Die in Orange getauchte Frankfurter Paulskirche anlässlich des Aktionstags gegen Gewalt gegen Frauen

Viele Frauen und Kinder erleben Gewalt. Oft sind die Täter Männer, die ihnen nahe stehen. Doch die Frauenhäuser in Hessen sind voll. Ein weltweiter Aktionstag thematisierte das Problem.

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Julia E. lebt mit ihrer kleinen Tochter im autonomen Frauenhaus im Frankfurter Norden. Sie kam hierher, weil ihr Ex-Mann sie bedroht, beschimpft und misshandelt hat. "Er ist ein sehr komplizierter Mann", sagt sie. Von Gewalt will Julia E. nicht sprechen, weil er sie selten geschlagen habe.

Dass Frauen das Erlebte herunterspielen, sei ganz typisch, berichtet Lisa Petite, Julias Betreuerin im Frauenhaus: "Psychische Gewalt wird von Frauen oft gar nicht anerkannt." Dabei habe gerade Julia viel psychische Gewalt erlebt: "Er hat sie im tiefsten Winter vor die Tür gesetzt, hochschwanger, was zu einer verfrühten Geburt geführt hat", sagt die Betreuerin.

"Ich wollte nicht mehr, dass meine Tochter das mitmacht“

Julia E. schafft es lange Zeit nicht allein, sich von ihrem Mann zu trennen. Immer wieder erträgt sie die Demütigungen, hofft, dass er sich bessert. Vergeblich. Den Durchbruch bringt letztlich eine Mutter-Kind-Kur. Dort erfährt sie Hilfe von Psychologen. Das gibt ihr die Kraft, ihren Mann zu verlassen und ins Frauenhaus zu flüchten. "Ich wollte nicht mehr, dass meine Tochter das mitmacht", erzählt sie im Rückblick.

Tür zu einem Beratungsraum in einem Frauenhaus in Berlin

Sie hat Glück, dass sie einen Platz findet. Denn die Frauenhäuser in Hessen sind voll. Auf einer Online-Karte der hessischen Frauenhäuser kann man es auf einen Blick sehen. Fast alle stehen auf Rot, haben keine freien Plätze, können Frauen in Not nicht aufnehmen.

"Von Entspannung kann keine Rede sein"

Und das Problem wird nicht kleiner, erzählt die Sozialpädagogin Christa Wellershaus vom Frankfurter Verein Frauen helfen Frauen, die seit über 30 Jahren im Frauenhaus arbeitet: "Von Entspannung kann keine Rede sein."

Knapp 9.000 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt zählte die Polizei in Hessen im vergangenen Jahr. Das sind gut 1.700 Fälle mehr als noch vor zehn Jahren. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Laut hessischer Kriminalstatistik sind 83 Prozent der Opfer weiblich.

In Orange getauchte Alte Oper in Frankfurt am 25. November, dem internationalen Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen

Früher konnte das Frauenhaus im Frankfurter Norden mehr als 100 Frauen im Jahr aufnehmen. Inzwischen bleiben die Hilfesuchenden im Schnitt viel länger als früher. Deshalb bekommen nur noch weit unter 100 Frauen im Jahr einen Platz.

"Das hat auch mit der Wohnungsnot zu tun", sagt Wellershaus. Die Frauen fänden keine Wohnung, auch wenn sie eigentlich schon stabil genug seien, um ausziehen zu können. "Die fahren dann von Frankfurt nach Flensburg, Rostock oder sogar Berlin."

Landesregierung will gegensteuern

Das Problem hat inzwischen auch die Landesregierung erkannt. Wie das Sozialministerium auf hr-Anfrage mitteilt, sollen die Frauenhaus-Träger dabei unterstützt werden, Wohnraum für bereits stabilisierte Frauen zu finden. "Dies kann nach Lage vor Ort auch mit Übergangswohnungen etwa im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus sichergestellt werden", schreibt das Ministerium.

Auch Julia E. hat lange für sich und ihre vierjährige Tochter eine Wohnung gesucht und ist immer wieder gescheitert. Sie wohnt schon über eineinhalb Jahre lang im Frauenhaus. Jetzt hofft sie, endlich Anfang Dezember mit dem Kind in die eigenen vier Wände ziehen zu können.

Weitere Informationen

Internationaler Aktionstag

Der 25. November ist der "Tag gegen Gewalt an Frauen". Unter dem Motto "Orange the World" rufen deshalb die UN Women der Vereinten Nationen weltweit zu Aktionen auf, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Vielerorts werden Gebäude orange angestrahlt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.11.2019, 19.30 Uhr