Jeden Tag kommen in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung hunderte Geflüchtete aus der Ukraine an. Nun gibt es Kritik an chaotischen Zuständen, mangelhafter Versorgung und schlechter Kommunikation.

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Kritik an Zuständen in der Erstaufnahmeeinrichtung

Menschen in einer Halle mit Plastikstühlen
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Kristina* hat den Überblick verloren. In wie vielen Bussen saß sie eigentlich in der letzten Woche? In wie vielen unterschiedlichen Betten und auf wie vielen Stühlen hat sie geschlafen? Und: Wo ist sie gerade überhaupt? Offenbar in einer ehemaligen US-Kaserne. Nun soll es weiter gehen, in den Landkreis Bergstraße. Den genauen Zielort kennt sie nicht. "Wir stehen gerade im Regen und warten wieder auf einen Bus", sagt sie.

Vor einer Woche kam die 37-Jährige aus Charkiv mit ihrer Mutter in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (EAEH) in Gießen an - als eine von täglich bis zu 600 Geflüchteten aus der Ukraine. Eigentlich sollen die Geflüchteten dort nur registriert und innerhalb von 72 Stunden einer Kommune zugewiesen werden. Doch die Odyssee von Kristina und ihrer Mutter dauert schon jetzt sehr viel länger.

Zwei Tage und Nächte im Wartebereich

Der Weg der Frauen beginnt vor rund vier Wochen. Kristina und ihre Mutter fliehen aus ihrer inzwischen zerbombten Heimatstadt mit dem Zug nach Berlin und kommen bei einer Gastfamilie unter. Als sie sich im Ankunftszentrum Berlin-Tegel melden, werden sie in einen Bus nach Hessen gesetzt. Es geht nach Gießen. Dort angekommen, müssen sie im Anmeldebereich der EAEH warten. Zwei Tage und zwei Nächte harren sie dort aus, wie Kristina berichtet.

"Die Menschen schlafen hier auf Stühlen", sagt sie. Sie hätten Hunger gehabt, es habe nur Obst und Brot gegeben. Der Wartebereich sei völlig überfüllt gewesen. "Meine Mutter weinte die ganze Zeit", sagt sie.

Nach der Registrierung werden sie in ein Zimmer der Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Kristina hat die Toilette und die Kakerlaken an den Wänden fotografiert. "Alles ist so dreckig, wir schlafen lieber noch mal auf Stühlen als in diesem Bett", sagt sie.

Bild einer Toilette mit brauner Toilettenbrille

Am nächsten Tag geht es mit dem Bus weiter. Sie erreichen die Notunterkunft der EAEH in Nidda (Wetterau). Sie bekommen Feldbetten zugewiesen, schlafen in einer Turnhalle mit rund 300 Menschen. "Es gab schon die ersten Coronafälle", sagt Kristina. Sie sorgt sich um ihre Mutter, die schon über 60 ist.

Nach drei Tagen in der Turnhalle kommt wieder ein Bus, der sie in die ehemalige US-Kaserne bringt. Möglicherweise sind sie erneut in Gießen, denn die EAEH befindet sich auf einem früheren Militärgelände. Aber die Frauen wissen es nicht. Von dort soll es nun irgendwo an die Bergstraße gehen. Mal sehen.

Ex-Mitarbeiter: "Konnte die Zustände nicht mehr mittragen"

Es sind nicht die ersten Berichte dieser Art. An den hr haben sich in letzter Zeit mehrfach Menschen gewandt und chaotische Zustände in der EAEH kritisiert. Auch ein ehemaliger Mitarbeiter der Erstaufnahmeeinrichtung bestätigt: In der Einrichtung fehle an vielen Stellen Personal, viele der Mitarbeitenden seien überarbeitet, die Stimmung sei allgemein aufgeheizt.

Auch vor dem Ukraine-Krieg sei die Situation schon schwierig gewesen, nun spitze sie sich noch mal zu. Er selbst habe vor wenigen Tagen seinen Job im medizinischen Dienst der Einrichtung gekündigt: "Ich konnte die Zustände dort nicht mehr mittragen", sagt er.

Erstaufnahmeeinrichtung weist Kritik zurück

Die Einrichtung weist die Kritik von sich. Man sei derzeit stark gefordert, aber komme den Aufgaben gut nach, heißt es vonseiten des zuständigen Regierungspräsidiums (RP) in Gießen. Wie viele Menschen aus der Ukraine bislang insgesamt nach Hessen gekommen sind, ist unklar.

Mitte März hatte Dezernatsleiterin Andrea Kaup der hessenschau gesagt: Man sei krisenerprobt und habe keine Bedenken, auch über einen längeren Zeitraum weiter gut mit der Situation umgehen zu können. Damals sagte sie: "Das Ziel ist, dass die Geflüchteten aus der Ukraine maximal 72 Stunden in der Einrichtung verbringen und dann schnell in die Landkreise und Kommunen zugewiesen werden."

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Erstaufnahme der Geflüchteten in Gießen

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Angesichts der aktuellen Vorwürfe räumt das RP schriftlich ein: "Durch den derzeitigen starken Zugang von Geflüchteten aus der Ukraine kann es bei der Aufnahme verständlicherweise auch zu Wartezeiten kommen." Ob das möglicherweise auch Tage dauern könne, beantwortete das RP nicht direkt. Man würde die Wartenden mit Brot, Obst, Tee und Wasser versorgen. Nach der Registrierung erfolge dann die Zuweisung in die Kommunen dann innerhalb weniger Tage, heißt es.

Flüchtlingsrat nicht überrascht

Stefanie Aehnelt, die Berliner Gastgeberin der beiden Frauen, hat sich inzwischen an den Hessischen Flüchtlingsrat gewandt. Sie sei schockiert über diese in ihren Augen nicht nachvollziehbare Odyssee und die Zustände in der EAEH. Sie habe gehofft, dass die Frauen Hilfe von den Behörden bekommen, sagt Aehnelt. "Aber dass das so läuft, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können."

Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat überraschen die aktuellen Berichte nicht. Er höre derzeit zahlreiche ähnliche Geschichten. "Das ist aktuell ein sehr typischer Weg von Menschen aus der Ukraine", sagt er. Geschuldet sei dies hauptsächlich dem komplexen System der Verteilung von Geflüchteten, erst innerhalb Deutschlands und dann noch mal innerhalb Hessens.

Blaue Containerhallen mit Menschen

Scherenberg sagt: Er habe durchaus Verständnis, dass dies für die Behörden gerade eine Ausnahmesituation sei, in der es auch mal chaotisch zugehen könne. Aber es dürfe nicht sein, dass Menschen irgendwo mehr als 24 Stunden auf ein Bett warten müssten.

"Menschen müssen wissen, was mit ihnen passiert"

Ziel müsse zudem sein, stressige Wege und unnötige Zwischenstationen zu ersparen. Die Geflüchteten seien oft schon seit Tagen oder Wochen unterwegs. Es sei deshalb sehr gut, dass in Frankfurt jetzt ein Team der EAEH direkt vor Ort sei. Außerdem betont Scherenberg: Es sei essentiell, dass die Menschen wissen, was mit ihnen passiert. "Das führt sonst zu einer hohe Quote an Menschen, die dann gar nicht da bleiben, wohin sie am Ende zugewiesen werden."

Bild auf eine Halle mit Hochbetten und Bauzäunen

Eine bessere Kommunikation hätte sich auch Kristina gewünscht. Ob die Bergstraße die letzte Station in ihrer Odyssee sein wird, wird sich in den kommenden Tagen herausstellen. Sie sind dort zunächst in eine Turnhallen-Notunterkunft gebracht worden.

Die Fraktion der Linken im Landtag stellt derweil das Konzept einer zentralen Erstaufnahme-Einrichtung an sich in Frage. "Mit der Ausweitung der allgemeinen Wohnpflicht für Asylsuchende auf bis zu 18 Monate hat man sie zu einem komplexen Apparat aufgebläht, der in Krisenzeiten kaum allen Ansprüchen gerecht werden kann", erklärte Saadet Sönmez, migrations- und integrationspolitische Sprecherin der Fraktion. Stattdessen hätte die Landespolitik auf eine dezentrale Unterbringung setzen sollen.

*Name auf Wunsch redaktionell geändert

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