Die Grafik zeigt ein Polaroid, auf dem zwei Hände zu sehen sind, die Geld gegen ein Gebäude tauschen. Das Polaroid ist vor einem Theatervorhang, wobei von oben eine Hand in das Bild ragt, die wie eine Marionette das AWO-Logo an Fäden hält.

Rund 250.000 Euro kassierte ein Frankfurter Geschäftsmann 2016 für die Vermittlung einer Immobilie für ein Flüchtlingsheim, das im Zentrum der AWO-Affäre steht. Inwieweit er tatsächlich als Makler tätig war, lässt sich nicht nachvollziehen.

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Ende 2016 wird eine leer stehende Druckerei im Frankfurter Gutleutviertel zur Anlaufstelle für hunderte Menschen. In dem ehemaligen Industriegebäude ist eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet geworden. Der Auftraggeber: die Stadt. Der Betreiber: die Frankfurter Arbeiterwohlfahrt. Eine schnelle Lösung, nachdem im "Flüchtlingsherbst" 2015 tausende Schutzsuchende in Frankfurt gestrandet sind.

Gut drei Jahre später beschäftigt die Flüchtlingsunterkunft im Gutleutviertel erneut die Frankfurter Kommunalpolitik - aber auch die Staatsanwaltschaft. Die Geschäfte rund um die Flüchtlingsunterkunft stehen im Mittelpunkt der sogenannten AWO-Affäre. Neben mutmaßlich überhöhten Abrechnungen für Sicherheitsdienstleistungen und Sportangebote geht es vor allem auch um eine Zahlung von 249.000 Euro an einen ominösen Makler - wobei weiterhin unklar ist, wofür er dieses Honorar erhielt.

Beteiligung an Vermittlung gänzlich unklar

Der Eigentümer der Immobilie, der diese selbst erst kurz zuvor erworben hatte, war nach hr-Recherchen von sich aus an die Stadt herangetreten. Den Kontakt zur Verwaltung stellte Frankfurts Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) her. Da beide Seiten dasselbe Ziel verfolgten, musste eigentlich nur noch ein Mietvertrag aufgesetzt und unterschrieben werden - was auch zeitnah geschah.

Wozu also bedurfte es eines Maklers? Eine Frage, die bis heute ungeklärt bleibt. Selbst die AWO schien mit der ursprünglichen Rechnung über 340.000 Euro für die Maklertätigkeit nichts anfangen zu können. Sie bestritt den Anspruch, verweigerte zunächst die Zahlung, einigte sich dann aber mit dem vermeintlichen Makler: 249.000 Euro zur Abgeltung aller Ansprüche.

Dieses Geld wiederum wurde der AWO von der Stadt erstattet. Denn diese hatte sich zuvor verpflichtet, alle anfallenden Kosten aus Betrieb und Anmietung der Flüchtlingsunterkunft zu begleichen. Auf hr-Anfrage erklärte die Stadt, dass ihr seitens des Eigentümers versichert worden sei, dass der ominöse Makler am Zustandekommen des Geschäfts beteiligt war.

Immobilienmakler ohne Kontaktdaten

Auskunft über seine Beteiligung an dem umstrittenen Deal könnte der Makler selbst geben. Doch den zu erreichen, gestaltet sich schwierig. Er ist Frankfurts womöglich einziger Immobilienvermittler, der Kundschaft finden will, ohne eine Telefonnummer oder einen Mailkontakt anzugeben. Im Internet ist nur ein Eintrag im Karriere-Netzwerk Xing zu finden. Dort allerdings firmiert der Mann nicht als Makler, sondern lediglich als "Vermieter und Angestellter". Die im Internet angegebene Adresse führt zu einem Mehrparteienhaus im Frankfurter Süden. An der Klingel mit dem richtigen Namen fehlt jeder Hinweis auf eine Tätigkeit im Immobiliengeschäft. Es handelt sich wohl um eine Privatwohnung.

Dafür taucht der Name des angeblichen Maklers in internen Unterlagen der Frankfurter AWO auf, die dem hr vorliegen. Diese zeigen, dass er einen Bekannten bei der Frankfurter AWO hatte: Klaus Roth. Der heutige Leiter des Kita-Bereichs der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt gehört zu jenen sechs Führungsfiguren, gegen die die Staatsanwaltschaft im Zuge der AWO-Affäre ermittelt. Im Juni 2015 erwähnte Roth in einer Rechnung an die AWO-Tochtergesellschaft Somacon ein zweistündiges Gespräch mit dem Makler.

Doch möglicherweise waren die Beziehungen zwischen AWO-Funktionären und dem mysteriösen Makler noch intensiver. Dem hr liegt eine anonyme Anzeige vom Juni 2019 vor, welche die Vorermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft zur AWO-Affäre auslöste. Auch darin wird der angebliche Makler erwähnt. Sein Unternehmen, heißt es da, sei "gemäß erstellten Rechnungen in größerem Umfang für den Kreisverband Frankfurt tätig" gewesen.

Eigentümer schweigt

Sehr vereinfacht lässt sich der Kern der AWO-Affäre auf die Formel "Geld ohne (adäquate) Gegenleistung" herunterbrechen. Dieser Verdacht steht auch bei der nicht nachvollziehbaren Immobilienvermittlung im Gutleutviertel im Raum. Die Frage nach der Beteiligung des mutmaßlichen Maklers könnte auch der Eigentümer der ehemaligen Druckerei klären. Gegenüber der Stadt soll er diese nach Auskunft des Frankfurter Sozialdezernats bereits bestätigt haben. Eine Anfrage des hr allerdings blieb bislang unbeantwortet.

249.000 Euro aus öffentlichen Mitteln sind an einen Geschäftsmann geflossen, ohne dass sich nachvollziehen lässt, was dieser im Gegenzug geleistet hat. Eine Frage, mit der sich am Donnerstagabend auch das Frankfurter Stadtparlament beschäftigen wird. Auf der Tagesordnung steht ein Antrag der AfD-Fraktion, in dem der Magistrat aufgefordert wird, einen Revisionbericht über die Verträge zwischen Stadt und AWO bezüglich der Flüchtlingsunterkünfte offenzulegen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.01.2020, 19.30 Uhr