Marc Grünbaum, Jüdische Gemeinde Frankfurt

Nach den Morden eines Rechtsextremisten in Halle hat die Jüdische Gemeinde in Frankfurt mehr Sicherheit für ihre Mitglieder gefordert. Die aktuelle Situation sei "beschämend", sagt Vorstand Marc Grünbaum im Interview.

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Die rechtsextremistischen Morde von Halle, bei denen ein Einzeltäter am Mittwoch zwei Menschen erschossen hat, rückt die Frage nach der Sicherheit der jüdischen Gemeinden in den Fokus.

In Hessen steht bei allen größeren Veranstaltungen mit Publikumsverkehr die Polizei im Rahmen des Objektschutzes zumindest vor der Tür. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt schützt ihre Mitglieder zusätzlich mit eigenen Sicherheitsleuten. In den meisten anderen hessischen Gemeinden ist dieser Sicherheitsstandard nach Auskunft des Landesverbandes, der für Bad Nauheim, Darmstadt, Fulda, Gießen Hanau, Kassel, Limburg-Weilburg, Marburg, Offenbach und Wiesbaden spricht, "reines Wunschdenken".

Marc Grünbaum, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, fordert deshalb noch mehr Einsatz von der Landesregierung. Im Interview mit hessenschau.de zeigt er sich besorgt und nennt es "beschämend", dass Juden in Deutschland selbst für ihre Sicherheit sorgen müssen.

hessenschau.de: Wie ist die Situation in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt nach den Morden in Halle?

Marc Grünbaum: Es gibt eine große Besorgnis. Wir haben die Nachricht während unseres Jom-Kippur-Gottesdienstes erhalten, bei dem ohnehin schon eine Zusammengehörigkeit besteht und gelebt wird. Es gab bei allen ein klares Bewusstsein dafür, sich in keiner Weise einschüchtern zu lassen und gerade jetzt und erst recht diesen Gottesdienst zu besuchen. An so einem Tag ist Gemeinschaft sehr wichtig.

hessenschau.de: Gibt es nun eine neue Angst?

Grünbaum: Nein, die Angst ist nicht neu. Aber sie wird verstärkt. Im Subtext ist sie stets und regelmäßig vorhanden. Dieses wurde über die letzten Wochen verstärkt durch das, was wir an Angriffen in Deutschland und auch im europäischen Kontext wahrnehmen. Menschen, die eine Kippa tragen oder Ivrit sprechen, werden auf offener Straße Ziel von Angriffen. Aber dass jemand mit Schusswaffe und soldatischer Uniform vor einer Synagoge steht und offensichtlich den Plan hatte, so viele Juden wie möglich zu erschießen, das ist jetzt eine neue Qualität.

hessenschau.de: Empfinden Sie eine solche Tat als extremen Einzelfall oder sehen Sie darin eine gesellschaftliche Tendenz?

Grünbaum: Jetzt zu sagen, dass unsere Gesellschaft sich in eine terroristische Gesellschaft verwandelt, finde ich falsch. Aber man muss schon sehen, dass eine solche Tat mittlerweile auch getragen wird von einer - zumindest gespürten - gesellschaftlichen Gleichgültigkeit. Das Klima hier fördert eine gewisse Gewaltbereitschaft. Fehlende klare Positionen von Politik, Polizei und Justiz führen psychologisch bei Menschen, die Vorbehalte gegen Juden oder jüdisches Leben haben, dazu, dass Hemmschwellen fallen.

hessenschau.de: Welche Schutz- oder Sicherheitsmaßnahmen gibt es für jüdische Einrichtungen in Frankfurt?

Grünbaum: Die jüdischen Einrichtungen werden von der Polizei bewacht. Und jede Einrichtung, die wir in Frankfurt haben, wird von unseren eigenen Sicherheitsleuten noch einmal zusätzlich bewacht, ausnahmslos jede. Die Polizei bewerkstelligt den Objektschutz. Den Personenschutz müssen wir als Jüdische Gemeinde Frankfurt derzeit selbst bewerkstelligen. Ausflüge etwa unserer Kindergartenkinder oder Schüler begleiten wir mit unseren Sicherheitsleuten. Wir geben momentan weit über eine Million Euro im Jahr für unsere eigene Sicherheit aus.

hessenschau.de: Finden Sie das ausreichend und befriedigend?

Grünbaum: Ich finde es beschämend für die deutsche Politik, die es stets zur Staatsräson erhebt, jüdisches Leben in der Bundesrepublik zu schützen, uns bei unserem Schutz personell und finanziell alleine stehen zu lassen. Da kann es auch nicht sein, dass die Polizeigewerkschaft auf fehlende Stellen verweist. Hier geht es um Menschenleben.

hessenschau.de: Was erwarten Sie nun von der Politik?

Grünbaum: Ich hätte mir mehr gewünscht als nur einen gemeinsamen Gesang der Kanzlerin mit einer Rabbinerin in Berlin. Die Hessische Landesregierung hat sich bislang noch gar nicht geäußert (mittlerweile liegt eine Stellungnahme des Innenministeriums vor; Anm. d. Red.). Das finde ich beachtenswert. Ich glaube, vor 30 Jahren wäre der Schock in dieser Gesellschaft und in der Politik so groß gewesen, dass zumindest eine Landesregierung schon längst ein schriftliches Statement von sich gegeben hätte. Das ist vielleicht ein Ausdruck für die veränderten Zeiten und das veränderte Klima. Die Politik muss jetzt verstehen, dass hier nicht nur jüdische Gemeinden auf dem Spiel stehen, sondern der gesellschaftliche Konsens, den wir uns seit 1945 erarbeitet haben. Die Politik muss aufwachen.

Das Gespräch führte Katrin Kimpel.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 10.10.2019, 19.30 Uhr