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Verletzte aus der Ukraine in Marburg

Die Behandlung klappt, doch bei der Reha stockt es: Im Interview spricht der Chirurg Steffen Ruchholtz vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg über ukrainische Kriegsverletzte in Hessen und die Grenzen ihrer Versorgung.

Seit April wurden rund 30 ukrainische Kriegsverletzte in hessischen Kliniken behandelt, vier davon im Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM). Steffen Ruchholtz ist als geschäftsführender Direktor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie für ihre Versorgung verantwortlich.

hessenschau.de: Herr Ruchholtz, welche Verletzungen sehen Sie bei den ukrainischen Patienten, die Sie behandeln?

Steffen Ruchholtz: Das sind ganz ungewöhnliche Verletzungen, die wir hier sonst zum Glück nicht oder nur ganz selten sehen. Diese Verletzungen sind durch Bombenexplosionen entstanden, bei denen es zum Eindringen von Splittern und zu schweren offenen Verletzungen der Extremitäten gekommen ist.

hessenschau.de: Hätten Sie ein Beispiel?

Ruchholtz: Es sind ganz unterschiedliche Verletzungskonstellationen. Ein Patient beispielsweise kam mit einem abgerissenen Oberarm zu uns. Der war aber schon sehr gut in der Ukraine versorgt worden. Er hatte also einen kurzen Stumpf, und an den musste eine Prothese angepasst werden.

Bei einem anderen Patienten war die Schulter durch einen Granatsplitter zerstört worden. Es war eine offene Verletzung. Der kam mit einem sogenannten Fixateur externe, seine Schulter war also über eine Haltevorrichtung ruhiggestellt. Seine Haut war schon gut durch Chirurgen in der Ukraine verschlossen worden, aber das Schultergelenk darunter war vollkommen zerstört. Ihm haben wir nach Abheilen der Wunden ein künstliches Schultergelenk eingesetzt.

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„Die Zerstörung des Knochens oder der Gelenke - die sehen wir in unterschiedlichen Konstellationen auch bei schweren Verkehrsunfällen. Eine solche Versorgung ist für ein Universtätsklinikum nichts Ungewöhnliches.“
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Er hatte außerdem einen offenen Bruch am Unterschenkel, der erst einmal mit einem äußeren Spanner vorsorgt worden war. Nachdem sich die Wunde bei uns verschlossen hatte, haben wir ihm einen Marknagel eingesetzt. Er konnte dann relativ zügig entlassen werden.

hessenschau.de: Gab es Situationen, in denen Sie an Ihre Grenzen kamen?

Ruchholtz: Bei den vier Fällen, die wir bislang behandeln mussten, gab es keine solche Situation. Diese Weichteilverletzungen, die Zerstörung des Gewebes, die durch Explosionen entstehen, die sind schon ungewöhnlich und müssen sehr vorsichtig auch plastisch-chirurgisch behandelt werden.

Die Zerstörung des Knochens oder der Gelenke - die sehen wir in unterschiedlichen Konstellationen natürlich auch bei schweren Verkehrsunfällen. Die Möglichkeiten, solche Verletzungen mit Platten, Gelenken oder mit Marknägeln zu rekonstruieren, die haben wir. Eine solche Versorgung ist für ein Universtätsklinikum nichts Ungewöhnliches. Und die Erstversorgung dieser Patienten in der Ukraine war nach dem aktuellen Standard erfolgt.

hessenschau.de: Wie geht es mit den Patienten dann weiter?

Ruchholtz: Das ist das große Problem nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Kliniken oder regionalen Traumazentren, die sich mit diesen Patienten beschäftigen. Die Akutversorgung dauert oft gar nicht mal so lange. Es kann sein, dass das Problem schon nach zwei, drei Wochen behoben ist. Dann müsste der Patient eigentlich in eine Rehabilitationseinrichtung weiterverlegt werden. Eine entsprechende Einrichtung zu finden, ist aber meistens sehr schwierig.

hessenschau.de: Warum?

Ruchholtz: Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen haben diese Patienten oft Besiedelungen mit ungewöhnlichen Keimen, vor denen Rehabilitationskliniken Angst haben. Sie wollen nicht, dass diese sich dort verbreiten. Zum anderen sind diese Einrichtungen zum Teil noch sehr stark belastet durch erneute Covid-Ausbrüche.

Außerdem ist häufig nicht geklärt, wer die Kosten übernimmt. Und solange das nicht geklärt ist, findet keine Übernahme statt. Wir haben tatsächlich gerade einen Patienten, der seit zweieinhalb Monaten bei uns ist. Er ist ausbehandelt und wartet darauf, in eine entsprechende Einrichtung zu gehen.

hessenschau.de: Weil niemand die Kosten tragen will?

Ruchholtz: Es ist ein 22-jähriger Soldat, der querschnittsgelähmt ist. Ein Splitter ist ihm durch den Kopf, durchs Gehirn gegangen. Die Wunde ist sehr gut verheilt, er ist kommunikationsfähig, braucht aber dringend eine neurologische Reha, eine Spezialrehabilitation. Aber sein Fall ist komplex, das muss man fairerweise sagen, denn er hat eine Begleitperson, seine Mutter.

hessenschau.de: Das müssen Sie erklären.

Ruchholtz: Es geht also auch darum: Was macht man mit der Begleitperson? Wer kümmert sich um die Kosten? Das ist im Augenblick ein Hin und Her, das noch nicht gelöst ist. Vielleicht schaffen wir es, ihn Ende des Monats gemeinsam mit seiner Mutter zu verlegen. Bislang gibt es aber keine private Versorgung, in der die Mutter betreut werden könnte. Man bräuchte zwei Plätze oder die Möglichkeit, die Mutter in einem nahegelegenen Hotel unterzubringen.

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„Diese Patienten tragen oft ungewöhnliche Keime, vor denen Rehabilitationskliniken Angst haben. Sie wollen nicht, dass diese sich dort verbreiten, und sind zum Teil noch sehr stark belastet durch Covid-Ausbrüche.“
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Bei dem Sohn war ein weiteres Problem, dass er tatsächlich eine Besiedlung der Haut mit einem resistenten Keim hatte. Das kommt oft vor bei Kriegsverletzten. Durch Vorbehandlungen mit mehreren hochdosierten Antibiotika haben sie eine Besiedlung oder sogar Infektionen mit resistenten Bakterien, die man ungern in der Klinik oder in der Reha hat. Wir hatten ihn deswegen anfangs isoliert, konnten das aber dann aufheben.

hessenschau.de: Wie ist die Finanzierung der Gesundheitskosten grundsätzlich geregelt?

Ruchholtz: Die Finanzierung geht nach meinem Kenntnisstand über das Sozialamt. Die Menschen müssen hier als Asylbewerber oder Kriegsflüchtling anerkannt sein. Das geht relativ schnell, und dann läuft die weitere Bezahlung der Behandlung über das Sozialamt.

Aber warum die Kostenübernahme von Krankenhausbehandlung und Reha nicht von vornherein zugesichert werden kann - das weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es nicht nur bei uns so ist. Es ist in allen Kliniken, die sich mit der Versorgung dieser Patienten beschäftigen, ein großes Thema: Wer trägt am Ende des Tages die Behandlungskosten - sowohl in der Klinik, als auch für die Weiterversorgung?

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Weniger ukrainische Verletzte als erwartet

Mehrere hessische Kliniken antworteten auf eine hr-Anfrage, die Zahl der behandelten Kriegsverletzten aus der Ukraine bleibe weit hinter den angekündigten Zahlen zurück. Ein Sprecher des Universitätsklinikums Frankfurt berichtet von einer Handvoll Patienten. In Frankfurt-Höchst, Fulda, Kassel und Wiesbaden wird aktuell kein Kriegsverletzter behandelt, in Darmstadt waren es zwei.
Nach Angaben des Sozialministeriums haben seit April 30 ukrainische Kriegsverletzte Hessen über einen Verteilungsschlüssel, das sogenannte Kleeblattsystem, erreicht. Einige dieser Patienten befänden sich noch in stationärer Behandlung. Außerdem werden Verletzte privat nach Hessen gebracht.

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Das Gespräch führte Eva Maria Roessler.

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