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Audioseite Auschwitz-Überlebende trifft Schüler: "Sie müssen das hören"

Eine Kombo aus altem s/w Foto als Mädchen und ein neues Foto mit Nummer Tätowierung

83 Jahre ist es nun her, dass die Nationalsozialisten Synagogen anzündeten und gewaltsam gegen Menschen jüdischen Glaubens vorgingen. Eine der jüngsten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz erzählt zu diesem Anlass Schülern ihre Geschichte - und verrät, warum sie ihre KZ-Nummer nie hat entfernen lassen.

A 26959. Als Kind denkt Eva Umlauf: Jedes Kind hat so eine Nummer auf dem Arm. Sie gehört schließlich schon immer zu ihr, wächst mit ihrer Haut – "wie ein Muttermal", erzählt die 78-Jährige in der Aula des Johanneum Gymnasiums in Herborn (Lahn-Dill) und streicht über die inzwischen verblassten, etwas verzerrten Ziffern.

Umlauf erinnert sich nicht mehr daran, wie ihr die blaue Tinte unter die Haut gestochen wurde. Nur aus Erzählungen weiß sie heute, dass sie als nicht mal Zweijährige direkt nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz gewaltsam von den Nationalsozialisten tätowiert wurde und dabei auf dem Arm ihrer Mutter in Ohnmacht fiel.

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Gedenken an die Reichspogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten Anhänger der Nationalsozialisten in ganz Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen in Brand. Sie misshandelten, verschleppten und ermordeten jüdische Bürgerinnen und Bürger. Auch vorher gab es schon Hetze und Gewalt gegen sie. Die Reichspogromnacht stellt laut Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Deutschland, in der antisemitischen Politik des Regimes und in der Einstellung der deutschen Gesellschaft gegenüber den Ereignissen dar.

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"Du bist ein Wunder"

"Als Kind wurde immer gesagt: Du lebst, du bist ein Wunder", berichtet sie den rund 80 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 13. Die Slowakin wächst in dem Wissen auf, Auschwitz überlebt zu haben. Doch was heißt das? Konkret erzählt wird darüber in ihrer Kindheit und Jugend kaum von den Erwachsenen. Eigene Erinnerungen hat sie keine. Und selbst mit ihrem früh verunglückten Ehemann, der sogar mehrere Konzentrationslager überlebt hat, spricht sie nicht darüber.

"Wir hatten nach dem Krieg auch keine Zeit", sagt sie. Sie führt ein bewegtes Leben: Sie zieht aus der Slowakei nach München, wird Kinderärztin und Psychotherapeutin, bekommt als berufstätige Mutter drei Söhne. Dass sie die körperlichen und seelische Narben von Auschwitz immer mit sich trägt, sei ihr bewusst gewesen, sagt sie.

Aber erst nach einem Herzinfarkt im Jahr 2014 reift in ihr der Wunsch, den Details ihrer Kindheit nachzugehen. Umlauf recherchiert in Archiven, trifft ältere Überlebende und besucht die Orte des Geschehens. "Es war ein Weg zu mir selbst", sagt sie. Aber auch ein Weg voller Schmerzen, Frustrationen und unbeantworteter Fragen. Dennoch kann sie schließlich einige Bruchstücke zusammensetzen und hält sie in einem Buch fest: "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen".

Inzwischen hält sie regelmäßig Vorträge, sowohl vor Schülerinnen und Schülern als auch öffentlich, wie in diesen Tagen in Mittelhessen (zu den Terminen).

Nur knapp der Gaskammer entkommen

Als Kind jüdischer Eltern wird Eva Hecht im Dezember 1942 im slowakischen Arbeitslager Nováky geboren. Aus dieser Zeit existieren sogar Fotos, die sie lachend mit mit ihrer Mutter im Schnee zeigen. Doch es ist eine trügerische Idylle. Im November 1944 wird die junge Familie in das Konzentrationslager Auschwitz im heutigen Polen deportiert und schon an der Rampe getrennt.

Während ihr Vater auf einen Todesmarsch geschickt und kurze Zeit später im KZ-Außenlager Melk (Österreich) ermordet wird, gelten Eva und ihre im vierten Monat schwangere Mutter als "nicht transportfähig". Nur knapp entgehen sie dem sofortigen Tod in der Gaskammer, die erst wenige Tage vor ihrer Ankunft abgeschaltet worden war.

Als Zweijährige allein in die Kinderbaracke

Die inzwischen völlig ausgehungerte und schwer kranke Eva kommt alleine in die Kinderbaracke. "Vergessen sie das Kind", sagt ein jüdischer Arzt zu ihrer Mutter, die immer wieder vergeblich versucht, ihr im Sterben liegendes Kind zu sehen.

Als sowjetische Truppen das Lager Ende Januar 1945 befreien, finden sie Eva in lebensbedrohlichem Zustand vor. Sie leidet unter anderem an Tuberkulose, Keuchhusten und Gelbsucht. Aber: Sie erholt sich. Noch in Auschwitz wird außerdem ihre kleine Schwester Nora geboren, mit 1900 Gramm zwar klein, doch auch sie entwickelt sich relativ gesund.

Schüler fragen: "Hatten Sie Albträume?"

"Ihr dürft mich alles fragen, was ihr wollt", sagt Umlauf zu den Schülerinnen und Schülern, nachdem sie ihnen diese Geschichte erzählt hat. Die 78-Jährige auf der Bühne ist nicht nur eine der jüngsten Auschwitz-Überlebenden überhaupt. Sie sieht auch noch deutlich jünger aus: blonde Haare, modische Sneaker, um die Schulter baumelt ihr Smartphone an einer dicken Kordel.

Frau auf der Bühne im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern in der Aula

Ihre Zuhörer haben tatsächlich viele Fragen: Wie hat das Trauma Ihre Mutter geprägt? Hatten Sie selbst später Albträume von Auschwitz? Wie nehmen Sie aktuell das Thema Rassismus und Antisemitismus war? Umlauf kennt diese Fragen schon. "Sehr gute Fragen", lobt sie. Sie beantwortet alles geduldig.

Besonders Letzteres ist ihr wichtig: Die Jugendlichen dafür zu sensibilisieren, dass so etwas nicht wieder passiert. "Es ist keine schöne Geschichte", sagt Umlauf. "Aber die müssen das hören."

"Entmenschlichte" Nummer als Verbindung zur Mutter

Ein Mädchen fragt schließlich: "Die Nummer auf dem Arm - warum haben Sie die behalten und nicht entfernen lassen, so wie andere Auschwitz-Überlebende es gemacht haben?"

Ja, diese Tätowierung stehe für die völlige "Entmenschlichung", antwortet Umlauf. "Aber ich kenne mich nur mit der Nummer." Außerdem verbinde sie damit ihre Mutter. Ihre Zahlen folgten direkt aufeinander. "Und als Psychotherapeutin glaube ich auch, dass man so eine Nummer nie wirklich wegbekommt, selbst wenn man sie von der Haut entfernt."

Ein Unterarm mit einer verblichenen Nummer darauf

Wer wolle, dürfe sich die Zahl aus der Nähe anschauen, sagt sie. Ein paar Schülerinnen und Schüler nehmen die Einladung an und klettern hoch auf die Bühne. Die meisten huschen schnell am Tisch vorbei. Sie scheuen den Blickkontakt und werfen wortlos einen Blick auf Umlaufs ausgestreckten Unterarm.

Schülerin: "Ganz anders, das so persönlich zu hören"

Aber ein paar bleiben stehen. Die 18-jährige Elina Siderow schaut sich die Nummer genau an und bedankt sich. Der Holocaust sei zwar schon häufig im Unterricht vorgekommen, sagt sie. "Aber es ist was ganz anderes, das so persönlich zu hören."

Ihre Mitschülerin Josephine Seewald erzählt, nun noch mal ganz neu verstanden zu haben, wie aktuell das Thema Rassismus und Antisemitismus sei. "Ich werde mir da auf jeden Fall mehr Gedanken drüber machen - und hoffentlich aktiv gegen vorgehen, wenn ich die Chance dazu habe."

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Weitere öffentliche Veranstaltungen mit Eva Umlauf:

10. November, 19 Uhr Butzbach (Alte Turnhalle) - Infos
11. November, 19 Uhr Wetzlar (Stadtbibliothek) - Infos
12. November, 14.15 Uhr Universität Gießen - Infos (für Externe digital)
12. November, 19 Uhr Herborn (Johanneum Gymnasium) - Infos (pdf-Flyer)

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