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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Cave-Syndrom: Angst vor der Rückkehr ins Leben

Symboldbild für Cave-Syndrom

Nach den Monaten im Corona-Lockdown fällt manchen der Weg in die zurückgewonnene Freiheit schwer. Amerikanische Wissenschaftler sprechen von einem neuen Syndrom. Ein Frankfurter Psychologe beschwichtigt.

Eigentlich könnte Emily diesen Sommer so richtig genießen. Richtig entspannt geht die 20-Jährige trotzdem noch nicht durch ihren Alltag. Die Schülerin ist vorsichtig, meidet große Menschenansammlungen und achtet wegen der Corona-Pandemie darauf, Abstand und Maske tragen.

"Angst habe ich noch vor allem vor der Delta-Variante", sagt die Frankfurterin. Sie treffe zwar einzelne Freunde, gehe aber in keine Bars. Das Aufeinandertreffen mit sehr vielen Menschen fühlt sich für die 20-Jährige immer noch nicht normal an.

Unsicher trotz doppelter Impfung

Auch Florence Williams aus Frankfurt kann ihren Alltag nur mit Vorsicht genießen. Seit wenigen Tagen ist die 61-Jährige doppelt geimpft. "Trotzdem fühle ich mich damit noch nicht sicherer", sagt die Frührentnerin. Sie trage fast überfall noch Maske, auch da, wo keine Maskenpflicht mehr gilt.

Volle Bahnen und Busse lässt Florence an sich vorbei fahren, die meisten Erledigungen macht sie mit dem Rad. "Die Gastronomie lasse ich in diesem Sommer komplett ausfallen", meint sie. Das sei ihr nach wie vor alles zu gefährlich.

Cave-Syndrom: Lieber daheim bleiben

So wie Florence Williams und Emily scheint es gerade vielen Menschen zu gehen. Nach Monaten des Rückzugs mit nur sehr wenigen sozialen Kontakten fällt manchen das soziale Miteinander schwer.

Das hat eine Umfrage der Amerikanischen Gesellschaft für Psychologie ergeben. In dieser gaben 49 Prozent der Befragten an, dass sie sich unwohl fühlen, wenn sie an das Ende der Pandemie und soziale Kontakte denken. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezeichneten das Phänomen als: "Cave-Syndrom". "Cave" heißt Höhle und soll bedeuteten, dass Menschen lieber zu Hause bleiben, statt vor die Tür zu gehen.

Cave-Syndrom nicht unbedingt krankhaft

Dass der Weg in die neue Normalität vielen anfangs nicht leicht fällt, sei per se nicht krankhaft, entwarnt Psychologe Ulrich Stangier, der die Abteilung der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität leitet. Das Cave-Syndrom bedeute in erster Linie "ein Gewöhnungseffekt, eine natürliche Anpassungsreaktion auf Veränderungen in der Lebenssituation."

Nachdem Menschen während der Pandemie lernen mussten, ihre Kontakte zu reduzieren, folgt laut Stangier jetzt der umgekehrte Prozess: "Wir lernen ein Stück weit von vorne wieder Kontakte und Aktivitäten mit anderen aufzunehmen."

Professor Ulrich Stangier

Gewöhnungseffekt oder soziale Angststörung?

Die Umfrageergebnisse der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft sprechen laut Stangier für ein verbreitetes Entfremdungs-Gefühl in sozialen Situationen, das Menschen hemmt und verunsichert.

Anders als bei dem "Long Covid Syndrom", das mit dauerhaften körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen einhergeht, sieht der Psychologe im "Cave-Syndrom" aber kein Problem, das in größerem Umfang einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf. Stangier geht davon aus, dass es sich bei dem Syndrom um ein vorübergehendes Phänomen handelt und nur einige wenige der Befragten wirklich an einer sozialen Angststörung leidet.

Psychisch Vorbelastete besonders betroffen

"Trotzdem kann sich das Syndrom in Form einer sozialen Angststörung zeigen", sagt der Psychologe. Vor allem bei Menschen, die bereits vor der Pandemie mit soziale Angststörungen oder Depressionen lebten.

Wenn man sich zum Beispiel dauerhaft isoliert, weil man mit sozialen Kontakten nicht mehr umgehen kann und unter Angstgefühlen und Scham leidet, dann würde man dies als pathologisch betrachten. Laut Stangier werden bei diesen Menschen die monatelange soziale Isolation Folgen haben - und eine psychotherapeutische Unterstützung notwendig machen.

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Corona-Krisentelefon

📞 Das Zentrum für Psychotherapie der Uni Frankfurt bietet eine anonyme und kostenlose telefonische Beratung für Menschen an, die Sorgen und Ängste rund um das Coronavirus haben. Die Hotline ist montags, dienstags, donnerstags und freitags von 10 - 13 Uhr erreichbar: Tel.: 069-798 23849

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