Über 100 der gigantischen Castorbehälter stehen im Zwischenlager Biblis und warten auf ihre endgültige Lagerung.

Im Jahr 2046 läuft die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Biblis ab. Der hochradioaktive Müll müsste dann in ein Endlager. Doch dieser Termin wird nicht einmal annähernd zu halten sein, glaubt der Darmstädter Nuklearexperte Michael Sailer.

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Audioseite Große Herausforderungen bei Suche nach Endlager

Eine Archivaufnahme aus dem Jahr 2015 - Umladen eines Castor-Behälters im Zwischenlager Biblis.
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Unweit des stillgelegten Atomkraftwerks Biblis steht ein großer, grauer Betonklotz, dessen Inhalt es in sich hat: Über 100 der sogenannten Castor-Behälter mit hochradioaktivem Müll lagern hier - jeder sechs Meter hoch und 130 Tonnen schwer.

Bis 2046 dürfen die mächtigen Zylinder hier stehen, dann läuft die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Biblis ab. Die abgebrannten Brennelemente müssen dann in ein Endlager gebracht werden. Doch dieser Termin wird nicht einmal annähernd zu halten - meint jedenfalls der Nuklearexperte und ehemalige Fachbereichsleiter am Darmstädter Öko-Institut, Michael Sailer.

Nuklearexperte: Zwischenlager bis 2080

Sailer geht davon aus, dass der Atommüll das Zwischenlager nicht vor 2080 verlassen wird, eher noch später, wie er dem hr sagt. Der Knackpunkt dabei: Die Suche nach einem Endlager. Zwar habe der Bund sich durch das Standortauswahlgesetz verpflichtet, bis 2031 einen geeigneten Ort zu finden, doch selbst wenn das gelingen sollte, sei der Prozess dann noch lange nicht abgeschlossen.

Sailer rechnet wie folgt: "Sollte der Standort bis 2031 feststehen, kommen noch Genehmigungsverfahren und Bau. Dann wird das Endlager vielleicht 2050 eröffnet." Erst danach könnte der hochradioaktive Müll aus den insgesamt 16 Zwischenlagern in ganz Deutschland dort eingelagert werden.

Dieser Prozess, der sehr viel Sorgfalt erfordere, wird nach Sailers Einschätzung etwa 30 Jahre dauern, also bis 2080. Und dabei geht Sailer schon von dem Idealfall aus, dass der Standort für das Endlager tatsächlich bis 2031 feststeht - das tatsächliche Ende der Zwischenlagerung könnte sich also noch weiter nach hinten verschieben, vielleicht sogar bis ins nächste Jahrhundert.

Eine Frage der Sicherheit

Das wirft automatisch die Frage nach der Sicherheit auf: "Die Zwischenlager sind nicht beliebig sicher", sagt Sailer. Es müsse genau geschaut werden, ob die Behälter für die Brennelemente auch nach 2046 noch verwendet werden können oder zusätzliche Absicherungen nötig sind.

Hinzu kämen die Gefahren, die eine Atommüll-Lagerung an der Erdoberfläche mit sich bringt, wie etwa Naturkatastrophen, Unfälle oder sogar Terroranschläge. "Alles, was sich an der Oberfläche abspielt, ist davon abhängig, dass Menschen darauf aufpassen."

Ein Endlager weit unter der Erde ist für Sailer demnach alternativlos. Akute Gefahr für die Menschen rund um Biblis bestehe aber nicht, denn Sailer hält das Zwischenlager für den Umständen entsprechend sicher.

Umweltaktivist: Zwischenlager wie eine "Kartoffelscheune"

Eine Einschätzung, die Umweltaktivist Volker Ahlers, Vorsitzender des Vereins "Atomerbe Biblis", nicht teilt. Das Zwischenlager sei nicht mehr als eine "Kartoffelscheune", in der jetzt die Brennelemente stehen, sagt er dem hr. Das bereite ihm ein ungutes Gefühl.

Auch wenn die Meinungen über die Sicherheit im Zwischenlager Biblis auseinandergehen, ist eines sicher: Deutlich besser wären die Brennstäbe in einem Endlager aufgehoben. Doch die Suche nach einem solchen läuft bereits seit über einem halben Jahrhundert. Bereits Anfang der 1960er-Jahre wurden im Rahmen des zweiten Atomprogramms der Bundesregierung Schritte zur Realisierung eines Endlagers angekündigt.

Dass die Suche bislang nicht von Erfolg geprägt war, liegt laut Sailer nicht nur am teils heftigen politischen und zivilen Widerstand, sondern auch an den hohen Sicherheitsanforderungen, die an einen solchen Ort gestellt werden: "Es geht darum, das bestmögliche Endlager für Deutschland zu finden."

Noch kein konkreter Fahrplan

Derzeit befindet sich die Suche nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) "im zweiten Abschnitt der ersten von insgesamt drei großen Phasen zur Bestimmung eines Endlagerstandortes", wie eine Sprecherin dem hr mitteilte. Das BASE beaufsichtigt den Findungsprozess.

Ob der Termin 2031 zu halten sein wird, vermag das BASE noch nicht zu sagen. Derzeit liege von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die wiederum für die konkrete Suche und Auswahl des Standortes zuständig ist, noch kein detaillierter Fahrplan vor. Allerdings sieht auch das BASE die Dringlichkeit: "Bis zur Standortentscheidung müssen die hochradioaktiven Abfälle in oberirdischen Zwischenlagern aufbewahrt werden. Dies kann kein Endlager ersetzen."

Theoretisch sieht der Fahrplan bis zum Endlager so aus: In Phase eins werden laut Standortbestimmungsgesetz die möglichen Standorte immer weiter eingegrenzt, derzeit kommen demnach noch rund 50 Prozent der Bundesrepublik in Frage. Aktuell versucht die BGE die Auswahl noch weiter einzuengen. In Phase zwei wird dann die oberirdische Beschaffenheit möglicher Endlager-Standorte geprüft, in Phase drei die unterirdische.

Zeitreise in eine weit entfernte Zukunft

Dabei ist laut dem Nuklearexperten Sailer vor allem die geologische Beschaffenheit von großer Bedeutung. Dicke Salzschichten oder Ton eigneten sich am besten.

Zudem - und das ist wohl die größte Herausforderung - müssen die Geologen weit in die Zukunft blicken, um mögliche Gefahren, wie etwa Erdbeben oder Vulkanismus auszuschließen. "Die Brennstäbe müssen dort die nächsten eine Million Jahre sicher sein", sagt Sailer. Erst dann sei das Atommüll-Problem wirklich und endgültig gelöst.

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