Vor 14 Jahren: Salome Saremi-Strogusch mit ihrem Bruder Fabian Salar.

Fabian Salar starb vor 13 Jahren im südhessischen Bensheim - weil er einem bedrängten Mädchen half. Seitdem kämpft seine Schwester für Zivilcourage und gegen Desinteresse - auch bei Stadt und Polizei. Nun ist sie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

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Audioseite Bundesverdienstkreuz für Bensheimerin Salome Saremi-Strogusch

Ministerin Lucia Puttrich verleiht Salome Saremi-Strogusch das Bundesverdienstkreuz.
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"Der Schmerz hört nie auf", sagt Salome Saremi-Strogusch. Sie habe nur gelernt, damit zu leben - und das seit nunmehr 13 Jahren. Es vergehe kein Tag, an dem sie nicht an ihren toten Bruder denkt. Fabian Salar starb am 25. Oktober 2008, weil er helfen wollte.

Doch aus dem Schmerz erwuchs Mut: Seit dem Tod ihres Bruders setzt sich die heute 46-Jährige unermüdlich für mehr Toleranz und Zivilcourage in der Gesellschaft ein. Dafür bekam sie jetzt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Weg dorthin war lang und nicht immer einfach.

Bewusstlos geprügelt und überfahren

Alles begann am 28. September 2008 in einer Diskothek in Bensheim (Bergstraße), als der 29 Jahre alte Fabian Salar einem Mädchen zu Hilfe kam, das auf der Tanzfläche von vier Männern bedrängt wurde. Auf seinem Heimweg passten die Täter Salar ab, schlugen und traten auf ihn ein.

"Zeugen haben mir gesagt, das sah aus wie bei einem Elfmeterschießen", beschreibt Saremi-Strogusch die Situation. Der schwer verletzte Salar verlor das Bewusstsein und blieb regungslos auf der Straße liegen. Dort wurde er von einem Taxi überfahren, der Fahrer hatte ihn nicht gesehen. Vier Wochen und zahlreiche Operationen später starb Salar im Krankenhaus.

Schwer, Gehör zu finden

Seitdem stellt sich seine Schwester immer wieder die selben quälenden Fragen: Warum kam ihm in der Nacht niemand zur Hilfe? Warum hat niemand Zivilcourage bewiesen? Jene Zivilcourage, die er selbst noch kurz zuvor an den Tag gelegt hatte. Auch die Zeit bis zum Tod ihres Bruders sei in vielerlei Hinsicht schmerzhaft gewesen: "Wir haben festgestellt, wie schwer es ist, als Opferfamilie Gehör zu finden", blickt die vierfache Mutter zurück.

Sie habe gemerkt, dass sich kaum jemand wirklich für den Fall ihres Bruders interessierte. Sie und ihre Familie fühlten sich im Stich gelassen. "Das war ein ganz furchtbares Erlebnis". Während sie das erzählt, wirkt Saremi-Strogusch angefasst, die Fassung verliert sie aber nicht.

Kritik an Ermittlungen der Polizei

Fassungslos habe sie dagegen die Arbeit der Polizei gemacht. Ihr wirft sie vor, lange gar nicht richtig ermittelt zu haben. Erst als klar wurde, dass ihr Bruder die Tatnacht nicht überleben würde, sei überhaupt erst die Rechtsmedizin eingeschaltet worden. Da hatte er bereits zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Sie selbst sei es gewesen, die zusammen mit Freunden ihres Bruders die richtigen Täter im Internet ausfindig gemacht habe – zunächst wurden die falschen verhaftet.

Beweismittel seien verschwunden, Zeugen hätten aus Angst geschwiegen - auch vor Gericht. Das habe sie schwer getroffen, sagt Saremi-Strogusch: "Vor Gericht war es für mich so, als würde ich meinen Bruder ein zweites Mal verlieren." Sie vermutet, das habe auch mit dem Migrationshintergrund ihres Bruders und ihrer Familie zu tun – ihr Vater kommt aus Persien. Die Jugendkammer des Landgerichts Darmstadt verurteilte drei der Täter 2009 zu Strafen bis zu sechs Jahren.

Aus tiefer Trauer und der Fassungslosigkeit über das Desinteresse am Fall ihres Bruders erwuchs in Saremi-Strogusch nach und nach der Entschluss, ihr Anliegen nach außen zu tragen. Zusammen mit Freunden und Gleichgesinnten gründete sie Anfang 2009 den Verein "Fabian Salars Erbe".

Mut als zentrales Element

"Wenn sich Zeugen nicht trauen zur Polizei zu gehen, weil sie Ängste haben, dass im Nachhinein etwas mit ihnen passiert, dann stimmt doch im System etwas nicht", sagt Saremi-Strogusch. Das habe man nach dem rechtsradikalen Anschlag in Hanau auch erleben können. Mit dem Verein wolle sie auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und Menschen trotz der Widerstände zu mehr Zivilcourage ermutigen. Das Motto des Vereins lautet "Mut ist gut".

Überhaupt ist Mut ein zentraler Begriff in Saremi-Stroguschs Leben. Auch ihr selbst mache die Arbeit in dem Verein, die Begegnungen und Gespräche mit anderen Hinterbliebenen – wie etwa Tugces Bruder - Mut. Mut heißt in diesem Fall auch, die Konfrontation und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schmerz nicht zu scheuen. "Das ist wie so eine kleine Courage-Familie, die sich gegenseitig unterstützt. Wir kennen den Schmerz."

"Wir wollen laut sein"

Dabei gehe es nicht nur um den Fall ihres Bruders. Gewiss sei der Verein für sie auch ein Stück weit Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung, doch ihr Anliegen ist weiter gefasst: Menschen sollen in allen Lebenslagen nicht wegschauen, wenn Ungerechtigkeiten passieren. Das können Gewalttaten sein, aber auch Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Extremismus. "Wir wollen zeigen wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen."

Dafür geht der Verein unter anderem in Schulen, bietet Workshops an, hält Vorträge oder organisiert den bundesweiten Tag der Zivilcourage, der jedes Jahr im September stattfindet. "Wir wollen laut sein und über Zivilcourage reden. Und zwar nicht immer nur dann, wenn etwas negatives passiert."

Keine Unterstützung aus der Heimat

Auch dazu gehört viel Mut, denn nicht überall stieß und stößt der Verein mit seiner Arbeit - vor allem mit der Kritik an Polizei und Ermittlungsbehörden - auf Wohlwollen. Einige Monate nach dem Tod Salars sei Saremi-Strogusch von einem Passanten am Tatort aufgefordert worden, ihr "Zeug zu packen und in die Türkei zu bringen". Noch einmal zur Erinnerung: Der Vater stammt aus Persien, die Familie hat keine Verbindung zur Türkei. Das war dem Passanten wohl egal. Mit dem "Zeug" meinte er eine provisorisch aufgestellte Gedenktafel.

Auch von Seiten der Lokalpolitik kam kein Rückhalt. "Gerade von meiner Heimatstadt Bensheim gab es wenig Zuspruch, die wollten die Sache eigentlich lieber schnell geklärt haben und dann zur Tagesordnung übergehen", erklärt Saremi-Strogusch. Weder finanziell noch in anderer Form habe die Stadt den Verein unterstützt, die Forderung nach einem Mahnmal lehnt sie bis heute ab. Frei nach dem Motto: Jetzt ist aber auch mal gut.

Bundesverdienstkreuz als "Motivationsschub"

Mutmacher für den Verein: Salome Saremi-Strogusch mit ihrem Bundesverdienstkreuz

Aber "Fabian Salars Erbe" ließ es nicht gut sein, kämpfte weiter um Gehör und Anerkennung. Mit Erfolg: Am 5. Oktober bekam Saremi-Strogusch in Wiesbaden das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz für Zivilcourage verliehen – die höchste Anerkennung, die der deutsche Staat zu bieten hat. Überreicht wurde ihr die Auszeichnung im Auftrag des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier durch Hessens Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Lucia Puttrich (CDU).  

"Als ich begriffen habe, was das bedeutet, ist mir erst einmal ein großer Stein vom Herzen gefallen", beschreibt Saremi-Strogusch den Moment, als sie von der Auszeichnung erfuhr. Für sie bedeutet das kleine rot-goldene Kreuz: "Wir werden wahrgenommen und es ist gut, was wir tun."

Die Auszeichnung mache sie stolz und sei ein "großer Motivationsschub" für den Verein. Denn sie mache Mut, weiter mit dem Schmerz zu leben, Widerstände zu überwinden und das Erbe des Bruders in die Welt zu tragen.

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