Corona Abitur

Kein Abiball, keine Streiche, keine Mottowoche - die Corona-Krise trifft die Abiturienten 2020 hart. Damit sie überhaupt verabschiedet werden können, sind viele Schulen kreativ geworden.

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Acht oder neun Jahre haben sie gemeinsam verbracht, fünf Tage die Woche, viele Stunden am Tag. Eigentlich wird das Ende dieser bedeutenden Lebensphase gebührend gefeiert - schon Monate im Voraus organisieren Abiturienten die Abschluss-Events in verschiedenen Kommitees. Doch in diesem Jahr ist wegen der Corona-Pandemie alles anders. Damit die Schüler nicht ganz ohne Verabschiedung gehen müssen, haben sich viele Schulen in Hessen Alternativen zu den eigentlichen Abschlussfeiern und Zeugnisvergaben im Juni überlegt.

Dabei mussten sich die Schulen bislang an die Teilnehmer-Obergrenze von 100 Personen pro Veranstaltung halten. Seit Donnerstag ist bekannt: Ab Montag dürfen 250 Personen zusammen kommen, weiterhin unter Einhaltung eines abgestimmten Hygienekonzeptes. Das wirft mancherorts auch die Pläne für die Alternativfeiern um. Drei Konzepte haben sich an den Schulen durchgesetzt. Beispiele aus Hanau, Gießen, Marburg und Rüsselsheim:

Das Mehr-Schichten-System

Am Karl-Rehbein-Gymnasium in Hanau gibt es die Abschlussfeier für die Abiturienten gleich elfmal: Dort findet die Verabschiedung an zwei Tagen unterteilt in elf Gruppen statt - 165 Abiturienten sind es in diesem Jahr. Jeder Abiturient darf zwei Angehörige mitbringen, gefeiert wird an Stehtischen im Pausenhof. Bei jedem Gruppenwechsel werden die Tische und Gegenstände gereinigt.

Isabella Hasanov, Abiturientin, hatte den Abiball, der nun ausfällt, mitgeplant. "Natürlich war die Enttäuschung groß, dass in diesem Jahr alles anders laufen wird und es keinen Abiball gibt. Wir waren aber sehr froh darüber, dass es überhaupt noch eine Möglichkeit einer Verabschiedung gibt."

Auch wenn so nicht mehr alle Mitschüler gleichzeitig zusammen kommen, wird es ein Jahrgangsfoto geben, wie Schulleiter Jürgen Scheuermann sagte. "Anschließend gibt es immer noch einen Fototermin, dort werden die Schüler auf Abstand gestellt und fotografiert, diese Tutorenfotos werden dann entsprechend bearbeitet und montiert." Am Freitag und Samstag finden die Termine statt.

Wenigstens ein bisschen Gemeinschaftsgefühl

Auch die Gesamtschule Gießen-Ost plant nun drei Feiern für den Abiturientenjahrgang: Aufgeteilt nach dem Ort der Studienreise, mit bis zu 70 Schülern in einer Gruppe. Zuvor war auch eine Feier im Autokino im Gespräch. Die Abiturienten hatten sich aber dagegen entschieden, wie Schulleiter Frank Reuber sagte. 90 Prozent hätten sich für die Feier in den Großgruppen ausgesprochen.

"Den meisten ist die Autokino-Variante zu anonym, man würde ja nur in den Autos sitzen und maximal zur Zeugnisvergabe aussteigen", sagte Marlene Runde, ehemalige Schulsprecherin und Abiturientin. Da fehle das Gemeinschaftsgefühl, das dem Jahrgang und der Schule so wichtig sei.

Die Eltern sollten eigentlich nicht zur Feier kommen können, aufgrund der bis Montag noch gültigen 100-Personen-Obergrenze. Stattdessen sollte es einen Livestream für die Familien geben. Die Ostschule feiert jedoch erst am kommenden Freitag. "Nun hoffen wir, dass durch die neue 250- Personen-Obergrenze zumindest die Eltern persönlich zur Feier kommen dürfen", so der Schulleiter. Den Livestream für weitere Familienangehörigen soll es dennoch geben.

Mit der Familie im Autokino

Drive-Out-Zeugnisübergabe im Autokino in Marburg

Sie sitzen auf ihrem Platz im Auto und schauen ihre eigene Abifeier auf der großen Leinwand - jeder Schüler des Marburger Gymnasiums Philippinum in seinem eigenen Auto, mit so vielen Freunden und Verwandten, wie nur rein passen. Eine Slideshow mit Bildern aus der Abizeit läuft auf den zwei großen Kinobildschirmen, als die Abiturienten am Freitagvormittag in das Autokino Marburg einfahren. Denn die Abifeier spielte sich größtenteils dort ab: Grußworte, Musikauftritte, Reden der Abiturienten und der Schülververtretung, Ehrungen - alles wurde zuvor auf Video aufgezeichnet oder fotografiert.

Nur die Rede von Schulleiter Michael Breining fand live auf der Bühne statt - und endete mit der Übergabe der Zeugnisse. Doch nicht persönlich, den Abiturienten wurde das Zeugnis durch die Fensterscheibe gereicht, bei der Ausfahrt aus dem Kino. "Drive-Out-Übergabe", wie Schulleiter Breining es nennt. Er hatte jeden Namen der Abiturienten noch einmal vorgelesen, der Startschuss zur Ausfahrt aus dem Kino.

Auch wenn der persönliche Kontakt dadurch verloren ging, konnten alle Abiturienten den Moment mit Familie, Mitschüler und Lehrern teilen. "Ich fand es schön, dass man den Tutoren noch einmal in die Augen gucken konnte und dann so wenigstens noch einmal kurz Kontakt hatte", sagte eine Abiturientin bei der Ausfahrt.

Auch in Kassel hatte die Herderschule am Mittwoch ihre Abifeier ins Autokino Gudensberg verlegt. Doch die Variante ist kostspielig - das Autokino muss gebucht werden. In Marburg gibt es Unterstützung seitens der Stadt.

Mit allen Abiturienten, aber ohne Familie

Corona Abiturfeier im Schulhof

Rund 90 Stühle standen am Donnerstag auf dem Schulhof, verteilt auf 1.000 Quadratmetern Fläche. Auf jeden Abiturienten wartete auf dem größten der vorhandenen Schulhöfe an der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim ein Stuhl - kein ganzer Tisch, denn an dem Gymnasium mussten die Abiturienten ihre Schulentlassung wegen der Personenobergrenze ohne ihre Familien feiern. Während der Feier mussten sie auf ihren Plätzen mit ausreichend Abstand zueinander sitzen bleiben. Nur zur Zeugnisübergabe durften sie in kleinen Gruppen vor die Bühnen treten und ihr Zeugnis schließlich kontaktlos - beispielsweise mit Hilfe einer Chemiezange - auf der Bühne entgegennehmen.

Unter Corona-Umständen, aber trotzdem gemeinsam - das war dem Abi-Jahrgang wichtig, wie Schulleiterin Bea König einen Tag nach der Feier sagte. Der Jahrgang hatte vor der Wahl gestanden, gemeinsam ohne Eltern oder in Kleingruppen mit Eltern zu feiern. "In der Abstimmung kam heraus, dass es den Abiturienten wichtig war, noch einmal mit den Mitschülern zusammen zu kommen und sich von den Lehrern zu verabschieden", so die Schulleiterin.

Am Donnerstag zeigte sich der Wunsch nach einem gemeinsamen Abschluss noch einmal deutlich am Ende der Feierlichkeit, wie König sagte: "In dem Moment, als die Veranstaltung eigentlich zu Ende war, konnte keiner so richtig aufstehen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 19.06.2020, 16.45 Uhr