AWO-Gebäude in Frankfurt

Bei der in die Kritik geratenen Arbeiterwohlfahrt tut sich was: In Frankfurt soll die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers helfen, in Wiesbaden lassen ein Vater und sein Sohn Chefposten ruhen - und der Bundesverband greift zu drastischen Maßnahmen.

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hs
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Nach ersten Sondierungsgesprächen stehe fest, dass die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers die Arbeiterwohlfahrt (AWO) unterstützen und beraten werde, teilte ein Sprecher des Frankfurter AWO-Kreisverbandes am Donnerstag mit. Man werde zwei Compliance Officer bestellen.

"Damit haben wir einen wichtigen Schritt zu mehr Transparenz besiegelt", sagte Ansgar Dittmar, Vorsitzender des Frankfurter AWO-Präsidiums. Zudem hieß es, die in der Kritik stehenden Beziehungen der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden stünden auf dem Prüfstand.

In einem ersten Schritt seien alle bestehenden Verträge zwischen Frankfurt und Wiesbaden beendet worden. Vor allem verwandtschaftliche Verflechtungen hatten für Kritik gesorgt.

Auch andere reagieren

Unterdessen hat der AWO-Bundesverband eine Konsequenz aus den Affären gezogen: Er hält Fördermittel zurück, wie der Bundesvorsitzende Wolfgang Stadtler am Donnerstag der FNP sagte. Über die Höhe der gestoppten Zahlung wollte er keine Auskunft geben.

Zu den Vorgängen selbst befand Stadtler: "Immer vorausgesetzt, die erhobenen Vorwürfe und Medienberichte bewahrheiten sich: Eine solche Konzentration an Vorfällen, wie sie in Frankfurt in Rede stehen, habe ich in meiner langen Erfahrung bei der AWO noch nicht erlebt."

Vater und Sohn lassen Ämter ruhen

Auswirkungen hat der Fall auch auf den AWO-Kreisverband in Wiesbaden, der personell und finanziell mit Frankfurt eng verflochten war. Dort lassen zwei führende Vertreter die Ämter ruhen: Geschäftsführer Gereon Richter und sein Vater, der Vize-Kreisvorsitzende und AWO-Frankfurt-Geschäftsführer Jürgen Richter, wie der Verband mitteilte. Gereon Richter folgte erst vor wenigen Wochen seiner Mutter Hannelore Richter in seinem Amt.

Beide hätten die erhitzte öffentliche Debatte als Grund für ihren Entschluss angegeben. Jürgen Richter hat gerade erst angekündigt, seinen Chefposten bei der AWO Frankfurt niederzulegen, wie der Wiesbadener Kurier berichtet.

Zudem sieht der Wiesbadener Kreisverband einen Verstoß gegen den Datenschutz. Im Rahmen der Prüfung des Jahresabschlusses 2018 seien Informationen auch mit Namen nach draußen gelangt. Es soll Strafanzeige erstattet werden. "Die Daten stimmen in der Regel nicht", sagte ein Sprecher.

CDU: Revisionsamt soll Zuschüsse prüfen

Nachdem die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) bereits einen Teil der Zuschüsse für die AWO einfrieren hat lassen, fordert die CDU-Fraktion im Römer, das Revisionsamt solle die wirtschaftliche Verwendung der städtischen Zuschüsse prüfen.

"Wir begrüßen die Transparenzbemühungen Einzelner bei der AWO, aber eine Prüfung der Bücher durch den Magistrat ist nötig, um die Sachverhalte aufzuklären und ein klares Bild herzustellen", sagte der Frankfurter CDU-Fraktionsvorsitzende Nils Kößler am Donnerstag.

Sozial- und Bildungsdezernate lassen prüfen

Auch Sozial- und Bildungsdezernat sind bereits im Gespräch mit dem Revisionsamt. Man gehe allerdings davon aus, dass sich die Prüfung bis in den Januar hinziehe, sagte eine Sprecherin des Sozialdezernats.

Die jeweils quartalsweise vergebenen und daher erstmals im Januar einbehaltenen sogenannten Overheadkosten - eine Verwaltungspauschale von zehn Prozent der Personalkosten und ein Sockelbetrag - bezifferte die Sprecherin des Sozialdezernats am Donnerstag mit 153.000 Euro.

Krisensitzung am Dienstagabend

Nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Medienberichten über Luxus-Dienstwagen und ungewöhnlich hohe Gehälter für einige Mitarbeiter kamen das Präsidium und später der Kreisausschuss mit den Ortsvereinsvorsitzenden am Dienstagabend zu einer Krisensitzung zusammen.

Der AWO-Vorstand kündigte anschließend an, die Dienstwagenrichtlinie werde angepasst, "um der laut gewordenen Kritik Rechnung zu tragen". Auch Gehaltsgefüge und Eingruppierungen sollten kritisch geprüft werden, hieß es. Um auch die Arbeit des Präsidiums zu stärken und mit neuem Vertrauen auszustatten, solle es im Januar 2020 eine Neuwahl geben.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Verantwortliche

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Verantwortliche des AWO-Kreisverbands Frankfurt wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue mit Geld der Stadt. Dabei geht es um Mittel, die die Stadt für den Betrieb von zwei Flüchtlingsheimen der AWO gezahlt hat.

Nach Angaben einer Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft gibt es zudem Vorermittlungen zu den jüngsten Medienberichten über die Frankfurter AWO. "Der Fall wird geprüft", sagte die Sprecherin. Der hr hatte unter anderem über besonders hohe Gehaltszahlungen an bestimmte Mitarbeiter des Frankfurter Kreisverbands und teure Dienstwagen berichtet.

Auch der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) geriet in die Kritik nach einem hr-Bericht, wonach seine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau als Leiterin einer AWO-Kindertagesstätte einen Dienstwagen und ein Gehalt bezogen haben soll, das deutlich über dem von Kolleginnen in vergleichbaren Positionen lag.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 06.12.2019, 16.45 Uhr