Eine Spritze mit dem Astrazeneca-Impfstoff wird aufgezogen.

Corona-Impfungen mit Astrazeneca werden immer wieder abgesagt, viele Impfdosen bleiben liegen. Während sich auch Ministerpräsident Bouffier offen für eine lockerere Impfreihenfolge zeigt, startet eine Offenbacher Ärztin eine Online-Petition.

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Es ist nur ein kleiner Piks, trotzdem bereitet er manchen Menschen große Sorgen: Wie sicher und wirksam sind die Corona-Impfstoffe? Der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca scheint dabei ein besonderes Image-Problem zu haben.

Weil er derzeit nur für unter 65-Jährige empfohlen ist, wird der Impfstoff hauptsächlich Menschen angeboten, die wegen ihrer Berufe zu den Impfpriorisierungsgruppen eins und zwei gehören: etwa medizinischem Personal, Erzieherinnen und Erziehern, Grundschullehrerinnen und -lehrern. Doch nun bleiben viele Dosen ungenutzt.

113.000 Impfdosen hat Hessen nach Angaben der Landesregierung bislang von Astrazeneca bekommen, 22.500 wurden verimpft - gerade einmal 20 Prozent. Und am Montag wurden noch einmal 50.000 Impfdosen des gleichen Herstellers erwartet.

Offenbacher Ärztin startet Impfstoff-Petition

"Es kann doch nicht sein, dass so viel Impfstoff ungenutzt herumliegt und wir dadurch wertvolle Zeit verlieren", sagt die Offenbacher Ärztin Marlene Kneifel-Flügel. Gemeinsam mit ihrem Mann startete sie am Sonntag eine Onlinepetition, in der sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auffordert, einen gewissen Prozentsatz des Astrazeneca-Impfstoffes sofort für Interessierte zur Verfügung zu stellen.

"Impfstoff gehört in den Oberarm und nicht in den Kühlschrank", heißt es in der Petition. Der Vorschlag: Interessierte sollten sich online registrieren können und dann über freie Impftermine informiert werden können, die Menschen aus den Priorisierungsgruppen nicht wahrnehmen wollen.

Kneifel-Flügel betont: Sie sei klar für Priorisierungsgruppen, aber die Ablehnung sei nun mal bei manchen Menschen da, und darauf müsse nun schnell regiert werden. "In unserem Bekanntenkreis gibt es viele, die die Impfung sofort nehmen würden.

Uniklinik Marburg: Nicht alle Termine wahrgenommen

Die Astrazeneca-Skepsis beschäftigt inzwischen auch die Klinikleitung des Marburger Universitätsklinikums. "Wir sehen bei den Impfanmeldungen, dass wir es gar nicht schaffen, alle zur Verfügung stehenden Impftermine mit Impfwilligen zu füllen", berichtet der ärztliche Geschäftsführer, Harald Renz.

"Es gibt offensichtlich ein Angst-Potential, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Gefühl haben, mit Astrazeneca tue ich mir nichts Gutes." Die Klinikleitung habe das Problem erkannt und inzwischen das Personal über den Impfstoff aufgeklärt und angehalten, sich damit impfen zu lassen.

Ministerpräsident Bouffier offen für flexiblere Impfungen

Tatsächlich liegt Hessen im Bundesvergleich auf dem letzten Platz, was das Verhältnis von gelieferten Impfdosen und tatsächlichen Impfungen angeht.

Insgesamt wurden nach Hessen bisher 717.930 Dosen der drei bisher zugelassenen Hersteller geliefert. Verimpft wurden nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts aktuell 61 Prozent. Spitzenreiter Rheinland-Pfalz kommt dagegen auf eine Quote von 81 Prozent.

Und vor allem Astrazeneka ist eben ein Ladenhüter. Angesichts der Zurückhaltung zeigt sich inzwischen auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) offen, die Impfreihenfolge zu lockern, um die Verschwendung von liegengebliebenem Corona-Impfstoff zu vermeiden. Am Wochenende sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Ich habe viel Sympathie für diese Ideen." Es müsse jedoch noch konkret geklärt werden, wie das gehen soll.

Bund zögert

Die Bundesregierung wies allerdings am Montag die Forderung von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zurück, dass der Impfstoff von Astrazeneca für alle freigegeben werden sollte. Ein Regierungssprecher betonte zudem, dass es ganz unterschiedliche Gründe gebe, wieso noch nicht alle Impfdosen verimpft seien.

Das Gesundheitsministerium erklärte, dass es genug Personen in den Prioritätengruppen gebe, die zuerst geimpft werden sollten und auch geimpft werden wollten. Ein Sprecher lehnte zudem die Forderung Sachsens ab, dass die Grenzregionen jetzt bevorzugt und komplett durchgeimpft werden sollten.

Frankfurter Professorin: Astrazeneca schützt sicher

Doch was ist dran an den Vorbehalten? Besonders umstritten ist die Wirksamkeit von Astrazeneca, die mit rund 70 Prozent angegeben wird. Zum Vergleich: Die Impfstoffe von Biontech und Moderna kommen nach eigenen Angaben auf über 90 Prozent. Die Frankfurter Professorin Sabine Wicker ist Vize-Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. Sie erklärt: Die 70 Prozent bedeuten nicht, dass die anderen 30 Prozent nicht geschützt sind.

"Es kann sein, dass der Schutz vor leichten oder moderaten Krankheitsverläufen nicht ganz so ausgeprägt ist." Dennoch betont die Medizinerin: Die Impfung schütze sicher vor schweren, mitunter sogar tödlichen Krankheitsverläufen. "Und das ist schließlich das definitive Impfziel."

Laut Wicker können durchaus Nebenwirkungen auftreten, vor allem nach der ersten Spritze. Dazu gehörten etwa Schmerzen im geimpften Arm, Kopf- und Gliederschmerzen und erhöhte Temperatur. "Die gute Nachricht ist, dass die Nebenwirkungen meist nach ein oder zwei Tagen abklingen."

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Wirksam gegen Mutationen?

Aufgrund fehlender Daten bei älteren Menschen wird das Vakzin aktuell nur Menschen zwischen 18 und 64 Jahren empfohlen. Ebenfalls unklar ist noch, wie wirksam der Astrazeneca-Impfstoff gegen Mutationen des Corona-Virus hilft. Eine Studie aus Großbritannien stellte eine ähnliche Wirksamkeit gegen die sich auch in Deutschland weiter ausbreitende B.1.1.7-Variante. Nach derzeitigem Kenntnisstand könnte die Wirksamkeit bei der südafrikanischen Mutation B.1.351 deutlich geringer sein, exakte Zahlen liegen aber noch nicht vor.

Astrazeneca hat auch entscheidende Vorteile: Das Vakzin kann bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad aufbewahrt werden. Die extreme Tiefkühlung des Biontech-Impfstoffs bei minus 70 Grad sorgt dagegen für logistische Herausforderungen und höhere Kosten. Zudem ist der Stoff von Astrazeneca mit nur 1,78 Euro pro Dosis in der Anschaffung deutlich günstiger. Das Vakzin von Biontech kostet für die Europäische Union rund 12 Euro.

Arzt über Nebenwirkungen: Schmerztablette hat geholfen

Auch der Vorsitzende des Hausärzteverbandes in Hessen, Armin Beck, kennt die Skepsis aus seiner Corona-Schwerpunktpraxis und führt sie auf Missinformation zurück. "Das ist vom Bundesgesundheitsministerium zum Teil etwas ungeschickt in die Welt getragen worden und dann von irgendwelchen Pressemenschen falsch aufgefasst worden", sagt der Arzt. Seiner Meinung nach seien Dinge falsch dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Becks Kollege Patrick Funes-Schmitz ist bereits mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft worden. Die Nebenwirkungen seien genau zwölf Stunden nach der ersten Impfung eingetreten sei. "Da kann man eigentlich die Uhr nach stellen". Der Allgemeinmediziner berichtet von erhöhter Temperatur, Muskel- und Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit. "So ähnlich wie bei einer normalen Grippe." Nach einem Tag sei es vorübergegangen, eine Schmerztablette habe geholfen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.02.2021, 19.30 Uhr