Aus drei mach eins: Am Sonntag stimmen die Bürger von drei Kommunen im Kreis Marburg-Biedenkopf über eine Fusion ab. Es könnte flächenmäßig die drittgrößte Stadt Hessens entstehen.

Die Karte zeigt die Gemeinden Lahntal, Münchhausen und Wetter - eingefärbt in gelb, lachs und pink - auf einem Kartenausschnitt von Mittelhessen in schwarz-weiß. Darüber steht "Bürgerentscheid zur Gemeindefusion".

Drei Gemeinden im nördlichen Kreis Marburg-Biedenkopf: Lahntal, Münchhausen und Wetter. Hier gibt es viele hübsche Dörfer, viel weite Natur, aber relativ wenige Einwohner. Insgesamt leben hier knapp unter 20.000 Menschen auf insgesamt 187 Quadratkilometern - in einem Gebiet, das fast so groß ist wie die Flächen von Frankfurt und Wiesbaden

Um sich Personal und Infrastruktur zu teilen, arbeiten die Kommunen bereits jetzt in vielen Bereichen eng zusammen, etwa was Kinderbetreuung oder die in der Region berüchtigten Blitz-Anlagen angeht.

Am Sonntag sollen die Bürgerinnen und Bürger nun darüber abstimmen, ob aus dieser Liaison eine Art Ehe wird: Über eine Gemeindefusion wird in der Region schon seit Jahren diskutiert. Zeitweise war mit Cölbe auch noch eine vierte Nachbargemeinde im Gespräch, die jedoch inzwischen nicht mehr mit im Boot ist.

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Audioseite Münchhausen, Wetter und Lahntal stimmen ab

Drei Fotos der Gemeinden Lahntal, Wetter, Münchhausen - mal in malerischer Landschaft, mal nur die Gemeindekirche abgebildet.
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Die Pro-Argumente

Zumindest drei Männer sind vollkommen überzeugt von der Fusion - und das obwohl sie sich und ihre Posten damit quasi selbst abschaffen würden. Die langjährigen Bürgermeister der drei Gemeinden werben aktiv für den Zusammenschluss. Sie stehen alle am Ende ihrer Amtszeit, Bürgermeister der möglichen neuen Stadt will keiner von ihnen werden.

Es geht vor allem ums Geld und um Perspektive, erklärt der Bürgermeister der derzeit größten Gemeinde Wetter, Kai-Uwe Spanka (parteilos). In den vergangenen Jahren seien immer mehr Aufgaben für die Gemeinden hinzugekommen, zum Teil durch Länder und Bund, zum Teil auch durch die EU. "Wir haben nicht die Größe, das aus eigener Kraft erledigen zu können", so Spanka.

Konkret zeige sich das etwa am Beispiel IT-Sicherheit. Dafür brauche man inzwischen Fachpersonal - aber den einzelnen Gemeinden fehle dafür das Geld, sagt Spanka. "Wir haben deshalb schon vergangenes Jahr als drei Gemeinden zusammen einen gemeinsamen IT-Mitarbeiter angestellt."

Ähnlich sieht es sein Münchhausener Kollege Peter Funk (parteilos). "Die Aufgaben werden immer größer, mit acht Vollzeitstellen können wir das gar nicht mehr schaffen", sagt er. Auch für ihn sind vor allem die Einsparpotentiale Gründe für den radikalen Schritt. "Etwa, weil nur noch ein Bürgermeister bezahlt werden muss." Außerdem würde das Land die Fusion mit einem Schuldenerlass von 6,25 Millionen Euro belohnen. Hinzu kämen weitere Fördermöglichkeiten über 3,8 Millionen Euro.

Die Contra-Argumente

Ein paar Befürchtungen und Nachteile gibt es jedoch auch. Die neue Gemeinde hätte 22 Ortsteile und wäre flächenmäßig äußerst groß. Es soll zwar weiterhin drei Verwaltungsstandorte geben, aber etwa zum Bürgermeistersitz - wahrscheinlich in Wetter - hätten es einige Menschen dann etwas weiter als bisher.

Die Bürgermeister berichten auch, dass manche Menschen Sorgen hätten, ihre Orte könnten in der großen Gemeinde untergehen oder ihre Identität verlieren.

Der Lahntaler Bürgermeister Manfred Apell (SPD) wirbt ebenfalls für die Fusion und hält sie für die beste Zukunftslösung. Er erlebt jedoch, dass es auch Vorbehalte bei Menschen in Lahntal gibt. Es werde befürchtet, dass die Gemeinde durch den Zusammenschluss möglicherweise am Ende finanziell schlechter dastehen könnte.

Apell erklärt: Lahntal sei die Kommune mit der geringsten Verschuldung und niedrigsten Grundsteuer unter den dreien. "Manche sagen jetzt, dass Lahntal doch eigentlich so erfolgreich ist und sorgen sich, die Schulden der anderen zu übernehmen." Das sei aber nicht automatisch der Fall. "Wenn in einer anderen Kommune zum Beispiel in ein Nahwärmenetz investiert worden ist, trägt dieses Netz auch weiter die Schulen." Aber solche Zusammenhänge seien häufig schwer zu vermitteln, so Apell.

Auf einige Bürgerinnen und Bürger würden durch die Fusion zudem ganz konkrete Arbeit und Kosten zukommen: Insgesamt gibt es in den Gemeinden nämlich 47 doppelt vorhandenen Straßen. Die müssten umbenannt werden. Die Anwohnerinnen und Anwohner sollen an der Namensfindung beteiligt werden.

Das würde sich beispielsweise ändern

  • Name der neuen Kommune (noch offen)
  • 47 Straßennamen
  • Einige Steuern und Gebühren, allen voran die Grundsteuer: Derzeit liegt die Grundsteuer B in Lahntal bei 420 Punkten, in Wetter bei 455 Punkten und in Münchhausen bei 630 Punkten. Die Bürgermeister wollen nach der Fusion eine Grundsteuer auf dem Niveau Lahntals erreichen. Daneben gibt es weitere, etwas weniger bedeutende kommunale Steuern und Gebühren, so wie die Hundesteuer oder die Friedhofsgebühren, die dann ebenfalls gemeinsam berechnet und angepasst werden müssen.
  • Parlament: Es wird nur noch eine Stadtverordnetenversammlung geben, mit dann 37 Stadtverordneten.
  • Verwaltung: Es sollen an den drei bisherigen Verwaltungssitzen Bürgerbüros mit den üblichen Bürgerdienstleistungen entstehen. Als Sitz des Bürgermeisters empfiehlt die Machbarkeitsstudie Wetter.
  • Feuerwehren: Auch sie sollen fusionieren. Es wird nur noch einen Stadtbrandinspektor geben.
  • Stadtrechte für alle: Wer in Münchhausen und Lahntal wohnt, würde dann wahrscheinlich ganz offiziell zum Stadtbewohner. Bisher hat nur Wetter Stadtrechte.

Das würde sich beispielsweise nicht ändern

  • Namen der 22 Ortsteile
  • Vorwahlen und Postleitzahlen
  • Ortsbeiräte
  • Partnerstädte
  • Kindergärten und Schulen
  • Standesämter
  • Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und Abfallentsorgung

So stehen die Chancen


Damit der Bürgerentscheid gültig ist, müssen am Sonntag mindestens 25 Prozent der Bürgerinnen und Bürger abstimmen. Wenn in allen drei Kommunen die Mehrheit zustimmt, soll die Fusion im Jahr 2023 erfolgen. Wenn nicht, wollen die Gemeinden ihre interkommunale Zusammenarbeit trotzdem intensivieren.

Das Ergebnis des Bürgerentscheids ist offen. Auch vorherige Fusionsprojekte gingen unterschiedlich aus. Nicht weit entfernt, im westlichen Kreis Marburg-Biedenkopf, platzte 2017 der geplante Zusammenschluss von Steffenberg und Angelburg. Während die Angelburger sich im Bürgerentscheid dafür entschieden, stimmten die Steffenberger mehrheitlich dagegen.

Im Odenwald hatte ein Bürgerentscheid 2016 dagegen Erfolg: Die vier Kommunen Beerfelden, Hesseneck, Rothenberg und Sensbachtal stimmten mehrheitlich für die Fusion zu Oberzent, die 2018 verwirklicht wurde. Der Name Oberzent war schon vorher eine regionale Bezeichnung für diesen südlichen Teil des hessischen Odenwaldkreises.

Übrigens rangiert derzeit Oberzent flächenmäßig an dritter Stelle in Hessen. Sollten die mittelhessischen Gemeinden tatsächlich fusionieren, würde die Stadt von diesem Platz verdrängt werden.

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