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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Brief an Bouffier: Tagesmütter im Corona-Stress

Tagesmutter mit zwei kleinen Kindern

Ständig lüften, desinfizieren, waschen - und fast volle Gruppen. Mitarbeiter der Kindertagespflege in Gießen fordern von der Landesregierung Entlastung und bessere finanzielle Unterstützung im Corona-Stress.

Im Hintergrund plappern Kinder, ein elektronisches Spielzeug dudelt in Dauerschleife. Stefanie Neumann betreut heute vier Kinder - fast so viele wie vor der Pandemie. Und doch ist ihr Arbeitsalltag inzwischen ganz anders als sonst, berichtet sie am Telefon.

"Ich muss hier alle zwei Stunden alles durchdesinfizieren und viel mehr lüften, heizen und waschen als sonst." Seit Kurzem soll sie zudem die ganze Zeit FFP2-Masken tragen.

Neumann ist Sprecherin der Interessengemeinschaft der Tagespflegepersonen aus und um Gießen. Sie kritisiert, dass sie und ihre Kolleginnen sich derzeit nicht gut genug vor dem Coronavirus geschützt fühlen. Sie habe 21 Kolleginnen befragt und dabei erfahren: Sie seien derzeit zu 80 Prozent ausgelastet, die Hälfte sei sogar voll besetzt.

"Fühlen uns im Stich gelassen"

Außerdem meint sie: Den Kitas werde momentan mehr mit Schutzmaßnahmen geholfen als ihnen. "Wir fühlen uns gerade im Stich gelassen und fallen bei den Regelungen ganz oft hinten runter." Auf vielen zusätzlichen Kosten würde sie derzeit sitzen bleiben, zum Beispiel für Schutzaustattung, Energie und Mehrarbeit.

Weil Tagesmütter und -väter selbstständig sind, aber Gelder der Jugendämter erhalten, seien sie zudem besorgt über die finanziellen Folgen durch pandemiebedingte Betreuungsausfälle.

"Wenn jemand von uns sich tatsächlich ansteckt und dann länger ausfällt - dann sind danach ja die Kinder bestimmt anderswo untergekommen", meint Neumann. "Und Corona ist momentan bei uns nicht als Berufskrankheit anerkannt."

Sozialministerium: 75 Millionen für Schutzmaßnahmen

Das hessische Sozialministerium betont auf hr-Anfrage, dass Tagespflegepersonen bei sämtlichen Maßnahmen im Bereich der Kinderbetreuung "mitgedacht" würden. So hätten sie bei Einkommensverlusten etwa Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialdienstleister-Einsatzgesetz und sie könnten sich alle zwei Wochen kostenlos auf das Virus testen lassen.

Für Schutzmaßnahmen in Schulen und Kinderbetreuung habe man den Landkreisen bereits im Dezember 75 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Laut Sozialministerium könnten damit auch größere und kleine Maßnahmen im Haushalt von Tagesmüttern und -vätern finanziert werden.

Die genaue Verteilung der Gelder wurde jedoch den Jugendämtern überlassen, die im Detail für die Kindertagespflege zuständig sind. Dorthin könnten sich auch Tagespflegepersonen wenden.

Kreis Gießen: Verteilentscheidung gerechtfertigt

Im Landkreis Gießen heißt das konkret: Der Kreis erhielt vom Land 2,16 Millionen Euro für Schutzmaßnahmen. Der Kreis legte daraufhin einen Verteilschlüssel von 90 Euro fest - pro Kita-Kind.

Auf hr-Nachfrage antwortet der Kreis: Erst danach habe das Land mitgeteilt, dass die Gelder auch für Kindertagespflege eingesetzt werden dürften. Man habe daraufhin pro Tagespflegeperson 20 FFP2-Masken zur Verfügung gestellt.

Diese Verteilentscheidung nennt der Landkreis gerechtfertigt. Der Grund: Der zu bewältigende Aufwand in den Kitas sei ungleich höher als in den kleinen, familiennahen Settings der Kindertagespflege.

"Im Worst Case" auch eigene Kinder und Partner zu Hause

Das sieht Tagesmutter Stefanie Neumann anders. Die Betreuung zuhause sei derzeit sogar besonders eng, sagt sie. "Im Worst Case haben wir zuhause noch zwei eigene Homeschooling-Kinder zu betreuen, und der Mann sitzt auch noch im Homeoffice - und mittendrin fünf kleine Kinder, die ruhig gehalten werden müssen." Abstand halten gehe mit Kindern unter drei Jahren überhaupt nicht.

Neumann kritisiert, dass die Maßnahmen nicht reichten und zudem örtlich so unterschiedlich seien: Während etwa Tagesmütter im Landkreis Gießen nun Masken bekommen hätten, warte man in der Stadt Gießen immer noch darauf.

In ihrem Brief an die Landesregierung fordern die Gießener Tagesmütter außerdem, dass sie bei der Vergabe von Impfterminen früher dran kommen. Und sie plädieren für grundsätzlich klarere Regeln, welche Kinder überhaupt gebracht werden dürfen. "Wir betreuen wirklich gern. Aber wir fänden es besser, wenn nur die Kinder von Berufstätigen kommen dürften - oder die Fälle, in denen es wirklich ums Wohl des Kindes geht", so Neumann.

Mutter: "Ich finde es gut, dass Eltern mitentscheiden dürfen"

Eine etwas andere Perspektive auf die Problematik hat eine junge Mutter aus Gladenbach (Marburg-Biedenkopf), die hier ihren Namen nicht nennen möchte. Sie will bald ihr jüngstes Kind zu einer Tagesmutter bringen. "Ich hoffe sehr, dass das dann auch möglich ist." Noch ist sie in Elternzeit und betreut ihre drei kleinen Kinder zuhause.

"Es ist inzwischen einfach nur schrecklich", sagt die junge Mutter, als sie über die Familiensituation nach wochenlangem Lockdown spricht. Immer wieder ist sie dabei den Tränen nahe. "Die Kinder vermissen ihre Freunde, haben zu nichts mehr Lust, und ich bin inzwischen auch emotional total am Ende."

Kurze Zeitspannen zu überbrücken sei ja das eine, meint die Mutter. Aber mittlerweile sei die Familie an dem Punkt, dass die beiden großen Kinder nächste Woche wieder in die Kita gehen sollen - auch wenn sie dann noch nicht arbeitet. "Ich finde es gut, dass die Eltern dieses Mal selbst entscheiden dürfen, ob sie Betreuung in Anspruch nehmen."

Weil sie und ihr Mann beide medizinische Berufe haben, sei sie sich durchaus der Problematik von steigenden Fallzahlen bewusst und habe auch Verständnis für die Tagesmütter und Erzieherinnen. Aber sie sei dennoch zwiegespalten. "Weil ich diese beiden Seiten kenne: die vom Krankenhaus - aber eben auch diese krasse Seite der Familien zuhause."

Weitere Informationen

Kindertagespflege in Hessen

Tagespflegepersonen in Hessen betreuen in der Regel bis zu fünf Kinder unter drei Jahren im häuslichen Umfeld. Dies bietet Eltern eine Alternative zur Betreuung in Kinderkrippen. Genau wie die Kitas sind auch Kindertagespflegegruppen in Hessen derzeit nicht geschlossen. Die Landesregierung bittet die Eltern jedoch, die Betreuung nur in dringenden Fällen zu nutzen.

Ende der weiteren Informationen

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Berichts und des Hörfunkbeitrags hieß es, dass der Landkreis Gießen den Tagesmüttern und -vätern Desinfektionsmittel stellt. Richtig ist, dass sie ausschließlich Schutzmasken erhalten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: hr4, die Hessenschau für Mittelhessen, 01.02.2021, 15.30 Uhr