Barber Angels

Ein Netzwerk von Friseuren schneidet Sozialhilfeempfängern und Obdachlosen kostenlos die Haare. Am Sonntag waren sie in Gießen im Einsatz. Und es wird klar: Eigentlich geht es um etwas ganz anderes.

Videobeitrag

Video

zum Video Die "Barber Angels" helfen Bedürftigen

In der Gießener Werkstattkirche schneiden die Barber Angels Bedürftigen die Haare.
Ende des Videobeitrags

Etwas mulmig fühle er sich, sagt Udo. Der 52-Jährige steht im Eingang der Werkstattkirche in Gießen, die Haare fallen ihm ins Gesicht. Im August war er zum letzten Mal beim Friseur. "Das kostet 20 Euro, die kann man sich sparen", sagt er. Udo ist gelernter Bäcker, unter anderem wegen einer Stauballergie aber schon seit sieben Jahren nicht mehr in dem Beruf tätig. Er lebt von Sozialhilfe. Aber jetzt ist mal wieder ein Friseurbesuch fällig, deshalb ist er an diesem Sonntag hier.

In der Mitte des Kirchenraums sitzen Menschen im Kreis. Um ihre Stühle herum bewegen sich Männer und Frauen in schwarzen Lederwesten. Man könnte sie für Rocker halten, wären sie nicht so auffällig gut frisiert. Es sind Mitglieder der "Barber Angels Brotherhood", ein seit 2016 deutschlandweit aktiver Verein von rund 250 Friseuren, die Bedürftigen ehrenamtlich die Haare schneiden. Ihr Logo: Schere, Kamm, Rasiermesser, umgeben von Flügeln.

"Hier brauche ich nur meine Hände", sagt die Friseurin

Udo nimmt auf dem Stuhl von Angela Platz. Sie betreibt einen Friseursalon in Trebur (Groß-Gerau), an den Wochenenden ist sie seit einem Jahr so oft wie möglich für die "Barber Angels" unterwegs - "die Armut wird ja immer größer", stellt sie fest. "Hier brauche ich nur meine Hände. Das ist eine tolle Sache", sagt sie. Zwar wisse man nie, was passiert, "aber bisher hatte ich immer tolle Gäste".

Udo vor und nach dem Haarschnitt von Barber Angel Angela.

Jetzt bindet sie Udo den Frisierumhang zu und fragt: "Wie wollen wir es denn schneiden?" "Schön kurz", sagt Udo. "Dann wollen wir den Kerl mal auspacken", sagt Angela und wirft den elektrischen Haarschneider an. Büschelweise fallen die Haare zu Boden.

Andere Selbstwahrnehmung mit einem "neuen Kopp"

Es ist der erste Einsatz der "Barber Angels" in Gießen. Bärbel Weigand hat die Friseure im Namen der Werkstattkirche eingeladen. Die Organisation hat aus einer ehemaligen Kirche einen Treffpunkt für die Menschen in der Gießener Nordstadt gemacht, die "im Hintergrund der Gesellschaft" leben, wie Weigand sagt.

Verschiedene Institutionen, darunter ein Männerwohnheim, ein Frauenhaus, eine Obdachlosen-Einrichtung, die Aids-Hilfe oder auch die Arbeiterwohlfahrt haben die Gutscheine an die Bedürftigen verteilt. "Mit einem neuen Kopp hat man auch eine andere Selbstwahrnehmung", erklärt Weigand das Konzept.

Rund 100 Gäste in drei Stunden

Dazu gehört zum Beispiel Chrissy. Die 20-Jährige war vor Jahren zum letzten Mal beim Friseur, in der Zwischenzeit hat sie sich selbst die Haare geschnitten. Sie lebt in einer Hilfseinrichtung für Frauen in sozialen Notlagen. Jetzt ist sie hier, "weil ich das zu Hause nie so hinkriegen würde" - und um ihren Freund zu beeindrucken.

Lars dagegen geht normalerweise jeden Monat zum Friseur, jetzt war er aber schon länger nicht mehr. Der 33-Jährige ist gelernter Beikoch, allerdings "hapert es bei der Arbeitssuche", berichtet er. Das liegt vermutlich auch daran, dass er in wenigen Wochen seinem zweiten Prozess wegen schwerer Körperverletzung entgegenblickt. Einmal wurde er bereits zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt. Falls der zweite Fall genauso ausgeht, blickt er rund drei Jahren "Sonderurlaub" entgegen, wie er es nennt.

Drei Stunden dauert der Einsatz der "Barber Angels", rund 100 Menschen werden sie am Ende die Haare geschnitten haben. Udo jedenfalls, der inzwischen unter der Woche auf Ein-Euro-Basis bei der Arbeitsloseninitiative in Gießen kocht, blickt nach seinem Haarschnitt in den Spiegel. "Gut, sehr schön, vielen Dank", sagt er zu Angela und grinst.

Weitere Informationen

Barber Angels Brotherhood

Die Barber Angels wurden 2016 gegründet. Inzwischen hat die Organisation um die 250 Mitglieder und nach eigenen Angaben rund 25.000 Menschen in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und auf Mallorca Haare und Bärte geschnitten. Der Richtwert ist, dass jedes Mitglied alle vier Wochen bei einem Einsatz dabei ist. Die Mitglieder tragen die Reisekosten selbst, zahlen einen Jahresbeitrag von 180 Euro und arbeiten komplett ehrenamtlich. Die Organisation finanziert sich durch Spenden von Unternehmen und Privatleuten.

Ende der weiteren Informationen