Sujet rechte Gewalt

Nach dem Anschlag von Hanau ist das Entsetzen groß. Es ist der vermutlich bislang schwerste rechtsextreme Gewaltakt in der Geschichte des Bundeslandes Hessen. Doch beileibe nicht der erste. Die wichtigsten haben wir in dieser Chronik zusammengefasst.

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1974

Beim Versuch, einen Sprengsatz zu entschärfen, wird in Wiesbaden ein Feuerwerker getötet. Gebastelt hatte die Bombe Peter Naumann, damals noch Funktionär der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten.

31. Januar 1992

Beim Brand einer Flüchtlingsunterkunft in Lampertheim (Bergstraße) stirbt eine aus Sri Lanka stammende dreiköpfige Familie. Einige Monate später werden drei Jugendliche festgenommen, die den Brandanschlag gestehen. 1994 werden die jugendlichen Täter wegen besonders schwerer Brandstiftung zu viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund verneint das Gericht.

23. Februar 1992

"Lasermann" John Ausonius / Tatort von 1992

In der Nacht auf den 23. Februar wird in Frankfurt die 68 Jahre alte Holocaust-Überlebende Blanka Zmigrod auf offener Straße erschossen. 26 Jahre nach der Tat wird der schwedische Staatsbürger John Ausonius für den Mord verurteilt. Ausonius sitzt zu diesem Zeitpunkt in Schweden bereits eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

Ausonius hatte gestanden, zwischen August 1991 und Januar 1992 in neun Fällen aus dem Hinterhalt heraus auf Menschen mit Migrationshintergrund geschossen zu haben. Eines der Opfer erlag seinen Verletzungen. Weil er bei seinen Taten eine Laser-Zielvorrichtung benutzte, wurde er von der schwedischen Boulevardpresse "Lasermann" genannt. Vor der Tat in Frankfurt soll es zwischen ihm und Zmigrod zu einem Streit gekommen sein, weil Ausonius sie beschuldigte, ihm einen Taschencomputer gestohlen zu haben.

7. Januar 1993

Mindestens fünf Männer dringen in ein Flüchtlingsheim in Borken (Schwalm-Eder) ein und verletzen vier Heimbewohner und einen Betreuer.

24. Januar 1993

Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in Immenhausen (Kassel) entdecken und löschen einen Brandsatz, der vor der Tür der Einrichtung deponiert war. Dieser bestand aus einem Kanister mit brennbarer Flüssigkeit. Die Lunte war bereits angezündet worden.

11. Juni 1993

Brandanschlag auf ein Fachwerkhaus in Modautal-Ernsthofen (Darmstadt-Dieburg), in dem 24 Flüchtlinge leben.

6. November 1994

In Rotenburg an der Fulda wird ein 18-Jähriger von einem Bundeswehrrekruten mit einem Messerstich ins Herz getötet. Ein herbeieilender Freund des Opfers wird ebenfalls verletzt. Zeugenaussagen zufolge war der 19 Jahre alte Täter mit Bomberjacke, Springerstiefeln sowie einem T-Shirt mit der altdeutschen Aufschrift "Hools Deutschland" bekleidet, weswegen ihn der Getötete als "Nazischwein" beschimpft haben soll.

Der Bundeswehrrekrut flüchtet im Anschluss gemeinsam mit einem anderen Soldaten in die Kaserne. In seinem Spind finden die Ermittler später rechtsextremes Propagandamaterial. Kurz danach wird bekannt, dass gegen ihn im Zusammenhang mit den rassistischen Krawallen in Rostock-Lichtenhagen zwei Jahre zuvor wegen Landfriedensbruchs ermittelt wird. Der Rekrut behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben. 1995 stellt die Staatsanwaltschaft Kassel die Ermittlungen gegen ihn ein.

17. August 2001

In Fulda wird die 54 Jahre alte Inhaberin eines Military-Shops mit 13 Stichen ins Gesicht und den Oberkörper ermordet. Als Täter wird ein 19 Jahre alter Anhänger der Neonazi-Organisation "Deutsche Heidenfront" ermittelt. Bei der Tat soll es sich um ein Aufnahmeritual gehandelt haben. Der Täter wird zu neun Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

6. April 2006

Internetcafe Yozgat

In Kassel wird der 21-jährige Halit Yozgat in seinem eigenen Internetcafé erschossen. Die Tat wird den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds zugeschrieben. Wer genau die tödlichen Schüsse auf Yozgat abgegeben hat, ist bis heute ebensowenig aufgeklärt, wie die Rolle des Verfassungsschutzmitarbeiters Andreas Temme, der sich im nahen zeitlichen Umfeld der Tat im Internetcafé aufhielt, aber beteuert, von dem Mord nichts mitbekommen zu haben.

20. Juli 2008

Eine Gerichtszeichnung aus dem Prozess gegen Kevin S.

Mitglieder der rechtsextremen "Freien Kräfte Schwalm-Eder" überfallen ein Sommercamp der Linksjugend "Solid" am Neuenhainer See bei Neuental (Schwalm-Eder). Eine schlafende 13-Jährige wird mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt. Auch ihr Bruder, der ihr zu Hilfe eilen wollte, trägt Verletzungen davon. Als Haupttäter wird fast zwei Jahre später der zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alte Kevin S. zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Seine Mittäter kommen mit deutlich geringeren Strafen davon.

23. Oktober 2014

In einer Notunterkunft für Wohnungslose in Limburg wird ein aus Ruanda stammender 55-jähriger Mann getötet. Drei Männer, von denen zwei ebenfalls in der Einrichtung lebten, sollen den Getöteten zunächst rassistisch beleidigt und ihn anschließend so lange mit Tritten und Schlägen misshandelt haben, bis er an inneren Blutungen starb. 2015 werden zwei der Tatbeteiligten wegen Mordes zu Haftstrafen von zehn und zwölf Jahren verurteilt. Das Gericht ging von "Fremdenfeindlichkeit" als Motiv aus. Zeugen hatten im Prozess unter anderem berichtet, dass die Angeklagten sich bereits vor der Tat beim Zeigen des Hitlergrußes fotografiert hätten.

2. Juni 2019

Tatverdächtiger im Mordfall Lübcke beim Wahlkampf für die NPD in Kassel

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) wird auf der Veranda seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha (Kassel) erschossen. Knapp zwei Wochen später wird der bereits strafrechtlich in Erscheinung getretene Rechtsextremist Stephan Ernst festgenommen, der zum Umfeld der mittlerweile verbotenen Neonazi-Organisation "Combat 18" gehört.

Lübcke war zuvor immer wieder Ziel von Drohungen und üblen Beleidigungen gewesen. Anlass war eine Rede bei einer Bürgerversammlung im Jahr 2015, bei der er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung verteidigt hatte. Zu den Zuhörern bei dieser Veranstaltung zählte auch Stephan Ernst. Ernst gestand die Tat zunächst, widerrief dieses Geständnis jedoch wieder. Inzwischen behauptet er, dass es am Abend des 2. Juni 2019 zu einem Streit zwischen ihm, einem Mitstreiter und Lübcke gekommen sei, bei dem sich versehentlich ein Schuss gelöst habe.

22. Juli 2019

Mahnwache Wächtersbach

Ein aus Eritrea stammender 26-Jähriger wird in Wächtersbach (Main Kinzig) aus einem fahrenden Auto heraus angeschossen und schwer verletzt. Der Täter, ein 55-Jähriger aus Biebergemünd, wird kurze Zeit später tot in seinem Wagen aufgefunden. Vor der Tat soll er in seiner Stammkneipe angekündigt haben, einen Flüchtling abknallen zu wollen. Nach der Tat kehrte er noch einmal ein, ehe er Selbstmord beging.

6. September 2019

Ein 54-Jähriger beschießt in Taunusstein (Rheingau-Taunus) aus seinem Wagen heraus Menschen, die seiner Meinung nach "ausländisch" aussehen mit einer Zwille. Ein 25-jähriger Mann aus Syrien wird dabei am Kopf verletzt.

19. Februar 2020

Ein 43-Jähriger stürmt am Abend gegen 22 Uhr zunächst eine Shisha-Bar in der Hanauer Innenstadt und erschießt dort vier Menschen. Kurze Zeit später erschießt derselbe Täter in einem Kiosk im Stadtteil Kesselstadt fünf weitere Menschen. Später tötet er seine Mutter und sich selbst. Am Morgen des nächsten Tages wird bekannt, dass der Täter Youtube-Videos und ein "Manifest" veröffentlicht hat, das neben Verschwörungstheorien auch klar rechtsextreme Thesen beinhaltet.

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Experte zu Rechtsextemismus in Hessen

Hessen ist nach der Einschätzung eines Experten trotz mehrerer aufsehenerregender Gewalttaten nicht rechtsextremer als andere Bundesländer. "Man kann zwar sagen 'schon wieder Hessen', aber das ist jetzt nicht unbedingt etwas strukturell Spezifisches", sagte der Extremismus-Experte Reiner Becker von der Universität Marburg der Nachrichtenagentur dpa. Aber: Es könne selbstverständlich ein subjektives Empfinden geben, dass Hessen ein größeres Problem mit Rechtsextremismus hat als anderswo. "Man braucht ja nur die Chronologie durchzugehen seit dem Mord an Walter Lübcke, dem Mordversuch an einem jungen Eritreer in Wächtersbach", sagte Becker, der das Demokratiezentrum Hessen leitet, das unter anderem Präventionsarbeit betreibt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.02.2020, 19.30 Uhr