Der angehende Buschpilot Jan Klassen.

Sie gehen extreme Risiken ein, um anderen zu helfen: Die Piloten der Hilfsorganisation MAF fliegen mit Kleinflugzeugen in quasi unerreichbare Gebiete auf der ganzen Welt. In Marburg trafen sich die angehenden "Buschpiloten" zum Training.

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Jan Klassen fliegt ins Ungewisse. Der 25-Jährige aus Worms bereitet sich momentan auf einen mehrjährigen Einsatz in einem Entwicklungsland vor. Wohin es geht, weiß er noch nicht. Es könnte nach Afrika gehen, vielleicht auch nach Mikronesien. Aber er weiß: Er will da Passagiere befördern, wo fliegen besonders notwendig, aber auch besonders gefährlich ist.

Klassen ist einer von neun angehenden sogenannten "Buschpiloten", die am Wochenende an einem Trainingscamp der christlichen Hilfsorganisation MAF auf dem Schönstädter Flugplatz bei Marburg teilnahmen. MAF steht für "Mission Aviation Fellowship". Seit über 70 Jahren arbeitet die Organisation in Entwicklungsländern als Transportdienstleister für Partnerorganisationen wie die Christoffel-Blindenmission, Ärzte ohne Grenzen oder die UN. Mit insgesamt 135 Kleinflugzeugen transportieren die Piloten Hilfsgüter zu abgeschnittenen Dörfern in Katastrophengebieten wie Haiti oder Bangladesch. Oder sie fliegen Ärzte tief in den Dschungel hinein oder bringen Entwicklungshelfer in isolierte Bergdörfer.

Erst kürzlich habe er den Friedensnobelpreisträger und kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege auf dem Kirchentag getroffen, erzählt MAF-Sprecher Peter Schmidt. "MAF - mein Taxi!", habe der beim Anblick der Cessna gesagt, die dort aufgebaut war. Die Organisation macht mit Ärzten manchmal auch sogenannte Ärztesafaris, erklärt Schmidt: "Wir bringen sie dann innerhalb von einer Woche zu mehreren Krankenhäusern. Statt drei Tage lang mit dem Jeep fahren zu müssen, fliegen sie mit uns dann in einer Stunde zum nächsten Krankenhaus."

Neben der Landebahn geht es ein paar hundert Meter steil bergab

Die Arbeit als Buschpilot ist nicht ungefährlich, erzählt Klassen. "Wir haben extrem kurze Pisten und keinen Asphalt." Manchmal könne es auch vorkommen, dass kurz vor der Landung Tiere oder Menschen auf die Piste laufen oder dass Metallteile auf der Bahn liegen. "Es gibt keinen Tower, oft auch keinen Radar. Wir müssen deshalb vorher die Piste ganz tief abfliegen und uns die Gegend genau anschauen," sagt er. Es gebe viele unkalkulierbare Risiken, sagt Klassen, aber auch viele kalkulierbare. "Und wenn man entsprechend damit umgeht und nicht einfach nur ein Draufgänger oder Luftcowboy ist, dann kann man auch die Risiken minimieren."

Vor ihrem Einsatz müssen die Piloten mindestens 500 Stunden Flugerfahrung vorweisen und in mehreren "Flight Camps" für die ungewönlichen Flugsituationen im Ausland trainieren. Den Flugplatz in Schönstadt bei Marburg hat sich die Organisation für eins dieser Camps ausgesucht, weil die Piste nicht asphaltiert ist und relativ steil ist. Aber wie Peter Schmidt erklärt, ist das nichts, verglichen mit dem, was die Piloten im Einsatz erwarten könnte: "Zum Beispiel in Papua-Neuguina haben wir teilweise Landebahnen auf Hochplateaus. Rechts und links neben der Landepiste gibt es da vielleicht noch ein, zwei Meter und dann geht es steil ein paar hundert Meter runter. Und am Ende der Landebahn ist vorne ein Berg."

MAF-Sprecher Peter Schmidt

Radikalwendungen, um Felsen auszuweichen

Im Training sollen die angehenden Buschpiloten möglichst nah an den Ernstfall herangeführt werden: In Schönstadt zelten sie deshalb drei Tage lang direkt neben der Flugpiste. Mit einmotorigen Kleinflugzeugen wie der Cessna 172 üben sie, wie sie auf einer Strecke von nur 400 Metern starten und landen können oder wie sie im Notfall Radikalwendungen vollziehen können, falls vor ihnen ein Fels auftaucht.

"Wir schicken sie auch zu unbekannten kleinen Flugplätzen hier in der Gegend", erklärt Flugtrainer Stefan Hageneier, der selbst zehn Jahre lang Buschpilot im Südsudan und in Kenia war. "Die Kandidaten bekommen von uns vorher keine Informationen zur Bahn: Wie lang sie ist, wie sie beschaffen ist. In Begleitung eines Fluglehrers müssen sie sich diese Daten quasi erfliegen und selbst eine Entscheidung treffen, ob eine Landung sicher ist oder nicht." Viele Segelflugplätze seien zum Beispiel zu kurz für die Maschinen. "Wenn dann eine Fehlentscheidung getroffen wird, geht der Lehrer dazwischen. Am Ende wird dann darüber gesprochen, wo man sich geirrt hat." Dadurch sollen die Entscheidungsfindung und selbstkritisches Verhalten trainiert werden, erklärt Hageneier.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Angehende "Buschpiloten" trainieren in Marburg

Mit kleinen Fliegern sollen die künftigen Piloten schwer erreichbare Ziele auf der Welt anfliegen.
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Alleine in Papua-Neuguinea über 20 Buschpiloten verunglückt

Fliegen unter derart extremen Bedingungen - dabei riskieren die Piloten auch ihr Leben, räumt Sprecher Schmidt ein. Allein im besonders unwegsamen Papua-Neuguinea seien in der 70-Jährigen MAF-Geschichte schon über 20 Piloten verunglückt. "Aber wir dürfen sagen, dass wir seit 13 Jahren unfallfrei fliegen - und das bei 69.000 Flügen pro Jahr." Um diesen gefährlichen Job zu machen, suchen sich die Piloten sogar selbst Spenden für ihr Gehalt. Meistens seien es Verwandte, Freunde oder Menschen aus der Kirche, die die Buschpiloten unterstützen, so Schmidt. "Die Piloten machen das aus Nächstenliebe. Das ist nicht nur Abenteuerlust." Die Piloten seien so gut ausgebildet, dass sie jederzeit für eine normale Fluglinie arbeiten und viel Geld verdienen könnten. "Die machen das aus einem christlichem Hintergrund. Und das ist: den Leuten Hilfe, Hoffnung und Heilung zu bringen."

Auch der angehende Buschpilot Jan geht nicht aus reiner Abenteuerlust, sein Glaube spiele eine große Rolle in der Entscheidung, erzählt er. Er sei außerdem frisch gebackener Vater. Seine Frau und seine kleine Tochter nehme er mit in sein künftiges Einsatzland. "Vor jedem Flug bete ich kurz", sagt er, "dass ich mich konzentrieren kann, keine Fehler mache und sicher lande." Aber um den Passagieren keine Angst zu machen, mache er das meistens so, dass die es nicht mitbekommen.

Sendung: maintower, hr-fernsehen, 01.07.2019, 18 Uhr