Awo-Schild

Nicht nur bei der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt sind höchst auskömmliche Gehälter drin. Jetzt erschüttert ein Bericht über die Einnahmen der Geschäftsführung in Wiesbaden den Sozialverband. Ein zerknirschter Vorsitzender wirft die Brocken hin.

"Die betroffenen ehren- und hauptamtlich für unseren Verband tätigen Menschen sind fassungslos…" - so meldete es die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Wiesbaden am Montag nach Bekanntwerden neuer Vorwürfe. Widerspruch regt sich aus den eigenen Reihen gegen diese Lagebeschreibung nicht. Gegen die Begründung, warum es so weit gekommen ist, allerdings schon.

Satte 344.000 Euro jährliche Personalkosten waren einem Bericht des Wiesbadener Kurier zufolge der AWO die Dienste der langjährigen Geschäftsführerin Hannelore Richter wert. Die Summe beschreibt das sogenannte Arbeitgeberbrutto. Um auf den Bruttolohn Richters zu kommen, muss der individuelle Arbeitgeberanteil noch abgezogen werden. 280.000 Euro sollten wenigstens übrig geblieben sein. Mit 256.000 Euro schlugen die Personalkosten für ihren Stellvertreter zu Buche, den aktuellen Wiesbadener AWO-Chef Murat Burcu.

AWO: Eindeutig tendenziös

Die Zahlen basieren auf einem mit kritischen Nachfragen versehenen Schreiben der Kölner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO vom 11. November an die AWO, wie der Kurier berichtet. Bonuszahlungen von jeweils 10.000 Euro netto für beide gab es demnach obendrein – und das schon im Mai. 2017 sei als Extra auch ein 72.000-Euro-Beratervertrag für Burcu dringewesen. Der Sozialverband finanziert sich überwiegend aus staatlichen Zahlungen.

Die AWO Wiesbaden bezeichnet den mit weiteren Zahlungen unterfütterten Vorwurf, einige hätten dort mit ihrer Arbeit vor allem die eigene Wohlfahrt befördert, in ihrer Stellungnahme als "eindeutig tendenziös" und in "weiten Teilen" unrichtig.  Die Gehälter seien "vor dem Hintergrund der Größe unseres Unternehmens und der Arbeitsbelastung/Verantwortung angemessen".

Ex-Vorsitzender: Mit Grundwerten unvereinbar

Eine üble Kampagne ist nach Darstellung der AWO also schuld an der aktuellen Fassungslosigkeit ihrer Mitarbeiter und Mitglieder. Wolfgang Stasche, bislang ehrenamtliche Vorsitzender der AWO Wiesbaden, scheint das anders zu sehen. Der 78-Jährige bezeichnet die im Raum stehenden Vorwürfe als "größtenteils berechtigt". Er bittet Mitarbeiter und Ehrenamtliche in einer schriftlichen Erklärung für fehlende Kontrollen zerknirscht um Entschuldigung – und legt nach 20 Jahren sein Amt nieder.

"Es gab Geschäftsvorfälle, die nur schwerlich mit den Grundwerten eines Sozialverbands, der aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen ist, zu vereinbaren sind", heißt es in Stasches Rücktrittserklärung. Besonders schmerzhaft sei es, dass er selbst "in seinem persönlichen Verhalten nicht immer die Vorbildfunktion ausgeübt" habe, die seine eigenen Werte und die der Organisation erfordert hätten.

Eine Familie und die Wohlfahrt

Im Zentrum dieses Teils der AWO-Affäre stehen drei Mitglieder der Familie Richter, die seit langem in den Kreisverbänden Wiesbaden und Frankfurt den Ton angibt. Jürgen Richter ist Geschäftsführer der AWO Frankfurt und ehrenamtlicher Vize-Vorsitzender der AWO in Wiesbaden. Seine Frau Hannelore war lange Geschäftsführerin der AWO in Wiesbaden, wurde im Oktober laut Mitteilung mit stehenden Ovationen verabschiedet. Inzwischen ist ihr Sohn Gereon in der Geschäftsführung.

Vater und Sohn hatten vor wenigen Tagen und unmittelbar vor Erscheinen des kritischen Zeitungsberichts erklärt, ihre Ämter in Wiesbaden ruhen zu lassen. Als Chef der AWO Frankfurt muss sich Jürgen Richter von Ermittlern oder Journalisten als maßgeblicher Mann schon länger kritische Fragen gefallen lassen.

Es geht um zweifelhafte Geldströme zwischen den AWO-Verbänden Frankfurt und Wiesbaden sowie Abrechnungen von Kosten für zwei Flüchtlingsheime, wegen denen auch die Staatsanwaltschaft ermittelt. hr-Recherchen zeigte, dass in der Frankfurter AWO Posten mit Spitzenverdienst an junge SPD-Aktive ohne viel Berufserfahrung vergeben werden. Die Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD) bezog ein höheres Gehalt als fast alle anderen Kita-Leiterinnen in Frankfurt und ungewöhnlicherweise auch einen Dienstwagen.

Pressekonfererenz angekündigt

Über die Verhältnisse in Wiesbaden will sich der dortige Kreisverband am Mittwoch in einer Pressekonferenz äußern. Außerdem bereitet er nach eigenen Angaben eine außerordentliche Kreiskonfererenz vor. Die Mitglieder sollen dort einen neuen Vorstand wählen, "der den Verband alsbald wieder in ruhiges Fahrwasser führen kann".

Dem Wiesbadener Kurier zufolge haben die Wirtschaftsprüfer nicht nur wegen der üppigen Gehaltszahlungen und Zusatzverdienste der Chefs kritische Fragen gestellt. Sie wunderten sich demnach auch darüber, dass die AWO unter der damaligen Chefin Hannelore Richter den DJ für die Hochzeit ihres Sohnes gezahlt habe.

Dass der Bericht öffentlich geworden ist, bezeichnet die AWO als "strafbaren Angriff auf unseren Verband". Sie hat nach eigenen Angaben Strafanzeige wegen "der illegalen und strafbaren Entwendung und Weitergabe von Daten" erstattet.