Ein junger Mann sitzt auf hözernen Stufen an der Tür zu seinem Bauwagen. Die Behausung ist mit Blech eingekleidet und hat große Markisen.

Klimafreundlich, mitten in der Natur: Es gibt Alternativen zu den eigenen vier Wänden aus Beton. Der Fall von Bauwagen-Plätzen in Witzenhausen zeigt, wie ein ökologisches Leben möglich ist - wäre da nicht die Bürokratie. Statt Nachhaltigkeit droht die Räumung.

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In einem kleinen Waldstück bei Witzenhausen (Werra-Meißner) stehen selbstgezimmerte Bauwagen. Blumentöpfe stehen auf den Treppen, der Blick geht in den Wald. Verschlungene Wege verbinden die acht Wagen miteinander, dazwischen ein Gemüsegarten, ein Freiluft-Wohnzimmer, Solar-Panele und eine Komposttoilette.

Ein ruhiger und friedlicher Ort, aber illegal - denn obwohl die Bewohner mit ihrem Verein das Grundstück gekauft haben, dürfen sie sich dort zwar aufhalten, aber nicht wohnen. Genauso wie zwei weitere Bauwagenplätze in Witzenhausen. Nun kämpfen die Bewohner gegen die Räumung.

Der Wunsch vom Leben im Grünen

Die Gesetze in Deutschland lassen Alternativen zu Wohnungen oder Häusern wenig Spielraum - ein Freizeitgartengrundstück wie das "Am Hang" in Witzenhausen ist offiziell kein Platz für dauerhaftes Wohnen. Das gilt auch für andere Orte mit Ferien- und Wochenendhäusern, Kompromisse sieht das Gesetz nicht vor, solange die Flächen nicht offiziell umgewidmet wurden.

Alternative Lebensweisen und neue Wohntrends wie "Tiny Houses" versiegeln keinen Boden, weil sie auf Rädern stehen und können günstigen Wohnraum schaffen; zudem werden sie mit klimafreundlichen und naturnahen Konzepten betrieben. Wer im Internet nach den winzigen Häusern Ausschau hält, stößt auf viele Seiten, die die Tücken des deutschen Baurechts und Gebäudeklassen erläutern. Mancher Traum platzt dann angesichts des Paragrafendschungels schnell.

Bauwagen-Bewohnerin: "Ein Raum für Kreativität"

Bei den drei Bauwagenplätzen in Witzenhausen ist das der Kern des Problems. Für die Bauwagenbewohner sind die Plätze ein Wohnmodell mit Zukunft und eine Vision: "Es ist ein Lebenstraum, hier viel Zeit zu verbringen und das als Experimentierfeld zu haben", sagt Lea, die auf einem der Wagenplätze in Witzenhausen wohnt, "der Ort ist ein Raum für Kreativität". Sie studiert ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen, die Stadt ist bekannt für ihre alternativen Orte und klimafreundliche Innovationen und Forschung.

Gärtnern, Apfelsaft keltern, Solarenergie nutzen, Pflanzenkläranlagen bauen und Regenwasser reinigen - die Bewohner der Wagenplätze investieren viel Zeit, um möglichst ökologisch leben zu können. "Ausprobierorte" nennen sie die Plätze und die Gemeinschaft mit den Bewohnern. "Ressourcenschonung ist ein Thema, das uns alle fasziniert", sagt Jonas. Beim Strom sind die Bauwagen etwa schon autark, mithilfe von Solarenergie. Die Bewohner experimentieren auch mit der Reinigung von Regenwasser, so dass es als Trinkwasser dient.

Machbarkeitsstudie soll den Weg weisen

Bei den bürokratischen Regeln hilft das alles nichts: "Es gibt im Baurecht keine Kategorie Wagenplatz", sagt Jonas, der "Am Hang" wohnt. Es sei am Ende eine Frage des politischen Willens, das zu ändern und einen Weg zu finden. Am liebsten wollen die Bewohner einen runden Tisch mit allen Beteiligten, um eine Lösung zu finden.

Für die Politik ist auch der Bürgermeister von Witzenhausen zuständig: Daniel Herz (parteilos) war in dieser Woche das erste Mal auf dem Platz, schaute sich die Anlage an und diskutierte mit den Wagenplatz-Bewohnern über Abwasser, Bebauungspläne, Flächenumwidmung. Die Stadt hatte sich bereits in der Vergangenheit bemüht, eine Lösung zu finden und im vergangenen September eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Der junge Bürgermeister Herz steht bei einem Besuch vor zwei Bauwägen aus Holz. Im Hintergund sind Bäume und Wald zu sehen.

Die soll prüfen, ob die jetzigen Plätze legalisiert werden können und welche baurechtlichen Möglichkeiten es gibt. Am Ende liege die Entscheidung allerdings nicht in Witzenhausen, erklärt Herz, sondern beim Regierungspräsidium Kassel, das den Flächennutzungsplan ändern müsste.

Die Interessensgemeinschaft der Bauwagen-Plätze in Witzenhausen sieht eine Chance, dass Witzenhausen so mit legalisierten Plätzen und ökologischem Wohnen bundesweit einen Modellcharakter haben könnte. Andere Gemeinden in Deutschland könnten sich daran orientieren - wenn sie es hinkriegen, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.

FDP prescht voran - Räumungen drohen

Noch gibt es kein Ergebnis der Studie, zwischenzeitlich preschte allerdings die FDP vor rund zwei Wochen mit einem Antrag in der Stadtverordnetenversammlung vor: Die Bauaufsicht müsse sofort die nötigen rechtlichen Schritte einleiten, also im Zweifel die Räumung bewirken. Damit sorgte die FDP, unterstützt von SPD und CDU, noch vor Ende der Studie für Tatsachen. Erste Briefe haben manche Bewohner schon erhalten.

Die SPD sei umgefallen, kritisieren die Bauwagenbewohner, noch letztes Jahr waren die Sozialdemokraten für die Machbarkeitsstudie - in der neuen Koalition mit der CDU entschieden sie plötzlich anders. Und auch Bürgermeister Herz versteht nicht, warum die Stadtverordneten nicht erst einmal abwarten.

So richtig erklären kann das auch der FDP-Politiker Axel Vogelei nicht, der den Antrag eingebracht hat. "An den Wohnwagen stört uns im Grunde gar nichts", sagt Vogelei, es störe, dass sie einfach überall stehen und das gegen die rechtlichen Vorgaben verstößt. Es sei viel Verkehr im Wald, Autos parkten auf Wegen, Fragen des Brandschutzes seien nicht geklärt und das Baurecht erlaube kein Wohnen - das spreche aktuell gegen die Nutzung.

Ein Grundstück für alle?

Diese Fragen sollte die Machbarkeitsstudie klären. Dass sie kurz vor der Veröffentlichung steht, habe er nicht gewusst, sagt Vogelei. Auch von Konzepten zu Abwasser, Müll oder Brandschutz, die Bewohner teils schon erarbeitet hatten, wisse er nichts. Am liebsten wäre Vogelei ein Grundstück, das legales Wohnen im Bauwagen erlaubt und wo alle dann hinziehen könnten.

Die Interessensgemeinschaft der Bauwagenplätze hat ein Bürgerbegehren für die Legalisierung ins Leben gerufen, das findet auch FDP-Politiker Vogelei gut. Es sei ein demokratischer Weg, die Frage anzugehen. 1.200 Stimmen sind nötig, noch fehlen rund 400 Stimmen für das Begehren. Die Bewohner wollen weiter Politiker einladen, vorbeizukommen und sich alles anzuschauen - um mögliche Vorurteile abzubauen und Konzepte zum Brandschutz und anderen Fragen zu besprechen. Bisher folgten nur Politiker der Opposition der Einladung.

Legales Freiland-Forschungslabor

Dass alles möglich ist, hat Witzenhausen eigentlich längst bewiesen: Schon vor Jahren wurde ein Modellprojekt mit Sondernutzung geschaffen, der legale Bauwagenplatz Urtica. Der Ort ist ein kleines Freiland-Forschungslabor, das Umweltschutz und naturnahes Leben auf einer Obstbaumwiese vereinen soll mit Totholzhecken und ohne jede Düngung.

Anna wohnt auf dem Urtica-Platz, mit Blick auf Wälder und die Stadt Witzenhausen. Auch die Urtica-Gruppe sei damals erst zu Expertinnen und Experten bei rechtlichen Fragen geworden, um die Genehmigung zu bekommen und alles zu verstehen. "Ich würde mir wünschen, dass diese Wohnform anerkannt wird und eine rechtliche Grundlage geschaffen wird", sagt Anna. Sie alle seien "Menschen, die etwas verändern wollen im Kleinen und sich aber gleichzeitig mit rechtlichen Sachen rumschlagen müssen."

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