Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Hessen lockert die Corona-Beschränkungen. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer mahnt zur Vorsicht. In Schulen hält er PCR-Tests für erforderlich, "damit wir nicht im Herbst wieder in eine Falle laufen", wie er im Interview sagt.

Keine Maskenpflicht mehr im Unterricht, weniger Kontaktbeschränkungen, weniger Testpflicht: Die Landesregierung hat weitreichende Corona-Lockerungen beschlossen. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) begründete dies mit der "erfreulichen Entwicklung" angesichts landesweit stark gesunkener Inzidenzen. Gleichzeitig mahnte er auch zur Vorsicht, denn die Delta-Variante ist auch in Hessen auf dem Vormarsch. "Die Pandemie ist noch nicht vorbei", sagte Bouffier.

Das sieht auch der Frankfurter Virologe Martin Stürmer so: "Es ist Vorsicht angesagt." Was er von den Lockerungen hält, ob die vierte Welle kommt, und wie Schülerinnen und Schüler besser geschützt werden sollten, sagt Stürmer im Interview mit hessenschau.de.

hessenschau.de: "Hessen bleibt besonnen" lautet der Slogan, den die Landesregierung sich in der Pandemie auf die Fahnen geschrieben hat. Ab Freitag soll es jetzt angesichts der niedrigen Corona-Inzidenzen deutliche Lockerungen geben. Ist das besonnen - oder doch zu früh?

Grundsätzlich ist die Situation sehr günstig, wir haben kontinuierlich fallende Zahlen. Insofern ist es absolut legitim, zahlreiche Maßnahmen wieder zurückzuführen. Gerade was den Außenbereich angeht, bin ich da auch relativ entspannt, weil dort das Infektionsgeschehen deutlich geringer ist als in geschlossenen Räumen. Bei den Innenräumen bin ich zurückhaltender, da würde ich doch weiter die Maskenpflicht beibehalten und die Testpflicht nicht abschaffen wollen.

hessenschau.de: Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) sagte am Dienstag, die Delta-Variante sei in Hessen schon mit rund 20 Prozent vertreten. Ein paar Tage vorher hieß es noch vom RKI, man schätze ihren Anteil auf 6 Prozent. Ist der Anstieg in Hessen so rasant?

Ich denke, dass der Anteil der Delta-Variante auch bundesweit inzwischen höher liegt. Wir hängen mit unseren Analysen dem Infektionsgeschehen immer ein bisschen hintendran. Wir haben in unserem Labor in Frankfurt eine deutliche Zunahme der Delta-Variante gesehen: teilweise auch einen Anteil von bis zu 20 Prozent. Insofern halte ich die Angaben für realistisch.

Ob das alles in einer vierten Welle münden wird, müssen wir abwarten. Insgesamt gibt es ja eine sinkende Tendenz, was die Neuinfektionen angeht. Aber wenn wir jetzt Fehler machen, wenn wir leichtsinnig werden, zu viel zulassen und zu wenig hingucken, kann sich die Delta-Variante relativ schnell ausbreiten und zu einem Wiederanstieg führen. Im Winter haben wir das mit Alpha ja schon gesehen. Es ist Vorsicht angesagt.

hessenschau.de: Sollte es eine vierte Welle geben, wen würde sie besonders treffen?

Wir sind mit dem Impfen inzwischen ja schon weiter fortgeschritten. Die Patienten, die wir primär im Krankenhaus mit schweren Verläufen erwarten würden, haben wir schon relativ gut "weggeimpft". Selbst wenn wir in eine vierte Welle kommen würden, kämen wir in den Krankenhäusern wahrscheinlich nicht mehr an die Belastungsgrenze.

Diejenigen, die noch nicht oder nur einmal geimpft sind, haben natürlich ein höheres Risiko an Delta zu erkranken. Es gibt erste Berichte aus Großbritannien, dass Delta zu schwereren Verläufen führen kann, aber das müssen wir erstmal abwarten. Im Moment ist jedenfalls nicht absehbar, dass wir in eine vierte Welle rutschen und es auf den Intensivstationen eng werden könnte.

hessenschau.de: Die Maskenpflicht im Unterricht wird aufgehoben, obwohl es in den meisten Klassenräumen nach wie vor keine Luftfilter gibt. Was halten Sie davon?

Das ist durchaus diskutabel. Im Moment sind wir in der glücklichen Situation, dass die Inzidenzen sehr niedrig sind, man angesichts des warmen Wetters gut lüften kann - und somit das Infektionsrisiko in den Klassen relativ niedrig ist. Aber wir reden bei den Kindern über Ungeimpfte, entsprechend ist ein gewisses Risiko dabei. Ich hätte mir gewünscht, dass man sagt, wir behalten die Maskenpflicht im Unterricht so lange bei, bis wir in die Sommerferien gehen - und nutzen diese dann, um bessere Teststrategien auf den Weg für den Herbst zu bringen.

hessenschau.de: Wie sollten die Schulen sicherer gemacht werden?

Ich würde eine Strategie mit drei PCR-Tests pro Woche für sinnvoll erachten, sowie eine technische Aufrüstung mit Luftfiltern. Damit wir nicht im Herbst, wenn nicht mehr so gut gelüftet werden kann, wieder in eine Falle laufen, sondern dieses Mal aus Fehlern lernen und konsequent etwas umsetzen. Ich glaube, inzwischen ist allen klar, dass zwei Antigen-Schnelltests pro Woche in den Schulen nur eine Notlösung sind. Wenn wir jetzt Richtung Herbst die Delta-Variante mit ins Kalkül ziehen müssen, die bis dahin wahrscheinlich vorherrschend sein wird, müssen wir an den Schulen genauer hingucken, also mit PCR-Tests, die verlässlicher sind und früher "anschlagen".

hessenschau.de: Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat keine generelle Empfehlung für die Impfung von Kindern ab 12 Jahren ausgesprochen. Wie sehen Sie das?

Ich halte das für nachvollziehbar. Wir haben gute Impfstoff-Wirksamkeiten, das ist unbestritten. Aber wir haben das Problem, dass es für die Altersklasse der 12- bis 15-Jährigen zu wenige Studien gibt, um ausreichend sicher zu sein. Die Wissenslücke ist einfach noch zu groß. Sie wird sich sicher in den nächsten Wochen und Monaten schließen, weil wir mehr Erfahrungen sammeln werden, wenn doch immer mehr Kinder und Jugendliche geimpft werden. Und dann kann man über eine Erweiterung der Empfehlung nachdenken. Im Moment sollten wir unsere Impfenergie besser weiter in die Welt der Erwachsenen stecken, wo wir uns sicher sind.

hessenschau.de: Im Kampf gegen das Virus kommt es jetzt vor allem aufs Impfen an. Sie waren immer dagegen, dass der Abstand zwischen den beiden Impfungen mit Astrazeneca verkürzt wird. Sehen Sie das angesichts des Vormarschs der Delta-Variante, gegen die ja offenbar erst die zweite Impfung etwas ausrichten kann, inzwischen anders?

Das ist jetzt eine Abwägung. Wir wissen aus den Studien, dass Astrazenaca am besten wirkt, wenn die Impfung im Abstand von zwölf Wochen vorgenommen wird. Wir wissen inzwischen aber auch, dass man nach der ersten Impfung noch gefährdet ist, sich mit der Delta-Variante zu infizieren - in höherem Maß als bei anderen Varianten. Da haben wir jetzt ein Problem. Der Vorteil ist, dass wir nicht mehr so viele Astrazeneca-Impfungen durchführen, weil es ja nur für die über 60-Jährigen empfohlen wird - und von denen viele schon geimpft sind.

Was mir mehr Sorgen macht ist, dass von der Stiko weiterhin empfohlen wird, dass die mRNA-Impfstoffe im Abstand von sechs Wochen verimpft werden sollen. Dabei empfehlen Studien bei Biontech drei Wochen und bei Moderna vier Wochen. Da würde ich mir wünschen, dass wir da die Lücke schließen. Denn das sind die Impfstoffe, die wir primär verwenden.

hessenschau.de: In Hessen beginnen bald die Sommerferien: Kann man aus Ihrer Sicht halbwegs unbeschwert in Urlaub fahren?

Es ist durchaus möglich in den Urlaub zu fahren, das sollte man jetzt nicht tabuisieren. Wichtig ist aber, dass man auch im Urlaub weiter Vorsicht walten lässt und nicht zu leichtsinnig wird. Individualurlaub ist da sicher besser. Alles was in Richtung größere Aktionen geht - Fliegen, großes Hotel, großer Speisesaal - ist schwieriger. Da muss man auf jeden Fall auf Abstand achten, Maske tragen und vorsichtig sein. Wenn wir das beherzigen, sollte uns das mit dem Urlaub aber doch gelingen.

hessenschau.de: Reichen die aktuellen Regelungen oder sollten mit Blick auf die Delta-Variante alle Reiserückkehrer wieder in Quarantäne müssen?

Eine allgemeine Quarantäne wäre rechtlich sicherlich problematisch. Aber sich nach dem Urlaub "freizutesten", halte ich für sinnvoll. Unabhängig von der Delta-Variante kann man sich auch andere Varianten einfangen im Urlaub.

Das Interview führte Antje Buchholz.

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