Ein Mann mit Rucksack steht an einer Straße, im Hintergrund ein Flughafengebäude und Soldaten in Tarnkleidung.

Weil die Behörden seine Verlobte nicht ausreisen lassen wollten, harrte auch Asib Malekzada aus Kassel in Afghanistan aus. Nun sind beide sicher in Frankfurt gelandet. Doch die Erlebnisse am Flughafen Kabul werden sie noch lange verfolgen.

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Audioseite Weitere Flugzeuge mit Geretteten aus Afghanistan gelandet

Im Dunkel der Nacht landet ein Flugzeug auf der beleuchteten Landebahn.
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Das Ziel, das für Asib Malekzada vor zwei Tagen noch so fern schien, ist nun erreicht: Gemeinsam mit seiner Verlobten konnte er Afghanistan verlassen und landete am Donnerstagmorgen in einem von zwei Evakuierungsfliegern mit insgesamt rund 500 Geretteten sicher in Frankfurt.

"Wir sind sehr froh und glücklich und dankbar, dass wir da endlich raus sind", beschreibt der 33-Jährige aus Kassel seine Erleichterung. Sehr müde und erschöpft seien sie beide, und mitgenommen von der Situation, die sie in den vergangenen Tagen erleben mussten.

Seit Stunden im Transitbereich

Doch zurück nach Kassel konnte das Paar nicht sofort: Seit mehr als zwölf Stunden harrten Malekzada und die anderen Geretteten am Donnerstagabend im Transitbereich des Frankfurter Flughafens aus.

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) habe es eine IT-Panne gegeben, die die Aufnahme und Registrierung der Geflüchteten verzögert habe, berichtet Malekzada. Das sei sehr kräftezehrend für die Geretteten. "Es sind viele kleine Kinder hier, die auch endlich mal ausschlafen wollen."

"Die ehemaligen Ortskräfte werden als Flüchtlinge wahrscheinlich auf Erstaufnahmeeinrichtungen aufgeteilt". Malekzada unterstütze die Behörden in diesem Prozess mit Übersetzungen, erzählt er - alle seien sehr engagiert.

Wie lange sich die Einreise am Flughafen noch hinzieht, konnte Malekzada am Donnerstagabend nicht einschätzen. "Wir wollen endlich nach Hause", sagt er. "Aber nach dem, was wir die letzten Tage durchgemacht haben, ist das ein Luxus dagegen. Wir sind sehr glücklich, hier in Deutschland zu sein."

Schreckliche Bilder am Flughafen Kabul

"Die Lage ist leider weiterhin mehr als katastrophal", berichtet Malekzada von seinen Erlebnissen in Afghanistan. Vor allem die Bilder, die sie am Tag zuvor am Flughafen in Kabul gesehen hätten, seien schrecklich gewesen: "Sie müssen sich vorstellen, vor dem Gate da stehen oder drängeln sich tausende und noch mehr Menschen und alle versuchen, durch das Tor zu kommen."

Von toten Menschen und kollabierten Kindern erzählt er. "Wir mussten über diese toten Menschen laufen, um einfach unser eigenes Leben zu retten." Diese Bilder, fürchtet der 33-Jährige, würden ihn und seine Verlobte noch über Jahre verfolgen.

Geretteter: Sicherheitskräfte haben geschossen

Von chaotischen Verhältnissen am Flughafen in Kabul berichten auch andere Gerettete am Morgen. "Man muss beispielsweise auch durch eine Barriere der Taliban durchgehen", sagt Mahmud Sadjadi. Afghanische Sicherheitskräfte hätten geschossen. Er habe mitbekommen, wie Menschen gestorben seien. Ohne Pass sei kein Durchkommen zum Flughafen möglich gewesen. "Es ist schrecklich", fasst Sadjadi die Zustände in Kabul zusammen. "Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Nur Chaos."

Am Flughafen in Frankfurt wird Sadjadi, ein Deutscher mit afghanischen Wurzeln, von seinen Kindern in Empfang genommen. Er und das junge Paar zählen zu den insgesamt 500 geretteten Menschen, die am Donnerstagmorgen in Frankfurt gelandet sind. Zunächst wurden sie von der Bundeswehr aus Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent geflogen, anschließend ging es mit zwei gecharterten Fliegern der Lufthansa und von Uzbekistan Airways weiter nach Deutschland. Weitere Flüge sollten am Donnerstag noch folgen.

Dank, aber auch Kritik an Organisation und Hürden

Mahmud Sadjadi dankte der Bundesregierung für die Rettung, beklagte aber auch die mangelhafte Organisation. "Es gab keine Informationen, wo wir uns sammeln müssen, wann wir uns sammeln müssen." Man sei allein gelassen worden, auf seine Mails habe er keine Antwort bekommen. Andere Länder hätten ihre Leute mit Bussen eingesammelt und zum Flughafen gebracht.

Über fehlende Unterstützung und bürokratische Hürden hatte auch Malekzada am Dienstag in der hessenschau berichtet. Seit 20 Jahren lebt er in Deutschland und wollte vor zwei Wochen eigentlichen nur seine Verlobte in Kabul abholen. Während er hätte ausreisen dürfen, verweigerten die Behörden seiner Verlobten diese Möglichkeit: Nur unmittelbare Familienangehörige dürften mit dem deutschen Evakuierungsflug ausreisen, so die Begründung.

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"Werden Tag besonders feiern, weil wir kämpfen mussten"

Einen Hochzeitstermin beim Kasseler Standesamt hat das Paar zwar schon, aber verheiratet sind sie eben noch nicht. "Man beharrt auf die deutsche Bürokratie", ärgerte sich Malekzada. Und ohne seine Verlobte auszureisen, kam für ihn nicht in Frage.

Nun sei die Ausreise danke des Einsatzes und Engagements der Bundestags- und Landtagsabgeordneten doch möglich gewesen, erklärte Malekzada. Im Oktober soll die Trauung in Kassel stattfinden. "Darauf freuen wir uns sehr und werden diesen Tag wirklich besonders feiern, weil wir im wahrsten Sinne des Wortes dafür kämpfen mussten."

Sendung: hr-iNFO, 19.8.2021, 8 Uhr