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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der A49-Ausbau und seine Folgen für den Verkehr

Lastwagen fährt durch Dorf

Die einen hoffen durch die A49 auf Verkehrsentlastung, die anderen befürchten mehr Belastung. Ein Blick auf die Argumente von Befürwortern und Gegnern, auf Verkehrsprognosen und die Frage: Wo wollen wir eigentlich hin?

Rechtlich ist über den Bau der umstrittenen A49 in Mittelhessen bereits in letzter Instanz entschieden worden, doch die gesellschaftliche und politische Diskussion um den möglichen Nutzen oder Schaden der Autobahn bricht nicht ab.

Es gibt eine Vielzahl an Streitpunkten: etwa die derzeit laufenden Rodungen im Dannenröder Wald oder mögliche kommende Gefahren für das Grundwasser in Mittelhessen.

Besonders kontrovers wird außerdem diskutiert, welche Auswirkungen die neue Autobahn tatsächlich auf den Verkehr in der Region haben wird. Wird sie Entlastung bringen - oder am Ende sogar mehr Belastung?

Befürworter: Die Region wird entlastet

"Die A49 entlastet die Region", lautet eins der Hauptargumente der Befürworter. Die Autobahngesellschaft DEGES sagt: Besonders an den aktuell stark belasteten Bundes- und Landstraßen in Mittelhessen würden die Anwohner von weniger Lärm, Feinstaubbelastung und Unfallgefahren profitieren. Auch der Verkehrsfluss auf der A5 und A7 verbessere sich durch den Bau, so die Baugesellschaft.

Mann lehnt an Straßenlaterne mit einem Plakat, dass die A49 bewirbt

Ähnlich sehen es auch Anwohner wie Mirko Kleinmann, der im stark von Durchgangsverkehr betroffenen Neustadt (Marburg-Biedenkopf) lebt und in Stadtallendorf arbeitet.

Er ist überzeugt: Die A49 wird vor allem Gutes für den Verkehr in der Region bringen. Er hofft auf kürzere Wege und auf auch weniger Schwerlastverkehr in Wohngebieten. "Das ist für die Menschen hier gerade zum Teil sehr schlimm," erzählt er.

Ähnlich sehen es auch Unternehmen aus der Region, die sich im Bündnis "JA 49" zusammengeschlossen haben und auf bessere Anbindung hoffen. Auch Politiker wie der Marburger SPD-Bundestagsabgeordnete Sören Bartol sind überzeugt, dass die Autobahn den Verkehr in der Region bündeln und entlasten wird. "Diese Autobahn macht auch heute noch Sinn", so Bartol.

Gegner: Verkehr wird nur verschoben

Völlig gegensätzlich sehen es die A49-Gegner, die sich zum Beispiel im Bündnis "Keine A49" organisiert haben. Sie sind überzeugt, dass die Region durch die A49 keineswegs entlastet wird. Sie sagen: Der Verkehr werde dadurch nur verschoben. Zwar würden Straßen wie die B3 entlastet, aber andernorts gebe es dann durch die Autobahn Mehrbelastungen.

Besonders laut ist die Kritik an Orten, die sehr nah an der neuen Autobahn liegen werden, zum Beispiel in Dörfern wie Dannenrod oder Maulbach (Vogelsberg). Anwohner fürchten Lärm von der neuen Autobahn oder dass neuer Durchgangsverkehr zur Autobahn entsteht. Für Homberg/Ohm (Vogelsberg) sagen Prognosen auf einer Straße 227 Prozent Mehrbelastung voraus.

Autobahngegner wie der langjährige A49-Gegner Reinhard Forst von der Aktionsgemeinschaft "Schutz des Ohmtals" sind überzeugt, dass die A49 ihre Entlastungsziele nicht erreichen wird. "Es hätte bessere Lösungen gegeben", meint Forst und verweist auf den Dannenröder Appell, den verschiedene Gruppen gemeinsam verabschiedet haben.

Darin fordern sie beispielsweise, dem Fuß‐ und Radverkehr sowie Schienen und öffentlichem Nahverkehr Vorrang zu geben. Und sie stellen einen Alternativplan vor, der darauf setzt, statt einer Autobahn bis ganz hinunter zur A5 nur eine Bundesstraße bis nach Neustadt zu bauen.

Verkehrsprognose sieht Gewinner und Verlierer

Aber was stimmt denn nun? Tatsächlich ist die Frage rund um mögliche Verkehrsentlastungen und - belastungen durch die A49 äußerst kompliziert.

Die wichtigste Diskussionsgrundlage dafür ist derzeit eine Hochrechnung, die ein Ingenieurbüro 2011 im Auftrag des Amts für Straßen- und Verkehrswesen in Marburg erstellt hat. Die Hochrechnung basiert auf der Annahme, dass die geplante Autobahn 2025 im Betrieb sein wird, auch die Baugesellschaft DEGES verweist darauf.

Karte mit mehr und weniger Verkehr durch Ausbau

Die Prognose zeigt: Es wird Gewinner und Verlierer geben. Das zeigt sich besonders exemplarisch an der B454 zwischen Stadtallendorf und Neustadt. Aktuell ist die viel befahrene Bundesstraße eine der Hauptverkehrsadern zur östlich verlaufenden A7. Hier werden sich laut der Prognose Ent- und Belastung direkt gegenüberstehen.

Im Osten der neuen Autobahn könnte die B454 stark entlastet werden - um bis zu 74 Prozent. Doch im Westen der Autobahn wird der Verkehr laut Hochrechnung auf der B454 und davor auf der B62 stellenweise sogar stark zunehmen, um bis zu 72 Prozent. Der Grund: Mehr Autos und Lkw werden aus Richtung Marburg kommend zur neuen Autobahn fahren.

Besonders stark könnte es das bereits jetzt schon sehr belastete Stadtallendorf treffen. Hier sind zum Beispiel das Ferrero-Werk, die Eisengießerei Fritz Winter und die Bundeswehr ansässig. Auf der B454 wurden hier in der letzten Verkehrszählung 12.400 Fahrzeuge gemessen - in zum Teil bewohntem Gebiet. In Zukunft könnten es laut der Prognose deutlich über 20.000 sein.

Im krassen Gegensatz dazu stehen wiederum ganz eindeutige Entlastungen auf der stark befahrenen B3, auf die Anwohner seit Jahren hoffen. Und auch die A5 und A7 sollen um bis zu 30 Prozent entlastet werden. Das haben sie dringend nötig: Sie zählen laut ADAC zu den "schlimmsten Stauautobahnen" Deutschlands. Auch die hr-Verkehrsredaktion stellt auf diesen Autobahnen eine besondere Belastung fest.

Mobilitätsforscher: kurzfristige Entlastung kann zu langfristiger Belastung führen

Die Grundsatzfrage lautet: Kann eine Autobahn überhaupt entlasten ohne neue Belastungen zu produzieren? Der Mobilitätsforscher und Verkehrsplaner Volker Blees von der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden sagt: "Verkehrsplanung ist die Kunst, ein großes Problem, durch ein kleineres zu ersetzen."

Kurzfristig bringe eine neue Straße Entlastung auf den bestehenden Straßen. "Da wo sie bereits sehr voll sind, gibt es Verlagerungen, wenn die neue Straße günstiger ist." Langfristig mache man aber in der Mobilitätsforschung die Erfahrung, dass neue Verkehrswege auch neuen Verkehr erzeugen.

"Dadurch, dass Regionen, die bisher schlechter erreichbar waren, erreichbarer werden, siedeln sich dort mehr Unternehmen oder Privatpersonen an." Das führe tatsächlich dazu, dass der Verkehr durch neue Straßen insgesamt zunehme.

Mehr und mehr Straßen

Man habe in Deutschland den Weg der Wachstumsphilosophie der Verkehrsinfrastruktur seit rund 80 Jahren nicht verlassen, erklärt Blees. Das führe dazu, dass immer mehr und mehr Straßen gebaut werden - ein Kreislauf, aus dem es schwer ist auszusteiegen. Verkehrsplanung bedeute, Abwägungsentscheidungen zu treffen.

Die Planungen von Hessenmobil wurden laut Blees den wissenschaftlichen Standards entsprechend sehr sorgfältig gemacht. Doch die Verkehrsprognose und die grundlegenden Entscheidungen zur A49 seien nun an die zehn Jahre alt - und seitdem sei viel passiert.

"Wenn ich mir vor Augen führe, welche Erkenntnisse wir inzwischen über den Klimawandel gewonnen haben, frage ich mich schon, ob man diese Entscheidung nicht noch mal auf den Prüfstand stellen muss - so bedauerlich das ist, angesichts der vielen Mühen ist, die da drin stecken", so der Verkehrsforscher. Letztlich gehe es ganz grundsätzlich um die Frage: Wo wollen wir eigentlich gesellschaftlich hin?

Sendung: hr4, 24.11.2020, 15.30 Uhr