Anwohnerinnen Ingrid Maercker und Susanne Longerich vor einem Straßenschild in der Darmstädter Grundstraße

Die Darmstädter Grundstraße ist nach einem führenden Baumeister im Nationalsozialismus benannt. Das wissen dort die wenigsten. Als die Stadt nach Vorschlägen für eine Umbenennung aufrief, hatten Anwohner eine verblüffende Idee.

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hs
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Peter Grund leitete von 1947 bis 1959 als Oberbaudirektor die Bauverwaltung in Darmstadt. Der gebürtige Pfungstädter war zuständig für den Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Grund hinterließ seine Spuren in der Straßenführung, beim Bau von Schulen und Verwaltungsgebäuden und auch mit der Umgestaltung des Stadions am Böllenfalltor in den 1950er Jahren war er befasst.

Nicht weiter verwunderlich also, dass die Stadt ihn nach seinem Tod ehrte, indem sie eine Straße im Stadtteil Kranichstein nach ihm benannte: die Grundstraße. Aus welchem Grund die Straße ihren Namen trägt, steht auf einem Zusatzschild unter einem der insgesamt drei Straßenschilder: "Oberbaudirektor Professor Peter Grund 1892-1966, verdient um den Wiederaufbau Darmstadts". So weit, so unverfänglich, so lückenhaft.

Histoirker empfehlen neue Namen für acht Straßen

Erst eine von Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) eingesetzte Historikerkommission machte offenbar einer größeren Allgemeinheit in Darmstadt und selbst in Kranichstein selbst bekannt, dass Peter Grund in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls nicht ganz untätig war: als Leiter einer Reichsaustellung Schaffendes Volk, als Direktor der Kunstakademie Düsseldorf nach 1933, als NSDAP-Referent für Städtebau. Parteimitglied war Grund seit 1933.

Zusatzschild zum Straßenschild in der Darmstädter Grundstraße mit Angaben zum Namensgeber

Neben sieben anderen Straßen, die nach mit dem NS-Regime verbandelten Menschen heißen, solle die Stadt Darmstadt die Grundstraße umbenennen, empfahl die Kommission. Die Stadtverwaltung rief im Frühsommer die Bürger auf, mögliche neue Namen vorzuschlagen.

Neue Adresse? "Kostet Zeit und Geld"

Das rief Ingrid Maercker und Susanne Longerich auf den Plan. Sie wohnen in der Grundstraße und gehören nach eigener Aussage zu denjenigen, die den Namen der Straße mit den markanten Wohnhochhäusern nicht mit einem Menschen, sondern eher mit einer geografischen Gegebenheit (Grund wie zum Beispiel in Talgrund) verbanden. "Wen man in der Nachbarschaft auch fragte: Keiner kannte Peter Grund", sagt Ingrid Maercker.

Niemand in der Straße wolle natürlich einem Unterstützer der Nazis Ehre zukommen lassen, aber für die Anwohner sei die Änderung des Straßennamens doch ein erheblicher Aufwand, ergänzt Susanne Longerich. Wie bei einem Umzug müsse man die neue Adresse überall melden. "Das kostet Geld und Zeit", sagt sie. Dass die Stadt die Kosten für die Änderung in der Verwaltung und der Personalausweise übernehmen wolle, mache ja nur einen geringen Teil der notwendigen Änderung aus.

549 Bürger für Namensbeibehaltung

Auch für die Verwaltung komme doch ein großer Batzen an Arbeit zu, sagt Ingrid Maercker, die nach einem Anruf beim Bürgertelefon die Idee hatte: Warum nicht einfach die Grundstraße in Grundstraße umzubenennen? Also den Namen einfach zu lassen? Nur ohne Bezug auf Peter Grund. Dazu würde es reichen, das Zusatzschildchen abzumontieren, sagt sie: "Manchmal ist das Einfachste das Beste."

Die beiden Frauen sammelten in den zurückliegenden Wochen 549 Unterschriften von Kranichsteinern ein, die sich dafür aussprechen, dass die Grundstraße ihren Namen behält. "Viel mehr, als wir erwartet hätten", sagen Ingrid Maercker und Susanne Longerich.

Oberbürgermeister Partsch: "Pragmatische Idee"

Am Freitagvormittag überreichten die beiden die Liste mit den Unterschriften dem Darmstädter Oberbürgermeister. Jochen Partsch sicherte zu, dass die Stadt die Idee der Namensbeibehaltung ohne entsprechende Zusatztafel für die Grundstraße prüfen wolle. "Es ist auf den ersten Blick eine pragmatische, sehr einfach umzusetzende Idee", sagte der Politiker. Bis zum Sommer kommenden Jahres soll eine Entscheidung fallen.

Grundstraße-Bewohnerinnen Ingrid Maercker und Susanne Longerich mit Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch

Er wolle aber durchaus "den Impuls setzen, dass die erste Benennung aus heutiger Sicht falsch war", betonte Partsch. Nach dem Kriegsende hätten ja nicht wenige Nazis weiterhin führende Positionen besetzt und sei deren Rolle im NS-Regime nicht näher beleuchtet worden.

Interessant in dem Zusammenhang ist, dass Teile des städtischen Klinikums Darmstadt in der Innenstadt im Peter-Grund-Bau untergebracht sind. Grund baute auch das Krankenhaus nach dem Krieg maßgeblich wieder auf. Womöglich muss OB Partschs Historikerkommission noch mal tätig werden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 30.08.2019, 16.45 Uhr