Zu Fuß unterwegs nach Sizilien: Siggi Kroning (rechts) und ihre Tochter Julia
Zu Fuß unterwegs nach Sizilien: Siggi Kroning (rechts) und ihre Tochter Julia Bild © hr/Anna Dangel

Siggi Kroning und ihre Tochter Julia wandern von Nordhessen nach Sizilien. Das Besondere: beide sind praktisch blind. Ihr einziges Hilfsmittel: eine Wander-App. hessenschau.de hat sie vor dem Start der Tour besucht.

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Angefangen habe alles als Schnapsidee, erzählt Julia. "Ich und meine Mutter saßen Kaffee trinkend auf dem Balkon", und sie habe ihrer Mutter gezeigt,  wie sich die Wander-App "Komoot" per Sprachfunktion bedienen lässt. Ein paar Sekunden später stand fest: Sie wandern nach Sizilien. "Mit Handicap und Handy-App“, sagt die 47-Jährige Siggi Kroning.

Sechs Monate liegen zwischen dieser Entscheidung und dem Start ihrer Wanderung. Vor rund einer Woche noch stand die 24-Jährige Julia Kroning im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Rosenthal (Waldeck-Frankenberg) und hat mir ihrer Mutter die Rucksäcke gepackt.  Die wichtigsten Utensilien verstaut sie gekonnt: Sonnencreme, Power-Bank, Camping-Zelt. Am 1.Juli haben die beiden Frauen ihr Heimatdorf verlassen. Sizilien wollen sie Ende September erreicht haben.

Das wichtigste Utensil für Julias Mutter Siggi ist eine orangefarbene Warnweste, auf die sie mit schwarzem Edding: "Achtung Blind!" geschrieben hat. Denn viele, sagt die 47-Jährige "können mit der schwarz gepunktete gelben Blindenbinde nichts anfangen oder übersehen sie".

Blind durch Erbkrankheit

Siggi Kroning und ihre Tochter Julia leiden an der Erbkrankheit Netzhaut-Dystrophie. Die kann verschiedene Formen annehmen. Die  47-Jährige Mutter hat noch zwei Prozent Sehvermögen. Bis zu ihrem 27. Lebensjahr konnte sie sehen, dann brach die Krankheit über sie herein. "Mittlerweile kann ich gut damit umgehen,“ sagt Siggi. Sie verlasse sich vor allem auf ihre anderen Sinne - ihren Orientierungssinn, ihre Intuition und sie nehme viel über die Ohren wahr.

Ihre Tochter Julia erhielt die Diagnose vor zwei Jahren. Anfangs sei sie in ein ziemliches Loch gefallen, sagt die 24-Jährige. Die Diagnose habe sie mitten im Studium getroffen: "Mein Sehvermögen hat sich rapide verschlechtert".  Zuerst habe sie wie durch einen Donut geschaut: "In der Mitte am Schärfsten, dann lange Zeit nichts und nur noch etwas in den Randbereichen."  Inzwischen hat sie nur noch 5 Prozent Sehvermögen. Heilbar ist die Erbkrankheit nicht.

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Blinde Mutter und Tochter wandern nach Sizilien

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Wander-App als Hilfsmittel

In ihrer Heimatgemeinde Rosenthal können sich Siggi und Julia Kroning gut orientieren. Siggi, weil sie schon seit 20 Jahren blind ist und Rosenthals Straßen in-und auswendig kennt. "Ich kenne jeden Hubbel“, sagt sie. Sie geht ohne Blindenstock und will auch ohne Blindenstock nach Sizilien wandern.

Ihre Tochter Julia dagegen hat vor der Abreise noch mehrere Stunden Blindenstock-Training absolviert. Wenn die Wege nach Sizilien mal etwas komplizierter werden, will sie auf das Hilfsmittel zurückgreifen. "Komoot“ ist das Navigationsgerät der beiden. Die Handy-App können sie per Sprachfunktion aktivieren. Die Navigations-Angaben spricht die App laut aus, wie ein Auto-Navi.

Kein detaillierter Streckenplan

Einen detaillierten Reiseplan haben die Frauen nicht. Fest steht: Zuerst geht es nach Frankfurt, dann den Europaweg nach Süden bis Konstanz und von dort nach Genua mit irgendeiner  Mitfahrgelegenheit, erklärt Julia.

Ihre Wanderung nach Sizilien ist ein Spendenlauf. Die Einnahmen gehen zum großen Teil an die Blindenstudienanstalt in Marburg, einen kleinen Teil verwenden sie für ihre Reise. Mit der Wanderung wollen die beiden anderen Menschen mit Behinderung Mut machen und zeigen, dass alles  möglich ist.

Etappen nach Tagesform

Wie viele Kilometer sie täglich wandern werden, ist noch offen. "Das kommt auf Tagesform und die Lichtverhältnisse an, sagt Julia Kroning. Gutes Wetter sei anstrengend, da ihre Augen sehr blend-empfindlich seien. Schatten von oben helfe dagegen.

Nur in Notfällen wollen sie in Jugendherbergen übernachten. Sie hoffen, dass sie nach jeder Etappe in einem Privathaus oder einer Privatwohnung Unterschlupf finden.

Videoposts auf Facebook

Auf ihrer Facebook-Seite "TheWalkingBlinds“ wollen sie in regelmäßigen Video-Posts über ihre Reise informieren. Ihr jeweiliges Tagesziel posten sie auf dort. Außerdem haben sie Flyer für ihr Vorhaben erstellt, auf Deutsch und auf Italienisch. Die Übersetzung habe ihr "Dorf-Italiener" besorgt, sagt Siggi Kroning und lacht. Alle, die eine Etappe mit ihnen wandern wollen seien herzlich eingeladen.

Julias Kronings größte Sorge? Dass sie ihren Freund vermissen wird. Mit dem wolle sie jeden Tag Kontakt halten. Auch Mutter Siggi will täglich ihrem Partner Verbindung halten. Mitnehmen wollten sie die Männer aber nicht, denn das sei eine  "Mutter-Tochter-Reise“.  Und warum ausgerechnet nach Sizilien? Weil da ihre italienische Freundin Natalie wohnt, die wirklich die allerbesten italienischen Gerichten kocht!

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 02.7.2019, 19.30 Uhr