Flüchtlingshelfer Büdingen
Eine Sozialarbeiterin der Malteser in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Büdingen. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Es gibt ein Büdingen abseits der Schlagzeilen um NPD-Parteitage: 2015 organisierte sich in kürzester Zeit eine Gruppe von Menschen, um Geflüchteten zu helfen. Jetzt ziehen die Helfer in zwei Büchern Bilanz. Sie fällt gemischt aus.

Manchmal braucht es einen General, um Frieden zu stiften: Im Flüchtlingsprojekt "Bunte Gärten - Internationale Schrebergärten" gab es anfangs Streit. Viel Streit. "Ständig haben sich Syrer und Pakistani über die Religion gezofft", erzählt Kurt Stoppel, der das Projekt mit seiner Frau und anderen Helfern betreut.

"Irgendwann bin ich wie ein General da durchgefegt und habe gedroht, sie alle rauszuschmeißen. Seitdem ist Ruhe", sagt der 71-Jährige und lacht: "Inzwischen arbeiten sie zusammen, feiern friedlich, laden sich gegenseitig ein." Ein Erfolg in einem vom Land Hessen ausgezeichneten Projekt: Im Jahr 2017 nahm Stoppel vom hessischen Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) dafür die Landesauszeichnung "Soziales Bürgerengagement" entgegen.

Unzählige Projekte

Die "Bunten Gärten" sind nur eines von unzähligen Projekten, die 2015, nach der so genannten Flüchtlingskrise, in Büdingen entstanden: Eine Gruppe ehrenamtlicher Helfer der örtlichen Ehrenamtsagentur gründete das "Netzwerk neue Nachbarn".

Sie organisierte innerhalb kurzer Zeit Deutschunterricht, Stadtrundgänge, Fahrräder und eine Werkstatt gleich mit, ließ Verhaltensbroschüren drucken, lud zu interkulturellen Treffen ein, stampfte Musik-, Theater- und Kunstprojekte aus dem Boden, half den Geflüchteten dabei, sich zu organisieren und vieles mehr.

Mit Schwierigkeiten zu kämpfen

Jetzt ziehen die Helfer in zwei Büchern Bilanz (Infobox am Ende): "Büdingen hat's geschafft, darauf kann man auch mal stolz sein", sagt Joachim Cott von der Büdinger Geschichtswerkstatt. Cott hat an beiden Büchern mitgearbeitet. Stolz ist auch Kurt Stoppel. Doch ausgerechnet sein Garten-Vorzeigeprojekt sei ein Beispiel dafür, mit welchen Schwierigkeiten die Helfer zu kämpfen hätten.

Flüchtlingshelfer Büdingen
Arbeiten an den Kinderbeeten im internationalen Garten. Bild © Kurt Stoppel, Netzwerk Neue Nachbarn

Die Gärten sind in rund zwei Jahren auf einem über 5.500 Quadratmeter großen Gelände außerhalb Büdingens entstanden, zwischen einer Bundesstraße und einem kleinen Klärwerk. 150 Menschen aus Deutschland, Syrien, Pakistan, der Türkei, Thailand und anderen Ländern bauen in 34 Parzellen Obst, Gemüse und Kräuter an, treffen sich zum Essen und zum Plaudern.

Garten sieht "unüblich" aus

Doch das Projekt wurde von Anfang an auch kritisch beäugt: Während der fast verwilderte ehemalige Maisacker vorher kaum jemanden interessierte, monierten einige Büdinger nun, für Schrebergärten sähen die Parzellen "zu unüblich" aus, wie Stoppel erzählt. Und dem Bauamt des Wetteraukreises sei ein Dorn im Auge, dass dort auch ein Bolzplatz für Kinder eingerichtet wurde - das sei "Zweckentfremdung von Ackerfläche".

"Den Schrebergarten könnte man als Studienobjekt darüber verwenden, was bei der Flüchtlingsarbeit in Büdingen gut und schlecht läuft", findet Reiner Bajus. Der 69-Jährige engagiert sich ebenfalls im Netzwerk. "Das Positive und das Negative sind eng miteinander verschraubt."

Gnadenlos ausgenutzt

Er habe viel Verständnis für Vorschriften, betont er. Und doch sei der Kampf mit dem Behördendschungel auch für die Helfer aufreibend. Die Geflüchteten litten unter ihrem teils ungeklärten Schutzstatus und dem restriktiven Familiennachzug. Bajus ist Pate eines Vaters und seines Sohns, die aus dem syrischen Aleppo fliehen mussten - die vier weiblichen Familienmitglieder sitzen dort noch fest. Dabei hätten sich beide sehr um Integration bemüht: Der Sohn habe schnell seinen Realschulabschluss gemacht, der Vater sei Hilfsarbeiter bei einer Zeitarbeitsfirma "und sehr stolz drauf."

Überhaupt, das Thema Arbeit: "Wir haben die Geflüchteten schnell in Jobs bekommen", sagt Stoppel. "Da ist eine Kleinstadt von Vorteil, auch bei der Wohnungssuche. Man kriegt die Leute schneller ans Telefon." Leider seien einige Flüchtlinge aber auch gnadenlos ausgenutzt worden: Wie durch einen Bauer, der monatsweise unbezahlte Praktikanten anstellte. Ein Unternehmer habe einem Mann einen Arbeitsvertrag weit unter Mindestlohn und mit unbezahlten Pflichtüberstunden angeboten.

"Gärten"-Zukunft unklar

Der Nachteil der Kleinstadt: "Es gibt eben gleichzeitig auch mehr 'Abwehrkräfte' gegen Fremdes", erklärt Bajus. Bedroht worden sei er allerdings nie. Die Hetze in den sozialen Netzwerken sei erschreckend gewesen. Seine persönliche Bilanz nach drei Jahren: "Ich habe selbst unglaublich viel gelernt, auch über den Zustand unserer Gesellschaft".

Wie der Zustand der "Bunten Gärten" im kommenden Jahr sein wird, ist noch unklar, sagt Kurt Stoppel. "Noch hält der Landrat seine Hand darüber. Aber noch ist nicht klar, wie es weitergeht, wenn im Frühjahr die Finanzierung ausläuft."

Weitere Informationen

Bilanz in zwei Büchern

  • Das Buch "Nichts als Hoffnung im Gepäck" (186 Seiten, 22 Euro) wird am 16. Dezember um 18 Uhr im Heuson-Museum Büdingen vorgestellt. Herausgeber ist das Malteser Hilfswerk. Schwerpunkt des Buches sind Geschichten von Flüchtlingen aus der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) in Büdingen, die bis zum 30. Juni 2018 von den Maltesern für das Regierungspräsidium Gießen betrieben wurde. "Wir wollten den geflüchteten Menschen anonym eine Stimme verleihen", sagt Isidro Perez, der ehemalige Leiter der Einrichtung.
  • Das Buch "Neue Nachbarn. Wie Integration gelingen kann" (126 Seiten, 12 Euro) stammt von der Geschichtswerkstatt Büdingen. Hier ziehen schwerpunktmäßig Helfer und Flüchtlingspaten des Netzwerks Neue Nachbarn Bilanz, aber auch Flüchtlinge, die in Büdingen leben, kommen zu Wort. "Mögen die Kritik und die Anregungen der Autoren gehört werden", schreibt die Geschichtswerkstatt. "Es würde die Arbeit der Helfer und das Leben der Hilfesuchenden ein wenig leichter machen."
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