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Kinderärztin Barbara Mühlfeld im Interview

Ein Mädchen bekommt eine Spritze in ihren linken Oberarm, während ihre Mutter sie im Arm hält.

Nach der Empfehlung der Stiko werden nun auch in Hessen Kinder zwischen fünf und elf Jahren gegen das Coronavirus geimpft. Ärzte und etliche Kreise und Städte organisieren Sonder-Impfaktionen - falls sie den bestellten Impfstoff bekommen.

An diesem Mittwoch sollte es richtig losgehen, nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) auch Kinder - speziell jene mit Vorerkrankungen - mit dem eigens für sie produzierten Impfstoff gegen das Coronavirus in größerem Umfang geimpft werden. Die ersten der rund 180.000 bestellten Dosen sollten bereits am Montag in Hessen ankommen. Doch am Dienstag warteten Barbara Mühlfeld und ihre Kolleginnen und Kollegen noch immer auf das begehrte Serum.

Dabei hatten sie private Pläne aufgeschoben, Impftermine spätabends und am Wochenende eingerichtet, um den Wünschen vieler Eltern gerecht zu werden, sagte Mühlfeld, die Kinderärztin in Bad Homburg ist und Landessprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), dem hr: "Und dann bekommen wir trotz fester Zusage keinen Impfstoff." Es herrsche eine Diskrepanz zwischen den Informationen, die das Sozialministerium ausgebe, und dem, was sie und ihre Kolleginnen und Kollegen im Alltag erlebten, sagte sie.

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Wann sollten Kinder geimpft werden?

Die Stiko empfiehlt die COVID-19-Impfung für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren mit verschiedenen Vorerkrankungen. Zusätzlich wird die Impfung Kindern empfohlen, in deren Umfeld sich Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf befinden. Kinder ohne Vorerkrankungen sollen laut Empfehlung geimpft werden, sofern ein individueller Wunsch der Kinder und Eltern bzw. Sorgeberechtigten besteht.

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Ärztin: Weniger medizinische als soziale Notwendigkeit

In "weiser Voraussicht" habe ihre Praxis keine Termine vergeben, ehe nicht Impfstoff im Kühlschrank liegt, sagte Mühlfeld. Ohne Extra-Schichten wären die regulären Termine sowieso bis März vergeben gewesen. "Die Eltern sind hochgradig aktiviert, ihr Interesse an den Kinder-Impfungen ist sehr groß", berichtet sie. Nach Angaben des BVKJ sind in manchen hessischen Kreisen und Städten die Termine für Kinderimpfungen bereits ausgebucht. Auch der Beratungsbedarf sei groß.

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Sonder-Impfaktionen

Einen Überblick über Sonder-Impfaktionen speziell für Kinder finden Sie weiter unten.

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Dem möchten Mühlfeld und ihr Verband natürlich nachkommen. Die Kinderärztin sagte aber auch: "Wir sehen nach wie vor nur eine sehr bedingte medizinische Notwendigkeit, die Kinder zu impfen." Diese hätten schließlich nur ein geringes Risiko für einen schweren Infektionsverlauf. "Wir sehen aber auch die soziale Notwendigkeit", sagte Mühlfeld. Sprich: Dass viele Eltern maximal genervt seien, wenn ihr Kind nach einem Risikokontakt in Kita, Kindergarten oder Schule mal wieder in Quarantäne müsse.

Inzidenz unter Kindern und Jugendlichen die mit Abstand höchste

Die Inzidenz in der Altersgruppe der Fünf- bis 14-Jährigen ist mit 534,16 mehr als doppelt so hoch wie die Gesamt-Inzidenz (239,1, Stand Mittwoch) und damit die mit Abstand höchste in Hessen. Kinder erkranken zwar selten schwer, spielen aber trotzdem eine Rolle bei der Verbreitung der Viren, wie mehrere Studien zeigen.

Durch eine Impfung könne man das Übertragungsrisiko innerhalb der Familien vor den Weihnachtsfeiertagen reduzieren, findet auch der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Er hält eine Impfung von Kindern auch für wichtig, um sie vor möglichen Folgeschäden wie Long Covid und Pims zu schützen.

Wie wirkt der Impfstoff bei Kindern?

In jungen Kreisläufen wirkt der Stoff genauso wie in älteren: Durch die Impfung lernt das Immunsystem, Antikörper gegen das Oberflächenprotein des Coronavirus aufzubauen. "Wenn es das nächste Mal in Kontakt damit kommt, kann das Immunsystem deutlich schneller reagieren, weil es den Erreger schon mal gesehen hat. Es ruft sozusagen seine Erinnerung ab", erklärt Virologe Stürmer. Im Körper selbst verändere der Impfstoff aber nichts.

Bislang gibt es keine Hinweise, dass Kinder ein höheres Risiko haben, Impfschäden davonzutragen.
Stürmer sagt: "Impfungen im Kindesalter sind gang und gäbe und erprobte Mittel, um Kinder vor Infektionen zu schützen."

Kreise und Städte planen Sonder-Impfaktionen

In Hessen leben nach Angaben des Sozialministeriums rund 400.000 Kinder mit fünf bis elf Jahren. Sie nun auf einmal und im großen Stil zu impfen, belastet die Kinderärzte. Darum haben viele Kreise und kreisfreie Städte Sonder-Impfaktionen speziell für Kinder angekündigt - alles unter dem Vorbehalt, dass auch der entsprechende Anteil der bestellten Impfdosen am Bestimmungsort angekommen ist.

Auf eine hr-Anfrage an alle Kreise und kreisfreien Städte haben noch nicht alle geantwortet. Einige teilten mit, sie seien diesbezüglich in Planungen. Andere haben bereits konkrete Aktionen vor.

  • In Bad Homburg will das Impfzentrum eine Impfaktion für Fünf- bis Elfjährige durchführen. "Kinder und Jugendliche haben lange Zeit besonders unter den Einschränkungen der Pandemie gelitten. Durch die Impfung erhalten sie nicht nur den bestmöglichen Schutz gegen eine Erkrankung mit dem Coronavirus, sie machen auch einen weiteren Schritt in Richtung Normalität", teilte Gesundheitsdezernent Thorsten Schorr (CDU) mit. Die Aktion soll vom 18. bis 23. Dezember für Bürger des Hochtaunuskreisesmit vorheriger Terminvereinbarung stattfinden.
  • Für Kinder, die in Stadt und Landkreis Kassel wohnen, werden vom 27. bis 30. Dezember sowie vom 4. bis 7. Januar im Impfzentrum Calden Termine freigehalten. "Kinder aus der Stadt können sich in Calden impfen lassen, genauso wie Kinder aus dem Landkreis ein Impfangebot in der Stadt Kassel nutzen können", teilten Oberbürgermeister Christian Geselle und Landrat Andreas Siebert mit. Zudem öffnet am 18. Dezember eine eigene Kinderimpfstelle für Unter-Zwölfjährige im Kulturhaus Oberzwehren.
  • In Frankfurt bietet das Bürgerhospital am 22. Dezember Termine für eine Corona-Impfung von Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren an. Für die Impfung ist eine Terminanmeldung nötig, die ab 17. Dezember auf der Homepage des Bürgerhospitals möglich ist.
  • Der Landkreis Waldeck-Frankenberg bietet vom 27. bis 30. Dezember Schutzimpfungen für Kinder im Korbacher Mini-Impfzentrum in der kleinen Hauerhalle an. Eine Terminvereinbarung ist nicht notwendig. Vom 17. bis 20. Januar gibt es für die zweite Impfung weitere Impftage für Kinder.
  • Der Landkreis Gießen öffnet am 18. Dezember ein Kinderimpfhaus im Seltersweg 85 in Gießen (gegenüber Karstadt). Im Obergeschoss des dortigen DRK-Testcenters können täglich zunächst bis zu etwa 50 Kinder nach Terminvereinbarung geimpft werden. Das Angebot gilt zunächst nur für Kinder mit Risikofaktoren.
  • Der Kreis Marburg-Biedenkopf bietet Kinderimpfungen am 20. und 21. Dezember in Marburg im Impfpunkt Mitte an, am 22. Dezember in Dautphe im Impfpunkt West und am 23. Dezember in Stadtallendorf im Impfpunkt Ost.
  • Im Kreis Groß-Gerau gibt es ab 9. Januar und den ganzen Januar immer samstags und sonntags Kinderimpfungen in der alten Zulassungsstelle in Rüsselsheim. Ab 27.12. sollen über die Terminplattform Buchungen möglich sein.
  • In Wiesbaden ist am 18. Dezember ein Sonder-Impftag für Kinder in der DKD-Helios-Klinik angesetzt.
  • Im Vogelsberg waren zwei Sonder-Impftermine für das kommende Wochenende in der Alsfelder Hessenhalle nach zweieinhalb Stunden ausgebucht. Ein weiteres Impfwochenende ist am 8. und 9. Januar geplant.
  • Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gibt es Kinder-Aktionen in Bad Hersfeld (21.12. und 28.12.), Bebra (17.12.) und Rotenburg a.d. Fulda (20.12. und 27.12.)
  • Im Main-Taunus-Kreis sind zusätzliche Kinder-Impftage in den Varisano-Kliniken Bad Soden und Hattersheim in Planung. Eine Anmeldung dafür soll ab 15. Dezember möglich sein.
  • Im Main-Kinzig-Kreis sind neben Impfungen am Klinikum Hanau und den Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen in den Tagen vor und nach Weihnachten auch an Impfstellen in Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern Kinderimpftage geplant.
  • In den Impfambulanzen in Darmstadt und im Kreis Darmstadt-Dieburg sollen im Darmstadtium und der Impfambulanz Reinheim Kinder geimpft werden. Am 18. und 29. Dezember gibt es die ersten Impftermine für fünf- bis elfjährige Kinder.

Zentrale Terminvergabe könnte kommen

Anders als in anderen Bundesländern wie etwa in Rheinland-Pfalz gibt es in Hessen keine landesweite zentrale Vergabe von Impfterminen. Neben den einzelnen Praxen und Kliniken koordinieren die Kommunen ihre Termine selbst. Sollte die Nachfrage hoch bleiben, wäre eine entsprechend ausgeweitete Terminvergabe denkbar, sagte Ralf Moebus, der Landesvorsitzende im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

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