Impf-Spritze am Oberarm eines Kindes, Gesicht im Hintergrund verschwommen.

Von Ende Dezember an sollen auch Fünf- bis Zwölfjährige gegen das Coronavirus geimpft werden. Kinderärzte in Hessen stehen schon jetzt vor Herausforderungen, und manchen Eltern geht es nicht schnell genug.

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hessenschau vom 25.11.2021
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Seit Sonntagabend wächst die Zahl auf der Internetseite u12schutz.de kontinuierlich, am Mittwoch lag sie bei 22.759. So viele Familie haben dort den Impfwunsch für ihre Kinder angemeldet. Die Gruppe von Eltern, die hinter der Webseite steckt, will damit ein Signal an die Politik senden.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat grünes Licht gegeben für die Zulassung des Corona-Impfstoffes der Hersteller Pfizer/Biontech für Kinder ab fünf Jahren in Europa. Das teilte die EMA am Donnerstag in Amsterdam mit. Es wird der erste Corona-Impfstoff, der in der EU für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen wird.

Ab 20. Dezember soll die erste Lieferung des Kinder-Impfstoffs in Deutschland verfügbar sein. Bis dahin will auch die Ständige Impfkommission (Stiko) über ihre Empfehlung entschieden haben. Doch den Eltern aus dem Projekt "u12schutz.de" geht das nicht schnell genug.

Petra aus Offenbach ist eine der Beteiligten. Sie ist Biologin und Mutter von zwei schon geimpften Kindern. Ihren vollständigen Namen will sie nicht veröffentlicht sehen, da die Anfeindungen von Impfgegnerinnen und -gegnern zu heftig seien. "Gerade wenn es um Kinder geht, ist das alles noch eine Stufe emotionaler", sagt sie.

Petra spricht von "Missständen, was den Schutz der Kinder in Kindergärten und Schulen betrifft", da es dort teilweise keine Hygieneregeln wie etwa die Maskenpflicht gebe. Deshalb höre sie immer öfter von anderen Eltern, denen die Corona-Lage Angst mache und die schnellstmöglich an die Kinder-Impfung kommen möchten.

Eltern wollen Beratung

Dass das Interesse in Hessen groß ist, bestätigt Barbara Mühlfeld. Die Kinderärztin aus Bad Homburg ist Hessens Sprecherin für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

"Auch die Kinder verfolgen das Thema Impfen ganz genau", erzählt sie. "Das ist herzzerreißend, wenn da ein Achtjähriger vor einem steht und sagt, dass er sich unbedingt impfen lassen möchte, um Oma und Opa nicht anzustecken", sagt die Ärztin. Bei den Eltern sei besonders das Interesse an Beratung und unterschiedlichen Meinungen zur Impfung von Kindern sehr hoch.

Schließlich sei die Risikoabwägung bei den unter zwölfjährigen Kindern eine andere als bei Älteren. Zwar sind die Inzidenzen in der Altersgruppe hoch, schwere Verläufe oder Erkrankungen wie PIMS, die nach einer Coronainfektion auftreten können, seien aber extrem selten, sagt Mühlfeld.

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Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenenimpfung

Bei dem Biontech/Pfizer-Impfstoff für Kinder handelt es sich um den gleichen Wirkstoff wie bei Erwachsenen. Erwachsene bekommen Spritzen mit 0,3 Milliliter Inhalt. Kindern brauchen nur ein Drittel der Wirkstoffmenge. Verimpft man deshalb einfach 0,1 Milliliter, besteht das Risiko, dass zufällig nicht genügend Wirkstoff in der Flüssigkeit ist. Deshalb gibt es den Kinderimpfstoff, der insgesamt stärker verdünnt ist und in 0,3-Milliliter-Dosen verimpft werden kann.

Quelle: Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

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Auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Burkhard Rodeck, betont: "Die Diskussion um die Kinderimpfung muss mit ganz anderen Argumenten geführt werden als die um die Impfung bei Erwachsenen."

Der "erheblichen Krankheitslast bei Erwachsenen" mit etwa 100.000 Todesfällen in Deutschland stünden 32 Todesfälle von Kindern und Jugendlichen gegenüber. Die Datenlage über die Risiken der Impfung bei Kindern sei noch sehr gering. Daher geht Rodeck davon aus, dass die Stiko die Kinderimpfung zunächst nur für Vorerkrankte empfehlen wird. Nach gründlicher Aufklärung könnten gesunde fünf- bis zwölfjährige Kinder dann trotzdem schon geimpft werden.

Logistische Herausforderungen

Wie groß der Bedarf an Impfungen für die unter Zwölfjährigen in Hessen Ende Dezember sein wird, kann Kinderärztin Mühlfeld momentan schwer abzuschätzen. "Um bei der ersten Charge dabei zu sein, können wir die Impfstoffe bis zum 7. Dezember bestellen", sagt sie.

Laut Burkhard Rodeck könnten zusätzlich zu Kinder- und Hausarztpraxen auch Impfzentren den Kinder-Impfstoff bekommen. Wichtig sei dann, dass auch dort genügend kinderärztliches Personal für Aufklärungsgespräche zur Verfügung stehe.

Mühlfeld gibt zu bedenken, dass der logistische Aufwand für die Kinderarztpraxen schon jetzt mit den Impfungen für Jugendliche ab zwölf Jahren enorm sei. "Man muss zwei Wochen im Voraus Termine vergeben, die dann wieder abgesagt werden, schauen, wer von der Warteliste nachrücken kann, und dann hat man am Ende vielleicht doch eine angefangene Ampulle Impfstoff, die man nicht aufbrauchen kann", sagt sie.

Vorbereitung mit großer Unbekannter

Die Vorbereitungen der Landesregierung auf den Beginn der Corona-Kinderimpfungen laufen nach Angaben eines Sprechers des Sozialministeriums - auch innerhalb der Impfallianz aus Sozialministerium und Vertretern von Ärzten, Apothekern und Kommunen. Entsprechend der erwarteten Empfehlung der Stiko, die sich zunächst eben auf Kinder mit erhöhtem Risiko bei Ansteckung erstrecken könnte, stellen sich auch die Planer auf einen Beginn kurz vor Weihnachten ein.

Dabei wird vor allem auf Kinder- und Jugendmediziner sowie Hausarztpraxen gesetzt. Größte Unbekannte ist allerdings die Zahl der Eltern, die ihre Kinder überhaupt impfen lassen wollen. Nach Angaben des Ministeriums leben in Hessen rund 400.000 Kinder in der Altersgruppe zwischen fünf und elf Jahren. Von einer sehr hohen Impfbereitschaft noch in diesem Jahr wird nicht ausgegangen. Die Vorsicht vieler Eltern könnte dadurch gestärkt werden, dass Kinder und Jugendliche kaum mit schweren Verläufen einer Covid-19-Erkrankung rechnen müssen.

Off-Label-Impfungen: "Heikles Ding"

Einige Ärztinnen und Ärzte impfen aber schon jetzt Kinder mit dem Impfstoff für Erwachsene in geringerer Dosierung. Ohne offizielle Zulassung handelt es sich dabei um eine Off-Label-Impfung. Die beiden Kinder von Petra aus Offenbach sind erst zwei und vier Jahre alt, wurden über diesen Weg aber bereits geimpft. "Wir hatten verdammt viel Glück", sagt Petra, "dass wir über Kontakte daran gekommen sind."

Die Ärztinnen und Ärzte, die Off-Label-Impfungen anbieten, machen das in der Regel nicht öffentlich. Die Bad Homburger Kinderärztin Mühlfeld bietet keine Off-Label-Impfungen an. "Es ist ein heikles Ding", sagt sie.

Off-Label-Impfungen sind zwar legal. Wenn es jedoch zu Impfschäden kommt, haftet nicht wie bei zugelassenen Impfstoffen der Staat. "Wenn es hart auf hart kommt, ist die Unterschrift der Eltern nach noch so gründlicher Aufklärung juristisch vielleicht gar nicht haltbar", sagt Mühlfeld.

Priorität bei der Erwachsenenimpfung

Viel wichtiger als die Kinder-Impfung sei momentan ohnehin, dass sich alle Erwachsenen impfen lassen. "Bevor es erneut zu einem Lockdown mit Einschränkungen für Kinder kommt, sollte es eine Impfpflicht geben", sagt die Sprecherin des BVKJ. Auch DGKJ-Generalsekretär Rodeck macht deutlich: "Nur, wenn sich alle Erwachsenen impfen, können wir eine fünfte Welle verhindern." Und das sei letztlich der beste Schutz für die Kinder.

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