Kuschlerin Anandi mit Stefan
Der Beruf einer Profi-Kuschlerin. Bild © hessenschau.de

Kuscheln für Geld - das ist der Beruf der 31 Jahre alten Anandi aus Witzenhausen. Der Bedarf sei groß, sagt sie - vor allem bei Singles. Wer Sex sucht, ist bei ihr allerdings an der falschen Adresse.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Youtube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Ihre linke Hand liegt auf seiner rechten Brust, ihre andere Hand streichelt langsam seine blonden Haare hinter sein rechtes Ohr. Sein schmaler Brustkorb bewegt sich langsam auf und ab, seine rosaroten Lippen sind leicht geöffnet. Nur sein ruhiger, gleichmäßiger Atem ist zu hören.

Stefans Kopf liegt auf Anandis linker Schulter. Er lehnt mit seinem Rücken auf ihrem Oberkörper, liegt zwischen ihren gespreizten Beinen. Anandi ist professionelle Kuschlerin und kuschelt heute mit Stefan.

"Was mache ich am liebsten?"

"Ich habe mir gedacht, was mache ich am liebsten? Und dann habe ich Kuscheln zum Beruf gemacht“, sagt Anandi und lächelt. Ihre dunkelbraunen, schulterlangen Haare trägt sie offen, ihre linke Augenbraue ziert ein silberfarbenes Kugelpiercing, rechts unter ihrer Lippe befindet sich auch eines.

Die 31-Jährige studiert Psychologie, nebenberuflich kuschelt sie. 2017 hat sie eine Online-Ausbildung zur professionellen Kuschlerin gemacht bei Samantha Hess, einer US-amerikanischen Kuschlerin. Anandi ist ihr Künstlername, unter dem sie auch als Kuschlerin arbeitet - deswegen möchte sie ihren bürgerlichen Namen lieber für sich behalten. Anandi heißt Glückseligkeit. Dieses Glück möchte sie weitergeben.

Weitere Informationen

Professionelle Kuschler

Anandi ist nicht die einzige professionelle Kuschlerin in Deutschland. Sieben weitere Kuschler bieten über den Verein "Kuschelkiste" ihre Dienste an. Dort können Kunden sogenannte Kuschelsessions buchen oder sich Interessierte als Kuschler anmelden und Sessions anbieten. Pro Stunde nehmen die Kuschler in der Regel 60 Euro und gelten als selbstständige Kleinunternehmer. Als Ausbildungsberuf anerkannt ist der Beruf des Kuschlers nicht, die Bezeichnung ist auch nicht geschützt.

Ende der weiteren Informationen

"Es wird zu wenig gekuschelt"

"Es wird zu wenig gekuschelt", sagt Anandi. Durch das Kuscheln würde sie Menschen viel besser verstehen. Vielen fehle Nahrung für die Seele, deswegen kämen immer wieder Menschen zum Kuscheln zu ihr.

Auch Stefan. Er ist mit Anandi befreundet. Sie haben sich vor Jahren auf einem Festival kennengelernt. Stefan ist 39 Jahre alt. Er hat mittellanges, blondes Haar, trägt ein dunkelgrünes T-Shirt und eine karierte kurze Hose. Anandi trägt ein helles, lilafarbenes T-Shirt. Ihre giftgrüne Hose reicht ihr knapp unters Knie. Bequeme Kleidung beim Kuscheln sei wichtig, findet die Kuschlerin.

"Du bist so, wie du bist, vollkommen"

Die heutige Kuschelsession findet im Kuschelzimmer statt, das sich zwei Stockwerke über Anandis Wohnung im nordhessischen Witzenhausen befindet. Ein großes Bett mit einer pink-lila-blauen Sternendecke und ein dazu passendes Kopfkissen dominieren den Raum. Die Luft steht im Zimmer, es sind über 24 Grad an diesem Hochsommertag. Durch das gekippte Fenster hört man das Wasser an einem Brunnen plätschern.

Anandi und Stefan sitzen sich gegenüber, ihre Hände liegen jeweils zwischen ihren eigenen Beinen, sie atmen gleichmäßig ein und aus. Ihre Augen sind geschlossen. "Du bist, so wie du bist, vollkommen lebendig", sagt Anandi mit ruhiger Stimme. Dann legt Stefan seine großen Hände in ihre kleineren, die beiden öffnen ihre Augen. Anandi lächelt Stefan an, er lächelt zurück. Sie seufzt.

Kuschelsession
Das Kuscheln beginnt wie eine Mediation. Bild © Kathrin Wesolowski

Kuscheln ist für Anandi nicht intimer als Sex

"Die meisten meiner Kunden sind männlich", erzählt Anandi. Sie sitzt dabei aufrecht auf dem Kuschelbett, verzieht keine Miene. "Es gibt Menschen, die stark isoliert sind, keine Beziehung haben, die zu mir kommen. Kuscheln wird in unserer Gesellschaft mit Beziehungen assoziiert." Deswegen fehle Singles diese Art von Zuneigung häufig. Ihre Kunden seien zwischen 23 und 75 Jahre alt, wenige seien weiblich. "Bei Frauen ist die Hemmschwelle vielleicht größer, fürs Kuscheln zu bezahlen", vermutet Anandi.

Intimer als Sex empfindet Anandi das Kuscheln nicht. Auf emotionaler Ebene vielleicht, aber nicht auf körperlicher. Einmal habe ein Kunde eine sexuelle Regung gezeigt. Das sei für Anandi aber kein Problem gewesen. Sie hätten ja nichts in diese Richtung vollzogen.

Meistens kommen die Kunden in Anandis Wohnung, nach einigen Treffen würde sie auch zum Kunden nach Hause fahren.

Vor der ersten Kuschelsession telefoniert Anandi mit ihren Kunden. Eine Stunde kuscheln kostet 60 Euro, davor muss jeder Kunde einen Vertrag unterschreiben. Mund und Intimbereich würden beim Kuscheln nicht berührt, während des Kuschelns sollen alle Beteiligten voll bekleidet sein. Das sind die wichtigsten Regeln.

Vor jedem ersten Mal wieder aufgeregt

Auch bei ihrer Kuschelsession sind Anandi und Stefan angezogen. "Hast du eine Position, die du gerne einnehmen würdest?", fragt Anandi, Stefan schüttelt leicht den Kopf. Er wolle sich überraschen lassen, flüstert er. Anandi entscheidet sich für die Mama-Bär-Position.

Sie legt das dunkelblaue Kissen an die Wand, lehnt sich mit ihrem Rücken daran, öffnet ihre Beine so weit, dass sich Stefan hineinsetzen kann. Er lehnt sich an ihren Oberkörper, legt seinen Kopf auf ihre linke Schulter. Seine Hände umfassen ihre weißen Knie, streicheln sie langsam.

Anandi streichelt dabei seinen rechten Oberarm, ihr linker Arm umfasst vorsichtig seinen Brustkorb. Ihre Hand streichelt über sein Ohr, sie schaut ihn mit leicht geöffnetem Mund an und seufzt. Stefans Augen sind geschlossen, er atmet ruhig und gleichmäßig. Und streichelt immer noch ganz langsam über ihre Knie.

Nachtkuscheln für 300 Euro

Bei jedem ersten Kuscheln mit einem neuen Kunden sei Anandi etwas aufgeregt, sie spüre immer ein Kribbeln. "Durch das Kuscheln entsteht aber schnell ein Vertrauensverhältnis“, erklärt sie, dann sei die Aufregung schnell verflogen. Viele Kunden würden von ihrem Leben erzählen, einige auch schweigen. Manchmal würde sie mit einem Kunden auch eine Stunde lang in der gleichen Position liegen. Jeder kuschele eben so, wie es ihm gefalle.

Anandi kuschelt mit Stefan
Es gibt viele verschiedene Positionen. Bild © Kathrin Wesolowski

Anandi bietet auch Kuscheln über Nacht an. Abends kuschelnd einschlafen, morgens kuschelnd aufwachen. 300 Euro kostet das Ganze.

Zur Inspiration hat Anandi immer Kärtchen mit verschiedenen Positionen dabei. Darauf ist zum Beispiel die Zwillingsposition zu sehen. Dabei schauen sich die Kuschelnden in die Augen, liegen mit der Brust zueinander, legen die Arme um ihre Oberkörper. Ein Partner nimmt ein Bein des anderen zwischen seine Beine.

Die letzte Position, die Anandi und Stefan in ihrer Kuschelsession einnehmen, ist eine Umarmung. Anandi drückt den schmalen Körper von Stefan fest an sich, ihre Arme schlingen sich um seinen Oberkörper, beide lächeln. "Auf Wiedersehen", sagt Anandi. Bis zum nächsten Kuscheln.

Weitere Informationen

Fünf Jobprofile in einer Woche

In dieser Woche stellt hessenschau.de fünf spannende oder außergewöhnliche Berufe vor. Einen Tag lang hat unsere Reporterin die Berufstätigen in ihrem Arbeitsalltag begleitet.

Ende der weiteren Informationen