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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bahnreaktivierungen: Wenn schon Gras über die Gleise wächst

Mit Gräsern und Sträuchern überwachsene Bahngleise

Es könnte so einfach sein, das deutsche Schienennetz zu verbessern: Tausende Kilometer Bahngleise liegen ungenutzt in der Landschaft herum, Haltestellen verfallen. Doch die Reaktivierungsprojekte kommen oft nur im Bummelzugtempo voran.

Es ist buchstäblich Gras über die Gleise gewachsen. Manfred Lotz steht am Alten Bahnhof in Allendorf/Lumda (Gießen). Er zeigt auf die mit Sträuchern zugewachsenen Bahngleise, die in den Nachbarort führen. Erst kürzlich wurde die Strecke vom Wildwuchs freigeschnitten. "Das ist nicht gerade ermutigend, wenn man sieht, dass das Gras schneller wächst als Entscheidungen getroffen werden", sagt Lotz.

Er ist Vorsitzender eines Vereins, der sich seit zehn Jahren für die Reaktivierung der Lumdatalbahn zwischen Lollar und Grünberg (Gießen) einsetzt. Sie wurde 1981 stillgelegt - wie damals viele andere Strecken in Deutschland, weil sich der Betrieb nicht mehr rentierte.

Mann steht auf Gleisen

Obwohl es heute wieder viel Zustimmung für die Reaktivierungspläne gebe, gehe es mit der Umsetzung zu langsam voran, meint Lotz. Ständig warte man auf den nächsten Planungsschritt oder das nächste Gutachten.Wenn es um die Lumdatalbahn geht, erzählt er gerne einen Witz: Kommt der Schaffner zum Fahrgast und sagt: "Sie fahren ja mit einer Kinderfahrkarte." Sagt der Fahrgast: "So lange warte ich ja auch schon!"

"Wir sehen den Zug, wir hören ihn, aber einsteigen können wir nicht"

Auch Andreas Droste wartet schon lange. Der Sozialarbeiter lebt im kleinen Dorf Kernbach bei Marburg. Vor ein paar Jahren ist er mit seiner Familie von Berlin hier raus aufs Land gezogen und hat mit Freunden im Lahntal eine alternative Hofgemeinschaft gegründet. Dort finden auch Menschen mit Behinderungen ein Zuhause.

Die Herausforderung: Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen und viele der Hofbewohner haben keinen Führerschein. Ein Bus fährt nur drei Mal am Tag, ständig muss also jemand zum nächsten Bahnhof gebracht werden oder die drei Kilometer laufen. Droste erzählt: Der Schulweg seiner Kinder zur weiterführenden Schule nach Marburg dauere deutlich über eine Stunde.

Anwohner wollen Haltestelle reaktivieren

"Dabei könnte es so einfach sein", meint er. Denn einmal die Stunde fährt ein Zug direkt an Kernbach vorbei. "Wir sehen ihn, wir hören ihn, aber einsteigen können wir nicht." Seit Jahren setzt Droste sich dafür ein, dass die stillgelegte Bedarfshaltestelle im Ort reaktiviert wird. Dann würde der Zug wieder in Kernbach anhalten, wenn Fahrgäste signalisieren, dass sie ein- oder aussteigen wollen. "Ich habe zwar ein Auto, aber würde dann definitiv auch öfter den Zug nehmen."

Droste zeigt einen dicken Ordner, prall gefüllt mit Unterschriftenlisten, Zeitungsartikeln und Briefen an Politiker und Entscheidungsträger. Sie gehen zurück bis ins Jahr 2014. Die große Frage sei immer: Lohnt sich das - angesichts von wenigen hundert Einwohnern der umliegenden Dörfer? "Wir haben den Eindruck, dass eigentlich alle die Idee grundsätzlich toll finden, aber niemand das dann auch einfach mal umsetzen will." Aber Papier sei ja geduldig, sagt er. "Und wir bleiben dran."

Mann steht mit Ordner voller Papier vor Bahngleisen

"Wir haben ein Problem mit langen Planungszeiten"

An vielen Stellen in Hessen gibt es derzeit lokale Bestrebungen, stillgelegte Haltestellen und tote Gleise wieder zum Leben zu erwecken. Für den ländlichen Raum ist das eine Zukunftsfrage, sagt auch Marian Zachow (CDU), erster Kreisbeigeordneter und Verkehrsdezernent des Kreises Marburg-Biedenkopf. Aber er räumt ein: "Wir haben in Deutschland leider ein Problem mit langen Planungszeiten und aufwändigen rechtlichen Rahmenbedingungen."

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf werden derzeit mehrere Bedarfshaltestellen und gleich zwei umfangreiche Streckenreaktivierungen diskutiert: die Aar-Salzböde-Bahn in Richtung Westen des Landkreises und die Ohmtalbahn im Osten. Anfangs hätten viele diese Reaktivierungen noch für eine Schnapsidee gehalten, sagt Zachow. "Wir sind dann überrascht gewesen, wie gut die alten Gleise zum Teil noch in Schuss sind."

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Schienen überbaut - Anwohner sorgen sich um Lärm

Doch es gebe auch Herausforderungen, berichtet Zachow. Stellenweise seien die Gleise inzwischen unwiderruflich überbaut worden. Dort stehen heute zum Beispiel Supermärkte oder Neubaugebiete, sodass man Alternativen finden müsse. Außerdem gebe es Diskussionen über Bahnübergänge oder Sorgen von Anwohnern wegen des Lärms. Die Züge seien allerdings heute viel leiser als früher, betont der Verkehrsdezernent. "Und wir bekommen auch viel Zuspruch, weil viele erkennen, dass ein Bahnanschluss die Attraktivität und Lebensqualität der Orte erhöhen kann."

Auch im Kreis Marburg-Biedenkopf könnte es noch Jahrzehnte dauern, bis auf den stillgelegten Strecken wieder Züge fahren. "Das ist natürlich viel zu lange für eine verkehrspolitische Herausforderung", sagt Zachow. Seiner Meinung nach braucht es deshalb dringend ein bundesweites "Gute-Schiene-Rückkehr-Gesetz", um solche Planungen zu erleichtern und zu beschleunigen.

Bahn hat Task Force gegründet

Wie viele Streckenkilometer genau derzeit in Hessen ungenutzt werden, teilte die Deutsche Bahn auf hr-Anfrage nicht mit. Aber eine Sprecherin erklärte: Man habe eine Task Force aus Spezialisten gebildet, die Vorschläge aus Politik und Verbänden zu reaktivierenden Strecken analysiert. "Das Ergebnis werden wir voraussichtlich Anfang kommenden Jahres als Gesamtplan vorstellen."

Das hessische Wirtschaftsministerium teilt mit, dass sich die Landesregierung seit Jahren um das Thema bemühe und darin erhebliches Potential für eine klima- und umweltfreundliche Mobilität sehe. Ein Beispiel sei die Reaktivierung der Kurhessenbahn, an der sich das Land über 20 Millionen Euro beteiligt habe. Gemeinsam mit den Verkehrsbünden habe das Land 2018 mögliche Strecken ermittelt.

Wirtschaftsministerium: Vier konkrete Vorhaben

Laut dem Wirtschaftsministerium gibt es derzeit in Hessen vier konkrete Vorhaben mit unterschiedlichem Planungsstand:

  • Die Horlofftalbahn (Wölfersheim-Hungen): Hier sei kürzlich der Planungsfinanzierungsvertrag abgeschlossen worden.
  • Die Lumdatalbahn (Lollar-Londorf): Hier liege der Entwurf der Vorplanung vor.
  • Die Strecke vom Bahnhof Neu-Isenburg ins Stadtzentrum: Sie soll als Teil der Regionaltangente West noch in diesem Jahr in die Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung gehen.
  • Die Aartalbahn (Diez-Bad Schwalbach-Wiesbaden): Hier sei eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben worden, die aber nach der Ablehnung des Wiesbadener Citybahn-Projekts angepasst werden müsse, Abstimmungsspreche würden derzeit laufen.

Auch bei weiteren Strecken beteilige sich das Land an laufenden Machbarkeitsstudien. Man müsse bedenken, dass sich auch immer ein Betreiber finden müsse, der den Verkehr auf einer reaktivierten Strecke organisiert, so das Wirtschaftministerium.

Verkehrsunternehmen: Tausende ungenutzte Gleiskilometer

Björn Wagner vom Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) sagt: Es handle sich um tausende Gleiskilometer, die derzeit in Deutschland ungenutzt in der Landschaft liegen. "Man könnte durch Reaktivierungen bis zu 15 Prozent mehr Schienennetz bekommen." Damit könne man flächendeckend das Netz in Deutschland verbessern, den Güterverkehr verlässlicher auf die Schienen bringen und wichtige Querverbindungen wieder herstellen.

Wagner erklärt: Besonders im Rahmen des Börsengangs der Bahn in den 90er-Jahren habe man Einsparpotentiale genutzt oder Strecken aufgeben, weil die Bevölkerung in einer Region zurückging. Aber die Situation habe sich in den letzten 30 Jahren an vielen Stellen geändert - vor allem mit Blick auf das Klima und mögliche Strafzahlungen, die auf Deutschland von der EU zukommen könnten, wenn Klimaziele im Bereich Verkehr nicht erreicht werden.

Der VDV dringt darauf, dass es mit den Reaktivierungen schneller vorangeht. Wichtig sei natürlich immer, dass ein gemeinsamer Wille in der Region da ist - und das könne unter Umständen lange dauern. "Aber es muss aus unserer Sicht auch einfach mehr Geld in die Hand genommen werden - und das geht nur mit Unterstützung des Bundes." Und auch er ist der Meinung, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen erleichtert werden sollten. "Damit solche Projekte dann auch irgendwann mal zum Abschluss gebracht werden können."

Sendung: hr-iNFO, 18.11.2020, 7.22 Uhr