Lange Wartezeiten sollen mit dem neuen Terminservice- und Versorgungsgesetz der Vergangenheit angehören.

In der Region um Sontra gibt es nur noch eine Handvoll Hausärzte, zuständig für Zehntausende Menschen. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Auf der Suche nach Ärzten engagieren die Kommunen schon Headhunter.

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hessenschau vom 07.10.2020
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Noch eine halbe Stunde bis der "Medibus" kommt. Drei Patienten warten schon bei nasskaltem Wetter in Sontra. Sie stehen unter einem Vordach am Bürgerhaus und reden über den Ärztemangel in der Region. Der ist massiv, Hausärzte werden in ländlichen Regionen dringend gesucht. In ganz Hessen geht deren Zahl immer weiter zurück. Fehlten vor fünf Jahren 135 Ärzte, hat sich die Zahl nun auf 290 erhöht.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der unbesetzten Hausarztsitze in Hessen. 2015: 135 bis 2020: 290

Eine Ärztin in Sontra nimmt schon keine Patienten mehr an, erzählen die Wartenden. Da sei die rollende Arztpraxis eine gute Alternative. Einmal die Woche kommt der "Medibus" nach Sontra, Nentershausen, Weißenborn, Ringgau, Herleshausen und Cornberg. Aber das könnte auch bald vorbei sein: Der Bus ist ein Pilotprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, finanziert mit Geld vom Land, es ist auf zweieinhalb Jahre befristet. Wenn die Finanzierung nicht verlängert wird, ist zum Ende des Jahres Schluss. "Wir arbeiten an einer Lösung, die Verhandlungen mit dem Land Hessen und den beteiligten Kommunen laufen", sagt ein KV-Sprecher. Derzeit sei alles offen.

Ruhestand? "Ich kann meine Patienten nicht alleine lassen."

Ein paar Hundert Meter weiter, in einem Fachwerkhaus mitten in der Altstadt, ist die Praxis von Dr. Benita Heller. Die Patienten geben sich die Klinke in die Hand, wie jeden Tag. Das Thema Ärztemangel betrifft auch sie persönlich. Sie wollte schon längst damit begonnen haben, einen Nachfolger einzuarbeiten, an den sie ihre Praxis übergeben kann. "Das kann ich nun gar nicht, und ich kann meine Patienten nicht allein lassen." Manchmal komme sie erst um halb zwölf Uhr nachts aus der Praxis, weil so viel zu tun ist.

Vor fünf Jahren habe es noch acht Kassenärzte im Ort gegeben, sagt die Medizinerin, nun seien es nur noch vier, ihr Durchschnittsalter liege bei 60 Jahren. Wenn da nicht in den kommenden Jahren Nachwuchs komme, gebe es gar keine Ärzte mehr in Sontra und Umgebung. Davon betroffen wären gut 20.000 Einwohner.

Situation in vielen ländlichen Gegenden schwierig

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen nennt die Region um Sontra schon seit 2018 einen "Planungsbereich mit drohender Unterversorgung". Genauso wie Idstein (Rheingau-Taunus), Allendorf/Battenberg (Waldeck-Frankenberg), Biedenkopf (Marburg-Biedenkopf) und Dieburg/Groß Umstadt (Darmstadt-Dieburg).

"Diese Verteilung, in jeder kleinen Kommune ein Arzt, das werden wir nicht mehr hinkriegen", sagt KV-Vorstand Eckhard Starke. Vielmehr würden Ärztezentren entstehen. Auch in Sontra gibt es bereits ein solches Zentrum, zumindest theoretisch seit einem Jahr. Praktisch fehlt es aber an Ärzten, die dort arbeiten wollen, die Kommune hat nun einen Headhunter engagiert.

Junge Ärzte wollen nicht aufs Land

Auch Lars Böckmann sucht nach Nachwuchsärzten. Er ist Bürgermeister von Herleshausen, einem Nachbarort von Sontra. Er und seine Kollegen aus den "Medibus"-Gemeinden versuchen seit Jahren, junge Ärzte in die Region zu locken. "Wir halten Kontakt zu Medizinstudierenden aus unseren Dörfern und fragen sie, ob sie sich nach dem Staatsexamen nicht hier niederlassen wollen, in ihrer Heimat." Bislang sei keiner gekommen.

Ein sogenannter Medibus, eine Arztpraxis auf Rädern, steht in einem hessischen Dorf. Menschen begutachten das Fahrzeug.

Noch gibt es im 3.000-Einwohner-Ort einen Hausarzt. Damit könne sich Herleshausen noch glücklich schätzen, sagt der Bürgermeister. Aber auch der könne nicht alles stemmen, schon gar nicht ohne den "Medibus". Wenn der wegfällt? Wie ältere Patienten auf den Dörfern dann zum Arzt kommen sollen, wissen auch die Bürgermeister nicht.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 7.10.2020, 19.30 Uhr