Zwei junge Menschen im Wald vor einem Baumhaus

Die Situation rund um den Ausbau der A49 verschärft sich. Obwohl die Trasse genehmigt ist, wollen Baumbesetzer nicht weichen und einen alten Forst vor der Rodung bewahren. Sie bereiten sich auf eine Räumung vor.

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hessenschau vom 16.07.2020
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Alex läuft über einen matschigen Waldweg - der junge Mann ist barfuß, aber ansonsten komplett vermummt. Alex ist Baumbesetzer mitten im Dannenröder Forst (Vogelsberg). Er zeigt auf einen Baum, dessen Tage nun offiziell gezählt sind: Ein weißer Strich am Stamm markiert, dass hier die Trasse für die A49 entlanglaufen soll. Auch das Baumhaus, das dort steht, wird dann abgerissen.

Die Stimmung hat sich verändert, seit klar ist, dass alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Klage von Umweltschützern abgewiesen, das Teilstück der A49 zwischen Stadtallendorf und Gemünden/Felda wird demnach gebaut wie geplant. Während Unternehmen und lärmgeplagte Anwohner den Bau befürworten, befürchten Umweltschützer wie Alex katastrophale Folgen für die Natur.

"Ich versuche noch, die Hoffnung beizubehalten", sagt Alex. Aber in letzter Zeit sei auch Angst dazugekommen. Er meint die Angst davor, dass "dem Wald hier wehgetan wird", wie er sagt. Aber auch die Angst vor der Gewalt, die ihm dann möglicherweise drohe. Zwar habe er immer gewusst, dass es so weit kommen könnte, aber nun werde die Vorstellung für ihn immer realer, dass es zu einer Räumung im Dannenröder Forst kommen wird - so wie 2018 im Hambacher Forst.

"Das wird ein zweiter Hambacher Forst"

#dannibleibt - nicht nur der Kampf-Slogan der Akivisten erinnert stark an #hambibleibt. Auch der Rest ähnelt sehr den Berichten aus dem Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen. Sogar die Baumbesetzer sind zum Teil die gleichen: Alex war 2018 ebenfalls dabei, als der Hambacher Forst von einem Großaufgebot der Polizei geräumt wurde. Auch Jahre später ist der Wald dort nicht zur Ruhe gekommen, derzeit sorgen immer noch rund 100 Waldbesetzer für Boykotte.

Karte Nordhessen Dannenröder Forst mit geplanter A 49

Barbara Schlemmer vom Aktionsbündnis "Keine A49" sagt: "Das wird ein zweiter Hambacher Forst." Seit Jahrzehnten kämpft das Bündnis gegen den Bau, verschiedene Umweltschutzgruppen haben sich dafür zusammengeschlossen. Das Aktionsbündnis betreibt am Ortsausgang vom Homberger Stadtteil Dannenrod eine Mahnwache, die täglich besetzt ist. "Am Tag der Räumung werden bei uns bestimmt 1.000 Leute im Wald stehen", meint Bündnissprecherin Schlemmer, die zugleich mittelhessische Grünen-Kommunalpolitikerin ist. "Die Unterstützer-Gruppen sind sehr gut vernetzt."

Aktivisten kommen aus ganz Deutschland

Wie viele Waldbesetzer derzeit im Dannenröder Forster hausen, das wissen noch nicht mal die Aktivisten selbst. Zum Teil leben sie seit November hier, hoch oben in den Wipfeln in selbstgezimmerten Baumhäusern aus Bauholz, Paletten und Planen. Mit Solarzellen versorgen sie sich mit Strom, sie waschen sich im Fluss oder gehen bei Unterstützern im Dorf duschen. Lebensmittel holen sie sich aus den Müllcontainern der umliegenden Supermärkte.

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Ein vermummter junger Mann zeigt auf ein Gestell aus drei Baumstämmen
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Die Waldbesetzer kommen aus ganz Deutschland, erzählt Aktivistin Anna, die im Gegensatz zu Alex ihr Gesicht zeigt. Auf dem Waldweg grüßt sie eine entgegenkommende Gruppe, die gerade auf dem Weg ins Dorf ist. Kurz darauf kommt ein junger Mann auf dem Fahrrad vorbei. Im Wald herrscht ein Kommen und Gehen: "Manche bleiben eine Nacht, manche über Monate", sagt Anna. Doch lange wird das Leben im Dannenröder Forst nicht mehr so bleiben, das weiß auch die junge Umweltaktivistin.

Baugesellschaft fordert Aktivisten auf, den Wald zu verlassen

Die Baugesellschaft Deges hat die Aktivisten nun noch einmal deutlich dazu aufgefordert, den Wald zu verlassen. In einem Schreiben heißt es: Man respektiere abweichende Meinungen und friedlichen Protest gegen Autobahnbau, appelliere aber an die A49-Gegner, die Besetzung im Wald zu beenden, Eskalationen zu vermeiden und die Bauarbeiten nicht zu behindern. Ab Oktober wolle man mit dem Fällen beginnen. Am Donnerstag will die Deges in einer Bürgersprechstunde in Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) erstmals detaillierte Lagepläne für den Bau veröffentlichen.

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Die Aufforderung, den Wald zu verlassen, ist den Aktivisten egal. "Es ist ja nichts Neues, dass wir hier sind und hier bleiben", sagt Anna. Sie habe ein bisschen Schmunzeln müssen, als sie den Appell gelesen habe. Und Alex fügt hinzu: "Nur weil wir dazu aufgefordert werden, gehen wir doch nicht."

Vorbereitungen auf Eskalation

Stattdessen bereiten sich die Aktivisten nun konkret vor auf eine mögliche gewaltsame Räumung. Anna zeigt auf ein gut fünf Meter hohes Gestell aus drei dünnen Baumstämmen. In der Mitte hängt ein Seilzug mit einer Sitzfläche aus Holz.

Diese sogenannten Tripods stehen hier überall. Wenn die Baumaschinen kommen, wollen die Aktivisten sich dort hochziehen und so das Fällen behindern. Wie lange man da oben aushalten kann? Anna weiß es nicht genau - vielleicht einen Tag. "Wenn es Menschen gibt, die dir was zu Essen bringen und du ein Gefäß hast, wo du reinpinkeln kannst." Aber irgendwann werde es natürlich unbequem. "Das ist schon ein gruseliges Szenario", findet Anna. Alex sagt, um den Wald zu erhalten, sei er bereit, an seine Grenzen zu gehen: "Aber ich weiß nicht, wie ich am Ende fähig bin, was auszuhalten."

Wie weit werden Aktivisten gehen?

Die Baumbesetzer wollen den Bau behindern - doch wie weit wollen sie dabei gehen? Etwas weiter nördlich sind die A49-Bauarbeiten schon voll im Gang. An einer Baustelle bei Schwalmstadt (Schwalm-Eder) wurden vor kurzem Brandsätze an Baggern gefunden. Sie richteten zwar keinen Schaden an, aber die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes.

Im Internet kursierte daraufhin das Bekennerschreiben einer autonomen Aktivistengruppe, die nach eigenen Angaben den Bau der A49 verhindern will. Anna und Alex wissen nicht, um wen genau es sich bei dieser Gruppe handelt und gehen nicht davon aus, dass sie zu den Waldbesetzern im Dannenröder Forst gehören. Sie wollen die Tat weder befürworten noch verurteilen, wie sie sagen. Aber auch sie bekräftigen: Wenn die Maschinen in den Dannenröder Forst kommen, werden sie den Bau aktiv blockieren. "Und wer dann auch kommt, sind richtig viele Menschen", glaubt Anna aus voller Überzeugung.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.07.2020, 19.30 Uhr