Schülerinnen tragen im Klassenzimmer eine Alltagsmaske

Verlorene Generation Corona? Mit Blick auf die Schulen Untergangsstimmung zu verbreiten, findet der Bildungsforscher Kai Maaz unangemessen. Er wünscht sich mehr Gelassenheit und erklärt, wie er entstandene Wissenslücken füllen würde.

Seit Wochen lernen die meisten Schülerinnen und Schüler coronabedingt zu Hause, ab 22. Februar beginnt in Hessen der Wechselunterricht bei den Klassen 1 bis 6. Kai Maaz ist Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt. Im Interview erklärt er unter anderem, warum er nichts von einem Langschuljahr hält.

hessenschau.de: Herr Maaz, welche Note würden Sie - fast ein Jahr nach dem ersten Lockdown - den Kultusministern geben?

Kai Maaz (lacht): Wir schimpfen ja alle viel, und das ist teilweise auch nachvollziehbar, etwa wenn man Kinder zu Hause betreuen und gleichzeitig arbeiten muss. Man sollte aber auch berücksichtigen: Das, was die Politiker hier leisten, ist eine große Herausforderung. Sie müssen in einer Situation mit sehr vielen Unsicherheiten Entscheidungen treffen, die von der Realität morgen schon wieder überholt sein können. Es ist ein ungeheuer schwieriger Job, und deswegen möchte ich an der Stelle keine Noten verteilen.

hessenschau.de: Und doch wünschen sich viele Menschen eine Langzeitstrategie. Jetzt werden zum Beispiel Vorschläge für ein Langschuljahr diskutiert - das aktuelle Schuljahr soll also bis Weihnachten ausgedehnt werden. Halten Sie das für sinnvoll?

Maaz: Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik schon Lang- oder auch Kurzschuljahre. Ich bin mir nicht sicher, ob das zum jetzigen Zeitpunkt bereits die richtige Diskussion ist. Eine einfache Verlängerung des Schuljahrs würde die Probleme, die sich auftun, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder die Schulen besuchen, nicht lösen. Wir brauchen eher inhaltliche Ansatzpunkte, wie wir mit den Lernständen umgehen.

Professor Kai Maaz

hessenschau.de: Wie könnten die aussehen?

Maaz: Das Allererste und Wichtigste wäre, dass wir uns einen Überblick verschaffen: Bei welchen Kindern haben sich besondere Schwierigkeiten ergeben? Wo sind die Rückstände gravierend, wo sind sie minimal? Es wird auch Schülerinnen und Schüler geben, die gar keine Rückstände haben, die dank einer Eins-zu-eins-Betreuung zu Hause vielleicht sogar besser geworden sind. Wenn die Schulen wieder öffnen, sind hier besonders die Lehrkräfte gefordert. Denn landes- oder bundesweite Lernstandserhebungen wird es kurzfristig flächendeckend nicht geben können.

Meine Hypothese ist: Wir werden nach der Öffnung der Schulen eine größere Leistungsheterogenität unter den Schülerinnen und Schülern sehen. Einige haben profitiert, beim größten Teil wird man wahrscheinlich kaum Änderungen feststellen, und eine Gruppe wird in ihren Leistungen schlechter geworden sein. Wir wissen aber noch nicht, wie groß diese Gruppe ist.

hessenschau.de: Und diese Gruppe müsste dann gezielt aufgefangen werden.

Maaz: Wir müssen schon zusätzliche Bildungszeit für diese Kinder ermöglichen. Das kann aber durchaus integrativ, also innerhalb des Unterrichts passieren. Es wäre aber auch im Ganztagsangebot denkbar. Ebenso könnten temporär ganz gezielt außerschulische Anbieter mit ins Boot genommen werden, lerntherapeutische Einrichtungen zum Beispiel. Deren tägliches Brot ist es ja, mit Kindern mit Lernschwierigkeiten zu arbeiten.

Auch sind Ferienangebote denkbar. Wichtig ist bei all diesen Angeboten, dass sie strukturell mit der Schule verbunden werden, denn als isolierte Insellösungen werden sie allenfalls zu kurzfristigen Effekten führen. Hierfür muss ohne Frage Geld zur Verfügung gestellt werden, denn diese Angebote müssen für die Familien kostenfrei sein.

hessenschau.de: Auch weil Untersuchungen der Kurzschuljahre der 1960er Jahre gezeigt haben, dass Schulschließungen zu Einkommenseinbußen in diesen Generationen führen.

Maaz: Ich wäre da vorsichtig. In diesen Untersuchungen ist von einem Prozent des Jahreseinkommens die Rede. Doch für wen wird das zutreffen? Schon für den Erstklässler oder für den Zwölftklässler? Von verlorenen oder gescheiterten Generationen an dieser Stelle zu sprechen, halte ich für unangemessen.

Ich finde es zielführender zu überlegen: Wie kann ich jetzt erst einmal einen validen Erkenntnisstand bekommen? Also: Wo stehen die Schülerinnen und Schüler? Darauf aufbauend können wir, angepasst an den Leistungsstand des Kindes, Förderangebote machen, kurzfristig und langfristig.

hessenschau.de: Ist es aus Ihrer Sicht richtig, in diesem Jahr reguläre Zeugnisse zu vergeben, auch Abizeugnisse?

Maaz: Die Frage ist berechtigt. Bei den Abiturzeugnissen haben die Kultusministerien beschlossen, dass die Prüfungen und Abschlüsse auch unter veränderten Rahmenbedingungen stattfinden - etwa, indem der Pool der Aufgaben vergrößert wurde. Bei den mittleren Abschlüssen hat man teilweise die Anzahl der Prüfungen reduziert und größere Wahlmöglichkeiten eingebaut. Das sind Flexibilisierungen, die ich für richtig halte, denn wir wissen in der Tat bei vielen Schülerinnen und Schülern nicht, welche Lernmöglichkeiten sie in den letzten Monaten hatten.

Bei den Zeugnissen, die keine unmittelbare Relevanz haben, wäre ich entspannt. Dagegen dürfen Zeugnisse, die Bildungslaufbahnen entscheiden, beispielsweise beim Übergang von der Grund- in die weiterführenden Schulen, diesmal nicht als negatives Selektionskriterium genutzt werden. Denn dann könnte das auch begabten Kindern zum Nachteil gereichen, wenn sie zu Hause keine guten Lernmöglichkeiten hatten - etwa aufgrund räumlicher Gegebenheiten. Diese Schülerinnen und Schüler dürfen nicht bestraft werden. Wir wissen, wie gesagt, aber auch nicht, wie groß ihr Anteil wirklich ist.

hessenschau.de: Unis und Ausbildungsbetriebe können durch zusätzliche Angebote möglicherweise auch Lücken bei den Abschlussjahrgängen füllen. Wie aber mit Fächern umgehen, für die der Numerus Clausus entscheidend ist?

Maaz: Auch darüber wissen wir noch zu wenig. Erste Analysen der Prüfungen aus dem letzten Jahr haben gezeigt, dass sich die Ergebnisse im Durchschnitt nicht von den Vorjahren unterschieden haben. Wir sind jetzt sicherlich in einer anderen Situation, weil der erste Lockdown im vergangenen Jahr zu einem Zeitpunkt kam, als die Abiturklassen mit dem Stoff bereits durch waren.

Aber: Das betrifft ja auch Prüfungen in den Hochschulen, die flexibler gehandhabt werden müssen. Wenn zum Beispiel Vorlesungen nicht mit Klausuren, sondern mit alternativen schriftlichen Prüfungsleistungen bewertet werden, die die Studierenden zu Hause anfertigen. Die Studierenden werden ja in einem Fach nicht schlechter, nur weil es keine Klausuren gibt. Hier würde ich mit generell ein bisschen mehr Ruhe in der Diskussion wünschen.

Ich kann verstehen, dass die jungen Leute, die gerade in dieser Übergangssituation stecken, beunruhigt sind. Mich besorgt eher, dass teilweise eine regelrechte Untergangsstimmung herrscht und manche schon von einer verlorenen Generation sprechen. Dem würde ich deutlich widersprechen. Wir müssen aber natürlich alles daran setzen, die Probleme, die durchaus entstanden beziehungsweise größer geworden sind, anzugehen.

hessenschau.de: Lehrer- und Bildungsverbände wünschen sich dabei eine einheitliche Strategie aller Bundesländer. Würden Sie das unterstützen?

Maaz: Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben kürzlich mit der Kanzlerin im Prinzip die Entscheidung getroffen, die Schulöffnungen in die Verantwortung der Länder zu legen. Ich halte diese Entscheidung im Grundsatz für klug. Das verpflichtet die Länder gleichzeitig, die Möglichkeiten der föderalen Strukturen unseres Systems auch wirklich und sinnvoll zu nutzen. Sie sollten nicht in einen Öffnungswettbewerb gehen, sondern eine einheitliche Grundlinie und eine gewisse Transparenz erkennen lassen.

Warum sollen die Kinder in einem Bundesland mit niedrigen Infektionszahlen nicht früher wieder in die Schule gehen? Das würden die Leute verstehen. Was sie nicht verstehen ist, wenn zwei Bundesländer mit ähnlichen Rahmenbedingungen, die eventuell sogar noch nebeneinander liegen, zu unterschiedlichen Zeiten öffnen. Das war die Situation in den letzten Monaten, was ich für ungünstig halte. Nun haben wir eine neue Ausgangslage: Die Verantwortung liegt an der Stelle, die unser System dafür vorsieht. Jetzt kommt es darauf an, damit verantwortungsvoll umzugehen.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Ihre Kommentare Wie sollten die Schulen Wissenslücken stopfen?

34 Kommentare

  • Man sollte allen Schülern die Möglichkeit geben, ein Jahr zu wiederholen um dann durchstarten zu können. Ein Jahr also sei der COVID Pandemie geschuldet. Auf einer Ebene, denn es gibt in den verschiedenen Schulen, Klassen, Fächern zu viele Unterschiede in der Vorgehensweise - das ist individuell nicht zu greifen!

  • Eine Idee wäre es, Schülern aus einem Jahrgang, die Schwierigkeiten hatten mit dem Weiterlernen zu Hause, zusammen zu fassen und die Klasse wiederholen zu lassen. Somit wären sie mit Gleichaltrigen zusammen und haben die Chance, sich das Wissen anzueignen, ohne von der Schule gehen zu müssen oder benachteiligt im Unterricht vorangehen zu müssen.

  • Viele Schüler haben keine Lücken durch den Distanzunterricht, andere wiederum haben fast nichts lernen können zu Hause.
    Folglich sollte man tatsächlich erstmal den Wissensstand erheben und individuell fördern.
    Unsere Klassen sind dafür zu groß, darum sollten mehr Anstrengungen unternommen werden, die Klassenstärken zu reduzieren.
    Jetzt, im Akutfall , könnten Lernprogramme auf Tabletts ( auch im Präsentunterricht!) helfen.
    Damit können Schüler unter Aufsicht und ohne Ablenkung zumindest stundenweise an ihren individuellen Baustellen arbeiten .
    Die Endgeräte müssten von den Schulen bereitgestellt werden.
    Es gibt einige Schulen , auch Grundschulen , die damit schon jahrelang Erfahrung haben.
    Die sollte man fragen.

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