Freiluft-Experiment Kassel

Was passiert, wenn Fußgänger eine viel befahrene Straße erobern? Das will die Stadt Kassel herausfinden und verwandelt einen Monat lang Teile der Unteren Königsstraße in eine Fußgängerzone.

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zum Video Untere Königsstraße in Kassel vorübergehend autofrei

hs
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Frauen und Männer flanieren, sitzen vor dem Café oder Döner-Imbiss, Kinder spielen - und das alles mitten auf der Straße. Wo sonst Autos auf vier Spuren unterwegs sind, ist mehr Platz für Menschen. Denn die Stadt Kassel hat die Untere Königsstraße zwischen Stern und Holländischem Platz für den Autoverkehr gesperrt, am Sonntag wurde das Freiluft-Experiment offiziell eröffnet.

Am Montag erobern sich die Menschen noch etwas zaghaft den Raum, den Autos und Lieferverkehr, Mofas und Roller nicht mehr befahren dürfen. Viele nutzen weiterhin die Bürgersteige, obwohl es hier voll geworden ist.

Tische und Stühle stehen dort, vor dem türkischen Gemüseladen unterhält sich eine junge Familie lachend mit dem Händler. Ein Mann fährt eingepackte Dönerspieße auf einer Sackkarre über die Straße. Er holpert mit seiner Lieferung über die Straßenbahnschienen, fast verliert er seine Fracht.

Mehr Ruhe, keine Autos

Amat Najib füllt für einen Kunden Salat in eine Teigtasche. Er arbeitet bei Ahmad’s Gemüse-Döner, das Freiluft-Experiment ist für ihn schon nach nur zwei Tagen ein voller Erfolg. "Ich mag das so! Seit zwei Tagen habe ich Ruhe, höre keine Autos mehr - und das Geschäft läuft auch viel besser", erklärt er und reicht die warme Mahlzeit über den Tresen.

Freiluft-Experiment Kassel

An einem Tisch mitten auf der Straße sitzt Alili Rufat und trinkt einen Espresso. Ohne Autos ist hier mehr Ruhe zum Sitzen, berichtet er. Ein Mann vom Nachbartisch schaltet sich ein: "Verkehr bis zehn Uhr ist in Ordnung, danach sollte man die Straße für Autos einfach zumachen!"

Die neu gewonnene Ruhe können die drei und alle anderen noch genau vier Wochen genießen. Denn einen Monat lang wird die Fußgängerzone in der Innenstadt bis zum Uni-Standort am Holländischen Platz verlängert.

Freiluft-Experiment Kassel

Verkehrsraum wird zum Lebensraum

Stadtbaurat Christoph Nolda (Grüne) sieht das Freiluft-Experiment als ein Zeichen im Sinne der Verkehrswende. Es zeige Chancen auf, "wie Verkehrsraum in Lebens- und Erlebensraum umgewandelt werden kann", betont er. Mit dem Experiment will die Stadt Kassel eine Aufwertung des Quartiers nahe der Innenstadt einleiten. Der Bereich ist als Brennpunktviertel bekannt, die Polizei hat eine "Arbeitsgruppe Stern" eingerichtet, die immer wieder mit Razzien gegen Hehlerei und Drogenkriminalität vorgeht.

Die Belebung solle auch die Wahrnehmung in der Stadtgesellschaft verbessern, man wolle einen Ort für Begegnungen und kulturelle Vielfalt schaffen, so lautet es in einer Mitteilung der Stadt. Vielfältige Angebote werden dies unterstützen.

Für die Aktionen während der vierwöchigen Verkehrsberuhigung ist Raamwerk, ein Studio für Stadtgestaltung, zuständig, Von der Innenstadtoffensive "Ab in die Mitte" gab es hierfür 20.000 Euro. Gemeinsam mit Kasseler Vereinen und Initiativen hat das interdisziplinäre Team das Rahmenprogramm erstellt.

Ein rosa bemalter Container steht auf der Unteren Königsstraße in Kassel.

Eine Tanz-Performance auf der neu gewonnenen Fußgängerzone

Dazu gehört auch die Tänzerin Velia Malika Hahnemann. Gemeinsam mit Kollegen wird sie Ende September an zwei Abenden eine Tanz-Performance aufführen und so Kunst in den öffentlichen Raum bringen.

Mit einem Dürüm hat sie es sich auf einer Bühne bequem gemacht und beobachtet das Treiben auf der Straße. An die neu gewonnene Freiheit für Fußgänger und Radfahrerinnen müsse sie sich erstmal gewöhnen, die vielen Autos und das hohe Tempo lösen in ihr Stress aus, sagt sie. Sie erwartet, dass der Bereich sich in den vier Wochen bereits verändere, ruhiger, belebter und gemütlicher werde.

Freiluft-Experiment Kassel

Die Studentin Frida Schmitt ist mit dem Rad unterwegs und auch ohne Begleitprogramm begeistert. Der Weg von ihrer Wohnung zur Kunst-Uni in der Kasseler Südstadt führt täglich über die Untere Königsstraße - mit dem Rad sei das bisher schwierig gewesen. Für sie ist das Freiluft-Experiment bereits geglückt - verbunden mit dem Wunsch nach noch mehr autofreie Zonen in Kassel.

Eine junge Frau mit blonden, lockigen Haaren steht mit ihrem Fahrrad auf der Straße und lacht.

Wie Verkehrsexperimente scheitern – und wie sie gelingen können

"Es braucht Zeit, bis sich Räume alternativ angeeignet werden", sagt Stefanie Hennecke, Leiterin des Fachgebiet Freiraumplanung an der Uni Kassel. Die Professorin hat das Experiment bereits vor dem Start im Rahmen einer Masterarbeit über Verkehrsexperimente begleitet.

Eine Studentin war der Frage nachgegangen, woran Verkehrsversuche scheitern und wie sie gelingen können. Das Ergebnis: Es sei absolut zentral, so ein Experiment mit den Akteurinnen und Akteuren vor Ort zu planen und sie mit ins Boot zu holen, betont Hennecke.

Verkehrsversuche scheiterten oft an den Sorgen der Gewerbetreibenden. Dem entgegen stünden zwar wissenschaftliche Studien, die positive Auswirkungen einer Verkehrsberuhigung für Ladenbesitzer und Gastronominnen belegten, diese könnten das “Bedrohtheitsgefühl der Gewerbetreibenden” selten ausräumen, so die Landschaftsarchitektin. Ein Verkehrsversuch müsse deshalb eine große Bandbreite an Aktionen zeigen, was alternativ im Straßenraum möglich sei.

Ein junger Mann mit dunklen Haaren steht vor der Eingangstür eines Elektro-Geschäfts. Er trägt ein hellblaues Hemd.

In Kassel scheint das zunächst geglückt. Jonas Gerwins, Auszubildender in einem Elektro-Fachgeschäft, bewertet das Experiment schon jetzt positiv. Dass durch den fehlenden Autoverkehr weniger Kundinnen und Kunden den Laden besuchten, könne er nicht sagen. Vielmehr sei sein Eindruck, dass mehr Kundschaft das Schaufenster wahrnehme und dann auch den Laden betrete.

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