Zwei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Auf den Intensivstationen liegen immer mehr Covid-19-Kranke. Noch gehe es ohne Triage, sagt der Chef der Hessischen Krankenhausgesellschaft im Interview. Doch die Landespolitik tue zu wenig, um die Kliniken und ihr Personal zu entlasten.

90 Prozent der Intensivbetten in den hessischen Krankenhäusern seien derzeit belegt, sagte Sozialminister Kai Klose (Grüne) vor wenigen Tagen. Damit sei man gefährlich nah an der Leistungsgrenze, bestätigt der Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Christian Höftberger. Er appelliert an die Landesregierung, zu einem bewährten Vorgehen aus der ersten Corona-Welle im Frühjahr zurückzukehren und alle Kliniken in die Versorgung von Covid-Kranken einzubeziehen.

hessenschau.de: Herr Höftberger, in Regionen wie der Oberlausitz macht wieder das schreckliche Wort der Triage die Runde. Wird in hessischen Kliniken auch schon diskutiert, wer demnächst noch einen Beatmungsplatz erhält und wer nicht?

Christian Höftberger: Derartige Fälle kenne ich nicht. Wir haben zurzeit noch Ressourcen, die wir nutzen können, bevor so etwas wie eine Triage notwendig wird.

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„Zu guter Letzt bleibt das Personal die limitierende Ressource.“
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hessenschau.de: Gesundheitsminister Klose, Ärzte und Pfleger schlagen seit Tagen Alarm: Die Kliniken seien am Limit.

Höftberger: Die Situation ist in der Tat äußerst angespannt. Jetzt schlägt die schon länger steigende Zahl an Neuinfektionen in den Kliniken voll durch. Wir sehen ja bei uns auf den Stationen die Entwicklung des Ansteckungsgeschehens immer mit einigen Wochen Verspätung. Und uns beschäftigt nicht nur die Zunahme an Covid-19-Fällen. Die typischen Wintererkrankungen wie die Grippe kommen noch dazu. Das trifft auch unser Personal.

hessenschau.de: Während der ersten Welle ging vor allem die Furcht vor einem Mangel an Beatmungsgeräten um. Ist das zu Recht keine Sorge mehr? Inzwischen steht der Personalmangel im Fokus.

Höftberger: Fehlendes Personal ist mit Abstand unser drängendstes Problem. Das zieht sich bundesweit und trägerübergreifend schon seit Jahren so hin. Die Beatmungsplätze selbst scheinen mir nicht knapp zu werden.

Aber die Geräte alleine sind nicht einmal die halbe Miete. Es kommt vornehmlich auf die geschulten Mitarbeiter an. Wir alle haben uns seit dem Frühjahr bemüht, haben zusätzliches Personal geschult. Aber zu guter Letzt bleibt das Personal die limitierende Ressource.

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Chef eines Verbands mit 150 Kliniken

hristian Höftberger, Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft

Christian Höftberger ist Vorstandschef des Krankenhauskonzerns Rhön-Klinikum AG. Als Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) steht er an der Spitze eines Verbandes, dem mehr als 150 Kliniken angehören. Die rund 70.000 Beschäftigten in diesen Häusern behandeln nach Angaben der HKG jährlich mehr als 1,3 Millionen Patienten stationär.

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hessenschau.de: Ärzte und Pfleger sind nicht nur im extremen Dauerstress, sie können sich selbst anstecken. Fallen deshalb zurzeit viele aus?

Höftberger: Wir haben Ausfälle. Die Verteilung der Corona-positiven Menschen ist nach meinem Kenntnistand aber in den Kliniken nicht höher als in der übrigen Bevölkerung. Deutlich mehr als Infizierte gibt es aber Mitarbeiter, die als Kontaktpersonen in Quarantäne müssen. Das belastet uns zusätzlich.

Unsere Mitarbeiter sind im Umgang mit Ansteckung und Krankheit geschult. Das Ansteckungsrisiko für Patienten in den Kliniken ist gering. Anders als ganz am Anfang der Pandemie verfügen wir auch über ausreichend Schutzausrüstung, auch bei den FFP2-Masken.

hessenschau.de: Rein zahlenmäßig könnte man als Laie denken, bei aktuell 87 Prozent an belegten Intensivbetten und rund 200 freien Beatmungsbetten ist in Hessen noch ein wenig Luft.

Höftberger: Das ist schon eine Belegung, die zu außerordentlichen Belastungen führt. Und Sie müssen bedenken: Das Divi-Register, das Sie erwähnen, gibt immer nur eine tägliche Momentaufnahme der betriebsbereiten Betten an. Das kann sich rasch ändern. Wir haben zum Beispiel eine weitaus größere Zahl an Erkrankten, die nicht intensivpflichtig sind. Wenn sich deren Zustand verschlechtert, was nicht selten und mit Verzögerung geschieht, müssen diese Menschen auf Intensivstationen verlegt werden.

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„Das Ansteckungsrisiko für Patienten in Kliniken ist gering.“
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hessenschau.de: Dort liegen die Covid-19-Kranken oft wochenlang.

Höftberger: Und wir wissen eben, dass die aktuell immer noch steigenden Infektionszahlen mit zeitlichem Verzug zusätzlichen Druck auf die Intensivstationen nach sich ziehen werden. Das dafür benötigte Personal müssen wir aus anderen Bereichen der Kliniken hinzuziehen, um freie Betten auch wirklich belegen zu können.

Das ist grundsätzlich möglich, die Politik muss dazu nur die Weichen stellen. Dazu ist sie auch dringend aufgefordert. Angesichts der hohen Infektionszahlen müssen wir alle verfügbaren Kräfte nutzen, um die Pandemie zu bekämpfen. Während der ersten Welle hat die Politik dafür den Weg frei gemacht. Das ist jetzt nicht so.

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„Die Behandlung von Covid-Patienten ist aufwendig, aber nicht komplex. Jede Klinik kann das.“
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hessenschau.de: Was könnte die Politik auf die Schnelle tun?

Höftberger: Wir müssten alle Häuser, auch die kleinen, mehr einbeziehen. Und zwar in die Versorgung von Corona-Patienten und in den Rettungsschirm. Aktuell sind hier in Hessen nicht alle Kliniken für die Corona-Bekämpfung vorgesehen. Das führt zu Situationen einer drohenden Überlastung.

Die Behandlung von Covid-Patienten ist aufwendig, aber nicht komplex. Sie kann von jeder Klinik, die über Intensivbetten verfügt, adäquat vorgenommen werden, und das sollten wir nutzen. Wir brauchen die Zusammenarbeit und die Lastenverteilung unter den Kliniken. Alle Kliniken, die Covid-Patienten betreuen können, müssen gefordert werden und auch gleichbehandelt werden, was die Übernahme ihrer Vorhaltekoste betrifft.

hessenschau.de: Leidet die Versorgung anderer Patienten schon?

Höftberger: Nein. Und damit das auch so bleibt, müssen wir erst recht alle Krankenhäuser in die Versorgung einbinden und Lasten gleichmäßig verteilen. Wir müssen vor dem Hintergrund der exorbitant hohen Fallzahlen stärker zurück zu dem Maßnahmenpaket, das die Bundesregierung in der ersten Welle für die Kliniken vorgesehen hatte. Vom "Whatever it takes", wie von der Bundespolitik versprochen, sind wir aktuell weiter weg als während der ersten Welle. Dabei wäre es jetzt nötiger.

hessenschau.de: Vom Evangelischen Krankenhaus in Gießen liest man beispielsweise, dass von sechs OP-Sälen gerade noch zwei geöffnet sind. Man kann sich kaum vorstellen, dass darunter Patienten nicht leiden.

Höftberger: Auch in den zwei Operationssälen wird man die dringlich notwendigen Eingriffe vornehmen können, bei Bedarf mit Hilfe einer dichteren Taktung und verlängerten Betriebszeiten. Bei einer angespannten Lage in einer Region ist das nun einmal die einzige Möglichkeit, den Patienten das für die Intensivpflege zusätzlich benötigte Personal zukommen zu lassen. Wir sind gut beraten, den Ärzten bei der Entscheidung zu vertrauen, welche Operationen dringlich sind und welche nicht.

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„Niemand sollte die Möglichkeiten der Lockerung über die Festtage ausnutzen. Das wäre kein gutes Weihnachtsgeschenk für unser Personal.“
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hessenschau.de: Seit Mittwoch gilt der harte Lockdown, der den Kollaps des Gesundheitssystems verhindern soll. Wie lange wird es dauern, bis eine Wirkung in den Kliniken ankommt?

Höftberger: Das ist wie bei der steigenden Zahl von Infektionen: Auch ein positiver Effekt wird sich mit einer Verspätung von zwei bis drei Wochen auf uns auswirken. Erst einmal steigen die Patientenzahlen noch. Wir sehen auch noch kein Plateau. Bis Anfang des Jahres sollten sich eine Stabilisierung und dann auch ein Rückgang der Fälle auf unseren Stationen zeigen. Das ist unsere Hoffnung.

hessenschau.de: Vielleicht sind die Lockerungen an Weihnachten aber schädlich. Das würde den Klinikbeschäftigten dann ab der zweiten Januarwoche einen Anstieg der schwere Krankheitsfälle bescheren.

Höftberger: Hoffentlich nicht. Ich setze darauf, dass jeder verstanden hat, wie notwendig die Regeln sind. "Flatten the curve" und "Stay at home" - das sind wieder die Gebote der Stunde.

Wir alle in den Kliniken können nur wie die Politik appellieren, die Kontakte auch über Weihnachten auf ein Minimum zu reduzieren und die Möglichkeiten der Lockerung nicht auszureizen. Wenn die Festtage in der ernsten Lage noch zu vielen zusätzlichen Infektionen führten, wäre das für das Klinikpersonal und die betroffenen Familien nun wirklich kein gutes Weihnachtsgeschenk.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.