

"Seit diesem Montag tragen wir bei jedem Einsatz Mund-Nasen-Schutz, egal ob Ladendiebstahl oder Verkehrsunfall. Das machen wir zum Schutz, außerdem hat es einfach Vorbildcharakter. Bisher muss man den Menschen echt ein dickes Lob aussprechen, der allergrößte Teil hält sich an die neuen Regeln, auch an das Abstandsgebot. Die Akzeptanz würde aber vermutlich ganz schnell sinken, wenn die Polizei irgendwo ohne Schutz hinkäme und was von Maskenpflicht erzählen oder den Abstand nicht einhalten würde.

Natürlich gibt es aber auch Situationen, in denen das nicht geht. Im letzten Nachtdienst haben wir morgens um halb fünf in Braunfels (Lahn-Dill) ein Auto verfolgt, das zu schnell unterwegs war. Erst war es entwischt, kurz darauf haben wir es wieder entdeckt, und alle drei Insassen stürzten aus dem Auto und rannten panisch weg. Da kann man den Schutz dann nicht mehr vorschriftsmäßig über Nase und Mund ziehen oder Brille oder Einweghandschuhe anziehen. Zumal die Maske ja auch beim Laufen hindern würde.

André Bäumer mit Taschenlampe bei einer Kontrolle.

In dem Moment habe ich aber auch gar nicht daran gedacht. Da wollte ich dem einfach hinterher und ihn festnehmen, da bin ich Polizist durch und durch. Bei der Festnahme kann man auch keinen Abstand einhalten. Erst nachdem ich ihm die Handschellen angelegt hatte war dann Zeit, die Schutzkleidung anzuziehen. Das habe ich auch gemacht und ihn gefragt, ob er Erkältungssymptome hat. Das fragen wir jetzt übrigens bei jedem Einsatz."

Der Verkäufer: "In den Gängen kommt man sich näher"

Herr S., Supermarktinhaber aus Marburg

"Zu hundert Prozent kann die Abstandsregelung niemand umsetzen, das gilt natürlich auch für unseren Supermarkt. Ich führe einen relativ kleinen Laden, die Gänge sind zum Teil nicht sehr breit. Natürlich kommt es beim Regaleeinräumen vor, dass ein Kunde im Gang etwas näher an einem vorbeiläuft. Aber solange man sich dabei nicht umarmt oder ein Küsschen gibt, finde ich das in Ordnung. Draußen auf der Straße läuft schließlich auch jemand hin und wieder mal mit weniger Abstand als eineinhalb Metern an einem vorbei. Wenn wir das hier nicht mehr machen dürften, müssten wir den Laden zumachen. Ich denke: Wir müssen uns damit abfinden und damit leben.

Die größte Herausforderung sehe ich immer noch an den Kassen, weil man da ja direkt miteinander spricht und den Abstand schlecht einhalten kann. Wir haben das hier mit Markierungen auf dem Boden und Plexiglasscheiben gelöst. Ich finde, das klappt ganz gut so. Die Kunden achten auch darauf und gehen größtenteils von selbst auf Abstand.

Es ist übrigens allgemein viel ruhiger geworden im Laden, die Leute sind geduldiger und freundlicher - auch wenn die Schlange mal länger ist. Vor zwei Monaten wäre das ganz anders gewesen. Nur auf die Maskenpflicht im Laden müssen wir jetzt oft hinweisen. Manche Leute tragen ihre Masken unter der Nase, andere wollten auch schon mit einem Taschentuch vor dem Mund rein. Das geht natürlich nicht.

Ich und meine Mitarbeiter müssen ja jetzt auch die ganze Zeit im Laden eine Maske tragen, nur im Lager nehmen wir sie ab. Ich finden das sehr anstrengend. Hier wird ja richtig körperlich gearbeitet, wir schleppen Kisten und so weiter, dabei bekommt man dann kaum Luft. Das ist wirklich schrecklich. Gehen Sie doch mal mit Atemmaske joggen. Aber wenn die Kunden das müssen, müssen wir das natürlich auch."

Der Arzt: "Bei der Wiederbelebung hatte ich ein ungutes Gefühl"

Bernd Sattler, Anästhesist, Uniklinik Marburg

"Im Einsatz kann man die 1,50 Meter getrost vergessen. Am OP-Tisch oder bei einer Wiederbelebung stehen wir wie eine Traube zusammen. Und wenn ich einen Patienten intubiere (Beatmungsschlauch anlegen, Red.), komme ich mit meinem Gesicht sehr nah an seines. Das kann gefährlich sein - vor allem für mich. Denn ich gehöre selbst zur Risikogruppe, bin über 60, habe Vorerkrankungen und hohen Blutdruck.

Bernd Sattler.

Kürzlich wurde ich im Nachtdienst zu einer Wiederbelebung gerufen, auf der Covid-Station. Bei dem Patient bestand ein hochgradiger Corona-Verdacht, das Testergebnis lag noch nicht vor. So eine Wiederbelebung dauert eine halbe Stunde oder länger und wir arbeiten da ganz dicht am Patienten, zum Beispiel bei der Beatmung oder der Herzdruckmassage.

Durch Corona haben diese Einsätze eine neue Dimension bekommen, man lebt mit der Angst. Ich hatte an dem Tag auch ein ungutes Gefühl. Trotzdem - wenn die Wiederbelebung in Gange ist, steige ich richtig ein. Das ist einfach Berufsrisiko. Selbst dann, wenn ich vom ersten Anschein her vermute, dass wir auf verlorenem Posten stehen. Direkt nach diesem Einsatz bin ich aber unter die Dusche gesprungen und habe alle Klamotten über die Wäscherei entsorgt.

Das liegt auch daran, dass man unter der speziellen Covid-Schutzausrüstung schwitzt wie wahnsinnig. Wir tragen FFP2- oder -3-Masken, dazu ein Visier mit durchsichtigem Plexiglas über dem ganzen Gesicht. Der Kittel ist dampfundurchlässig, und wir haben einen doppelten Handschuhsatz an. Das Anlegen dieser Dinge kostet bei einer Wiederbelebung natürlich wertvolle Zeit, aber Eigenschutz geht vor. Bei der Ausrüstung sagt die Klinik nach außen immer, es sei genug da, aber intern heißt es, wir sollen sparen. Das passt für mich nicht zusammen.(*)

Am nächsten Tag kam übrigens der Anruf mit dem Testergebnis: Der Patient war negativ. Da war ich sehr erleichtert."

(*) Die Pressestelle der Uniklinik Gießen und Marburg erklärt dazu: "Es ist ausreichend Material vorhanden, aber nicht unbegrenzt. Wir bekommen auch regelmäßig neue Ausrüstung. Wir wissen aber nicht, wie lange die Krise andauert und wie die Lieferketten sich entwickeln, daher müssen wir sehr ressourcenschonend mit dem Material umgehen."

Aufgezeichnet von Bodo Weissenborn und Rebekka Dieckmann.

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 29.4., 14.30 Uhr