Die Symbolfiguren des Grenzgangs - Mohr und zwei Wettläufer - auf dem 1. Frühstücksplatz in der Nähe der Sackpfeife.

Alle sieben Jahre wird zum wichtigsten Volksfest von Biedenkopf ein Mann tiefschwarz geschminkt. Mit Säbel und Uniform tanzt der "Mohr von Biedenkopf" dann vor dem großen Grenzgangsfestzug her. Daran gibt es Kritik: Ist dieser Brauch rassistisch?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Diskussion um Mohr als Hauptfigur des Grenzgangs

Grenzgang im Museum Biedenkopf
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Grenzgang Biedenkopf

15. bis 17. August - mehrtägige Wanderung durch den Stadtwald, um den Verlauf der Stadtgrenze zu kontrollieren.

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Es ist das größte Spektakel der Region und hält im August das ganze Hessische Hinterland drei Tage lang auf Trab: der Biedenkopfer Grenzgang, der nur alle sieben Jahre stattfindet. Bis zu 20.000 Menschen kommen, um gemeinsam die Stadtgrenze abzulaufen und im Wald ihre Heimat zu feiern. Etwa 3.000 Bürger engagieren sich in Festgesellschaften, eine der Hauptfiguren sorgt jetzt aber für Kritik: der "Mohr von Biedenkopf".

"Der Begriff Mohr ist diskriminierend. Hart gesagt rassistisch", sagt Shérif Korodowou. Er ist Marburger Integrationsbeauftragter und Mitglied im Ausländerbeirat der Stadt. Weil Biedenkopf keinen eigenen Ausländerbeirat hat, haben die Marburger Vertreter auf hr-Nachfrage Stellung bezogen. Korodowou stammt aus Togo. Seine Meinung: Zu einem fröhlichen Volksfest passt der Begriff "Mohr" nicht.

"Ein leichtfertiges Spiel mit Bildern und Farben"

Der "Mohr" schreitet beim Grenzgangsspektakel mit Säbel und Uniform tanzend voran, begleitet von zwei "Wettläufern" mit Peitschen. Seine "Haut" färbt bei Körperkontakt ab - das soll Glück bringen. Kritik an diesem sogenannten "Blackfacing" gab es in den vergangenen Jahren schon aus den verschiedensten Richtungen. Antifaschistische Studentengruppen und die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" nannten diese Praxis "rassistisch" und verwiesen auf kolonialistische Hintergründe. In Hessen hat erst 2017 der "Neger vom Südend" beim Fuldaer Rosenmontagsumzug für Unmut gesorgt.

Vorsitzende des Ausländerbeirats Marburg, Goharik Gareyan-Petrosyan und Shérif Korodowou

Shérif Korodowou geht nicht davon aus, dass die Veranstalter des Grenzgangs in Biedenkopf bewusst rassistisch handeln wollen. Er nennt den Brauch aber ein "leichtfertiges Spiel mit Bildern und Farben" und erklärt, dass leider immer noch viele Menschen Negatives mit schwarzer Haut verbinden würden: etwa Angst vorm schwarzen Mann, Unreinheit oder Gefahr. "Und jetzt entscheiden Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, dass das nur Spaß sein soll und dass etwas Positives damit verbunden wird? Das finde ich schwer zu glauben."

Und er fragt: "Auch in Biedenkopf gibt es Schwarze – warum fragt man eigentlich nicht einen von ihnen?" Korodowou würde sich wünschen, dass man mehr Schwarze mit in die Planung solcher Feste mit einbeziehen und sie um ihre Meinung fragen würde.

In Biedenkopf sieht man keinen Konflikt

Ein Grenzgang ohne Mohr - für viele Menschen in Biedenkopf ist das undenkbar, erklärt Uwe Funk vom Grenzgangsverein. Seit über 200 Jahren gebe es diese Figur, erklärt der Vereinsvorsitzende. "Der Mohr repräsentiert unser Fest. Der ist bei uns ganz hoch angesehen." Beim Grenzgang wolle jeder ein Foto mit ihm haben, sich die Wange schwarzmalen und sich von ihm hochheben lassen.

Uwe Funk vom Grenzgangsverein Biedenkopf

Traditionell werde den Wettläufern und dem Mohr dabei sogar Geld zugesteckt. Einen rassistischen oder politischen Hintergrund habe das nicht. "Beim Grenzgang machen auch viele Biedenköpfer mit Migrationshintergrund mit."

Der "Mohr 2019" heißt Willi Donges. Der Lehrer aus Biedenkopf hat sich unter fünf Bewerbern durchgesetzt. Für ihn sei das eine große Ehre. "Meine Familie ist beim Grenzgang seit Generationen aktiv." Woher der Brauch komme, das sei historisch nicht ganz genau belegt, sagt er. "Eine von mehrere Varianten ist, dass der Mohr als Abschreckung dienen sollte, um die Nachbarn von der Stadtgrenze fernzuhalten. Eine andere ist, dass der Mohr auf die Hofmohren zurückgeht. Die hatten früher eine herausragende Stellung an den Höfen mancher Landesfürsten." Heute sei für ihn diese Figur aber ganz neutral. "Ich sehe da gar keinen Konflikt."

Der Grenzgangsverein will festhalten an der Tradition. Man wolle einfach in Ruhe das Fest feiern und werde natürlich auch am Begriff Mohr festhalten. "Die Leute in Biedenkopf verstehen diese ganze Diskussion überhaupt nicht", betont Uwe Funk.

Afrikanische Studenten wollen zum Grenzgang fahren

Der Marburger Ausländerbeirat hat trotzdem eine Einladung ausgesprochen: "Wir würden uns freuen, wenn wir den Grenzgangsverein beraten könnten, damit das Fest integrativer gestaltet werden kann", so die Vorsitzende Goharik Gareyan. Sie sei selbst Touristikfachfrau und finde solch traditionelle Heimatfeste eigentlich sehr schön. "Wenn alle zusammenkommen und laufen, sich kennenlernen und fröhlich sind - das ist ein wichtiger Beitrag für die Gesellschaft."

Trotzdem ist Gareyan der Meinung, dass auch so ein Fest zeitgemäß gestalten werden solle. "Ich bin nicht dafür, dass wir solche traditionellen Feste abschaffen", sagt sie. Ihr Vorschlag: Vielleicht könnte man der Figur mit einer anderen Bedeutung ausstatten? "Es gibt ja viele Gründe, Menschen bunt zu färben." Die Mitglieder des Ausländerbeirats wollen im August gerne selbst zum Grenzgang fahren, sich das Spektakel anschauen und mitfeiern. Der Beirat will auch den Afrikanischen Studierendenverein aus Marburg für die Teilnahme mobilisieren.