Fachärzte geht so, Hausärzte schlecht, Kinderärzte miserabel. So lässt sich die Versorgung Hessens mit Medizinern im Bundesvergleich zusammenfassen. Immerhin: Eine Kommune steht gar nicht so schlecht da.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hessen hat bundesweit geringste Kinderarztdichte

Kinderarzt untersucht Kind, Mutter lächelt
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Der Ärztemangel in Hessen ist in der Vergangenheit schon mehrfach thematisiert worden. Nun hat die Nachrichtenagentur dpa Daten aus dem Bundesärzteregister ausgewertet - mit dem Ergebnis: Hessen steht in Deutschland nach wie vor nicht gut da, wenn es um die Versorgung mit Ärzten geht.

Besonders drastisch zeigt sich das bei den Kinderärzten. Dem Register zufolge kamen in Hessen im vergangenen Jahr (Stichtag 31. Dezember) nur 8,4 Kinderärzte auf 100.000 Einwohner. Damit ist Hessen im Vergleich der Bundesländer auf den letzten Platz zurückgefallen, noch hinter Brandenburg. 2018 war es noch der vorletzte Platz. Deutschlandweiter Spitzenreiter ist Bremen mit 14,3 Kinderärzten pro 100.000 Einwohner.

KV sieht kein kein Problem, die SPD schon

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen will von einer Unterversorgung nichts wissen. Rechnerisch komme ein Arzt auf 2.487 Kinder, sagte ein Sprecher am Dienstag in Frankfurt. Dies liege deutlich über der Bedarfsplanung, die einen Arzt für 2.862 Kinder vorsehe.

Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) erklärte, die ambulante ärztliche Bedarfsplanung liege nicht im Zuständigkeitsbereich der Länder, sondern sei bundesgesetzlich der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen zugewiesen. Als Planungsraum für Kinderärzte sei die Kreisebene vorgegeben. "Im Bereich der kinderärztlichen Versorgung hat sich - zum Glück! - inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass die vermeintlich hervorragende Versorgungslage auf dem Papier jedenfalls nicht flächendeckend der Realität entspricht."

Die SPD im Landtag sprach von einem "massiven Kinderarztproblem" in Hessen. Nicht nur in ländlichen Gebieten, auch in der Stadt hätten Eltern teilweise Probleme, einen Arzt für ihr Kind zu finden, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Daniela Sommer.

AfD macht Bund verantwortlich, Linke nennt Zahlen erschreckend

Die AfD machte vor allem Entscheidungen auf Bundesebene für den Ärztemangel in Hessen verantwortlich. So würden Kinderärzte durch eine Herabsetzung der Grundpauschalen zum 1. April zusätzlich belastet, sagte die Abgeordnete Claudia Papst-Dippel. Hessen müsse sich auf Bundesebene für eine Lösung der Probleme stark machen.

Die Linksfraktion im Landtag nannte die Zahlen mit Blick auf steigende Geburtenzahlen erschreckend und sprach zugleich von einer wenig überraschenden Entwicklung. Initiativen zur Stärkung der medizinischen Versorgung seien in Hessen nicht zu erkennen, kritisierte die Abgeordnete Christiane Böhm, "nicht einmal im Sinne des schwarz-grünen Koalitionsvertrages".

Mittelfeld bei Fachärzten

Auch bei der Hausarztversorgung sprechen die Zahlen nicht für Hessen. Sie ist laut Register von 65,2 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017 auf 64,6 im vergangenen Jahr zurückgegangen. In der Deutschland-Tabelle bedeutet das aktuell den vorletzten Platz.

Immerhin hat sich die Arztdichte über die Fachrichtungen hinweg in den letzten Jahren leicht verbessert. Praktizierten 2017 noch 211 Ärzte und Psychotherapeuten pro 100.000 Einwohner, waren es 2019 schon 215. Das beschert Hessen im Bundesvergleich einen ansehnlichen Mittelplatz.

Durchschnitt ist Hessen auch, was das Alter seiner Mediziner betrifft. Dieses lag im vergangenen Jahr im Schnitt bei 54,1 Jahren. Die ältesten Ärztinnen und Ärzte gab es in Bremen und Berlin mit durchschnittlich jeweils 55 Jahren. Am jüngsten waren sie in Sachsen mit 52,7 Jahren.

Kassel gut versorgt

Schaut man auf die Stadt- und Landkreise, so tut sich Kassel im Bundesvergleich positiv hervor und zeigt sich mit 313,8 Ärzten pro 100.000 Einwohner besonders gut versorgt. Deutschlandweit liegt die nordhessische Kommune damit auf Rang neun.

Schlechte Noten gibt es dagegen für den Landkreis Darmstadt-Dieburg: 53 Hausärzte pro 100.000 Einwohner bedeuten den viertschlechtesten Platz. Was wiederum die Kinderarztdichte betrifft, fällt der Schwalm-Eder-Kreis besonders negativ auf. Hier kamen auf 100.000 Einwohner nur 3,9 Mediziner.

Sendung: hr-iNFO, 28.04.2020, 8.30 Uhr

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4 Kommentare

  • Egal ob nun Kinderarzt oder Hausarzt: In fast allen Praxen herrscht Aufnahmestopp. Für Eltern mit Kindern ist das besonders schlimm. Für alle anderen Patienten auch. Auf jeden Fall habe ich jetzt mehr Verständnis für Patienten, die in die Notaufnahmen der Krankenhäuser gehen, obwohl sie keine Notfälle sind. Dort werden sie nämlich nicht wieder weg geschickt.

  • Bei unserem Kinderarzt gibt es auch einen Aufnahmestopp. Die längste Wartezeit mit wirklich krankem Kind (plus Geschwisterkind) betrug 2,5 Stunden! Das finde ich nicht zumutbar, egal welche Zahlen die KV da präsentiert, die Realität sieht anders aus.

  • Als Logopädin in Frankfurt muss ich immer wieder feststellen, dass es hier viel zu wenig kinderärztliche Praxen gibt. Die Lage ist in den letzten Jahre prekär geworden. Zugezogene Eltern, Eltern mit Neugeborenen oder Familien, die in einen neuen Stadtteil gezogen sind, stehen immer wieder ohne Versorgung da, weil in den Praxen Aufnahmestopp besteht. Die Arbeit kann nicht mehr bewältigt werden.
    Auch wenn rein rechnerisch ausreichend Praxen vorhanden sein sollten, wird doch niemand sein Kind behandeln lassen, wenn kein Vertrauen besteht oder die Methodik nicht den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht. Zudem benötigt die Behandlung von Kindern mehr Zeit, mehr Ruhe und einen höheren Personalaufwand. Mein Eindruck ist, dass insbesondere zuwenig Zeit zur Verfügung steht. Der Anteil der Kinder, die in meiner Praxis mit unentdeckten Störungen oder auch Erkrankungen erscheinen, wird größer. So entstehen nachträglich f. d. Allgemeinheit Kosten, wenn an der Versorgung gespart wird

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