Marc Freukes mit Brennholz vor seiner Jurte im Odenwald

Seit sieben Jahren lebt Marc Freukes im Wald bei Grasellenbach-Hammelbach. Der ehemalige Bundesliga-Golftrainer flüchtete sich nach einer Lebenskrise dorthin. Doch um seine Jurte ist ein Streit mit den Behörden entbrannt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Minimalist muss selbst gebaute Hütte im Wald verlassen

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Eine Hütte mit 18 Quadratmetern, ein selbstgebautes Toilettenhäuschen und ein Platz zum Holzhacken. Das genügt Marc Freukes zum Leben. Seit er 2013 in eine Lebenskrise geriet, lebt der 45-Jährige im Odenwald. Also tatsächlich im Wald abseits von Hammelbach, einem Ortsteil von Grasellenbach (Bergstraße). Die kreisrunde Jurte, das Bett, den Sessel und den improvisierten Kühlschrank, den er mit einem Flaschenzug aus der Erde zieht, hat er selbst gebaut.

Sein Antrieb sei Nachhaltigkeit, sagt Marc Freukes: Er wolle möglichst wenig Platz in Anspruch nehmen und doch genug Komfort haben, um auch im Winter draußen zu überleben. Weil er manche Lebensmittel im Supermarkt kauft und noch immer ein Bankkonto hat, will er sich auch nicht als echter Aussteiger verstanden wissen.

Strafen nach versäumter Räumung

Marc Freukes lebt einfach. Er hat nach eigenen Angaben ungefähr 10.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Früher war er Golftrainer auf Bundesliga-Niveau, heute verdient er das meiste Geld mit Naturkursen und Vorträgen. Er vermarktet sich als Odenwald-Tipianer. Ginge es nach ihm, würde Freukes noch die nächsten 30 Jahre in seiner kleinen Jurte im Wald bleiben.

Doch der Kreis Bergstraße sieht das anders. Seit Freukes 2017 sein einfaches Tipi durch eine Jurte ersetzt hat, steht er unter Druck. Der Waldbewohner zeigt ein Schreiben aus dem Januar, das ihm in einem gelben Umschlag zugestellt worden ist. Darin steht, Freukes sei der Aufforderung, seine Jurte abzureißen, nicht nachgekommen. Nun müsse er ein Zwangsgeld in Höhe von 1.000 Euro für die Jurte und 250 Euro für die Außentoilette zahlen.

Blick auf bemalte Tuchwände in Jurte von Marc Freukes im Odenwald

Amüsiert zeigt Freukes auf seine Toilette, einen kleinen zeltförmigen Bau aus Rindenstücken, darin ein Plumpsklo. Dennoch liest er spürbar angespannt die nächsten Zeilen vor, in denen ihm mit weiteren Strafen gedroht wird, sollte er seine Jurte bis Ende Februar nicht abreißen.

Der Wald ist für Tiere da

Der Grund für die gebotene Räumung ist laut Kreisverwaltung, dass der entsprechende Paragraf 35 im Baugesetzbuch keine Bebauung in der Kategorie "Außenbereich" zulässt. Damit war der Bau der Jurte 2017 unrechtmäßig, auch wenn die Grundstückseigentümerin eingewilligt hatte.

Freukes mag nicht glauben, dass seine Jurte auf Holzstelzen vor dem Gesetz gleichbehandelt wird wie ein Zweifamilienhaus mit Tiefgarage. Auch wenn Grasellenbachs Bürgermeister Markus Röth (parteilos) mit seinem Mitbürger im Wald mitfühlen kann - er wisse nicht, wie er ihm helfen könne, auch wenn er das möchte, beteuert er.

Freukes erfülle keines der Kriterien, die eine Ausnahme von der Vorschrift im Baugesetzbuch möglich machten. Der Mann betreibe keine Landwirtschaft oder Gärtnerei, kein Wind- oder Atomkraftwerk. "Er lebt vor, wie Greta Thunberg es klimamäßig will, aber das gibt die Rechtsordnung nicht her", sagt der Bürgermeister.

Möbel in der Jurte von Marc Freukes im Odenwald

Eine Ausnahme für den weit über den Odenwald hinaus bekannten Aussteiger will auch die Kreisverwaltung nicht machen. Zur Begründung heißt es in einer schriftlichen Antwort an den hr: "Waldgrundstücke werden ganz bewusst unbebaut gelassen - gerade auch im Sinne des Naturschutzes und der Artenvielfalt. Der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung wünscht sich 'unberührte' Natur. Unter anderem aus diesen Gründen ist es aus unserer Sicht sehr schwierig, Waldgrundstücke zur Bebauung freizugeben oder hier mit Ausnahmeregelungen zu agieren."

Petition auf Minimal-Wohnen in der Natur

Angesichts dessen wird Marc Freukes, der sonst in lockerem Plauderton spricht, ernst und emotional: "Wenn es hier um Naturschutz und Erhalt der Natur geht, dann sollte ich der letzte sein, der etwas beseitigen muss." In einer Online-Petition mit dem Titel "Endlich Minimalismus legalisieren" fordert er dazu auf, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, in einer Behausung mit bis zu 20 Quadratmetern zu wohnen, sofern der Grundstücksbesitzer zustimme.

Freukes sagt, er wolle die verhängte Strafe zahlen. Schon einmal habe er 400 Euro an das Bauamt überwiesen. Er wäre auch bereit, mit seiner Jurte umzuziehen, solange er in der Natur bleiben könne. Das sei wichtig für seine Kurse. Er zeigt in den Wald um sich und sagt, auch wenn nichts davon laut Baugesetzbuch zur Verfügung stehe, so gebe es doch überall hier Platz.

Sendung: hr4 für Südhessen, 07.02.2020, 14.30 Uhr