Reha-Lehrer
Der Beruf eines Reha-Lehrers. Bild © hessenschau.de

Kochen, Waschen, Bahn fahren - was für Sehende ganz normal ist, bringt Reha-Lehrer Gerd Willumeit Sehbehinderten in Marburg bei. Er begleitet sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

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Eigentlich sind es nur ein paar Meter zum Klassenzimmer: Über die Straße, rein in das Schulgebäude und dann ein paar Treppen hoch. Doch schon nach dem Überqueren der Straße schlägt Manuel die falsche Richtung ein. "Ich Dussel", ruft der 13-Jährige, als er seinen Fehler bemerkt - und schlägt sich mehrmals mit der flachen Hand auf die Wange. "Du musst dich nicht schlagen", beruhigt ihn Gerd Willumeit, der hinter ihm geht.

Es ist Manuels dritte Unterrichtsstunde bei dem Rehabilitationslehrer Gerd Willumeit im Bundesweiten Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung (blista) in Marburg. Hier können Menschen mit Sehbehinderung zur Schule gehen, wohnen und lernen, im Alltag zurechtzukommen: Manuel hat seit der Geburt Sklerokornea: Seine Hornhaut ist teilweise oder vollständig getrübt, er sieht kaum etwas.

Gerd Willumeit hilft ihm dabei, sein Leben zu meistern. "Ich konzentriere mich darauf, was jemand kann, und wie ich das weiterentwickeln kann", sagt der 63-Jährige. Den Langstock zu benutzen, könne zum Beispiele eine gute Hilfe sein. Bisher will Manuel das aber nicht.

"In zwei Jahren bist du bereit, alleine Zug zu fahren"

"Viele Blinde und Sehbehinderte empfinden den Langstock als Diskriminierung", erklärt der Reha-Lehrer. Dabei sei er auch für Menschen, die noch teilweise sehen können, ein gutes Hilfsmittel.

Früher oder später werde er den Stock nutzen müssen, erklärt Willumeit dem Jungen. "In zwei Jahren bist du dann auch bereit, alleine Zug zu fahren", erklärt er. "Was? Echt?", antwortet der 13-Jährige ungläubig.

Willumeit ist seit 25 Jahren Fachkraft der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation. Er hilft seinen Schülern, sich in geschlossenen Gebäuden und draußen zu orientieren, Busse und Bahnen zu benutzen, zu kochen, zu waschen, Geld zu unterscheiden. "Ich bringe ihnen auch bei, Muster und Farben von Hemden zu erkennen", erklärt Willumeit. Dafür gibt es bestimmte Apps, die Farben und Muster über die Kamera erkennen.

Manchmal fragt sich Willumeit, was wäre, wenn er selbst erblinden würde - so wie es bei Frank Biermann war, einem anderen Klienten im blista. Mit 48 Jahren erblindete der IT-Fachmann von einem auf den anderen Tag. Der Grund: zu hoher Blutdruck. Zuvor hatte er 110 Prozent Sehstärke - jetzt nur noch zwei Prozent.

"Ich mag es, wenn sich meine Schüler freuen"

Biermann kann manchmal schemenhaft sehen. Heute hat er seine dritte Doppelstunde bei Willumeit auf dem Schulgelände der blista. Er bekommt beigebracht, dass er sich bestimmte Wege merken muss, welche Drehungen er machen muss, um zu bestimmten Orten zu gelangen.

In seiner Hand hält er einen Langstock, bewegt ihn gleichmäßig im Rhythmus seiner Schritte. Biermann läuft an der Sporthalle vorbei. Man hört Kindergeschrei, ein halbes Dutzend blinder und sehbehinderter Kinder rennen durch die Halle. "Das schaffe ich auch noch", sagt Biermann und lächelt.

Lachen ist keine Seltenheit in den Unterrichtsstunden von Willumeit. Als ein Betreuer dem 13-jährigen Manuel den Bibliotheksausweis vorbeibringt, fragt er: "Woher weißt du, dass das meiner ist?" Der antwortet: "Weil's draufsteht." Und Manuel antwortet lachend: "Ach,so. Ich dachte, du wärst blind."

"Das sind Momente, die ich mag", erklärt Willumeit. "Die schöne Seite meines Berufs ist, wenn ich in den Gesichtern der Schüler sehe, dass sie sich freuen und dass sie etwas können, was man ihnen nicht zugetraut hat."

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Fachkraft der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation

Rehabilitationslehrer vermitteln lebenspraktische Fertigkeiten und fördern und trainieren die selbstständige Fortbewegung und Kommunikation von blinden und sehbehinderten Menschen. Als berufliche Weiterbildung richtet sie sich an Personen, die die mittlere Reife, eine pädagogische, medizinische, therapeutische oder rehabilitative Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben und über Berufserfahrung verfügen. Die Weiterbildung dauert zehn bis 18 Monate. Pädagogische Fachkräfte verdienen in der Regel 2.800 bis 4.000 Euro brutto.

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Fünf Jobprofile in einer Woche

In dieser Woche stellt hessenschau.de fünf spannende oder außergewöhnliche Berufe vor. Einen Tag lang hat unsere Reporterin die Berufstätigen in ihrem Arbeitsalltag begleitet.

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