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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kiosk-Kultur in Kassel

Vier Studierende, zwei Frauen und zwei Männer stehen vor dem temporär eingerichteten Kiosk an der Goetheanlage in Kassel. Auf große Plakaten haben sie "Zukunfts-Kiosk" geschrieben und den Kiosk damit eingerichtet.

Bock auf Cornern? Das Bier an der Straßenecke hat Tradition - und sichert Kiosken die Existenz. Studierende der Uni Kassel haben jetzt die Bedeutung der kleinen Büdchen untersucht und einen alten Standort wiederbelebt.

Wie ein Wartehäuschen ohne einen Grund zum Warten - so wirkt der Pavillon an der Westseite der Goethe-Anlage in Kassel. Wo man sonst höchstens Schutz vor einem kurzen Regenschauer sucht, ist jetzt eine Menge los. Ein Pop-Up-Büdchen lockt Menschen aus dem Stadtteil: Schülerinnen und Schüler von der benachbarten Heinrich-Schütz-Schule, Studierende, Ältere. Überall hängen Plakate mit Infos, auf Stellwänden können Interessierte Wünsche hinterlassen: Wie könnte der Pavillon zukünftig aussehen?

"Zukunfts-Kiosk" - so haben Johann Taillebois, Charlie Bosch und ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen den überdachten Pavillon genannt. An einer Leine baumeln "Schnucketüten", also kleine, mit Süßigkeiten gefüllte Papierbeutel, es gibt Zeitschriften und Postkarten, dazu Kaffeespezialitäten. Ziel der angehenden Architektinnen und Stadtplaner ist es, den Standort neu zu beleben - zunächst für einen Tag.

Die Bildkombo zeigt zweimal den Pavillon aus Holz: einmal ist die Szene menschenleer und der Pavillon unbenutzt, auf dem anderen Bild tummeln sich Studierende im und um den Pavillon. Sie haben den Pavillon ausgestattet und inszeniert. Im Vordergrund lehnen zwei Fahrräder an einer Bank.

Vom Wasserhäuschen zum Kiosk 2.0

Ein Semester lang haben sich die Studierenden der Universität Kassel mit der Geschichte der Kioske in der Stadt beschäftigt. Haben in Archiven gewühlt, Büdchen in den einzelnen Stadtteilen auf einer Karte eingetragen und eine Webseite gebaut. Höhepunkt ihrer Arbeit war die Präsentation der Ergebnisse beim Rundgang des Fachbereichs Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. Neben dem Zukunfts-Kiosk im Stadtteil Vorderer Westen konnten sich Menschen aus Kassel an zwei weiteren Standorten über die Kulturgeschichte der Trinkhallen, Büdchen und Kioske informieren.

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Karte zeigt Kassels Kioske

In Kassel haben die Studierenden 65 aktive und 21 leerstehende Kioske gezählt und auf einer Karte hinterlegt. Dort findet man auch historische Standorte, die zum Teil nicht mehr existieren. Auffällig ist, dass die Büdchen dem Liniennetz des ÖPNV folgen.

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Anhand der Plakate wird die lange Tradition der schnellen Versorgung im Quartier deutlich. Die ersten Trinkhallen öffneten mit Beginn der Industrialisierung und versorgten die Arbeiter mit Trinkwasser. Später hatten sie Zeitungen im Sortiment und erlebten ab den 1950er Jahren einen wahren Boom. Der Grund für den Aufschwung war die Entwicklung hin zum Kleinstgeschäft. Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten - das vielfältige Angebot und die langen Öffnungszeiten gehörten zur Erfolgsgeschichte. Die wurde ab Mitte der 1990er Jahre ausgebremst, weil Tankstellen und Supermärkte länger öffnen durften.

Der Pavillon in der Goetheanlage ist ein einfacher, überdachter Rundbau aus Holz.

Kioske erleben eine Renaissance

Seit 2010 beobachte man eine Kiosk-Kultur 2.0, erzählt Student Bastian Kuczera. Die Betreibenden der Büdchen seien in ihrem Quartier gut vernetzt, die Kundinnen und Kunden divers und nicht nach Milieus oder Schichten getrennt. Was für Studentinnen und Studenten ein Ort zum Cornern sei, werde von anderen Menschen aus dem Stadtteil als sozialer Treffpunkt genutzt.

"Ein Kiosk kann ein integrativer Ort sein", sagt auch Wiebke Reinert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und hat gemeinsam mit Professor Harald Kegler das Seminar angeboten. Auch Kegler beobachtet zunehmend die neue Bedeutung der Kioske als ein Ort für Austausch, Ausstellungen und Beteiligung.

Studierende stehen vor einem Plakat. Es zeigt historische Aufnahmen vom Uni-Standort am Holländischen Platz.

"So was brauchen wir hier"

Stichwort Beteiligung: Am Goethe-Pavillon haben sich die Mitmach-Plakate langsam gefüllt. Neben baulichen Veränderungen wie einer Überdachung oder erweiterten Sitzgelegenheiten wünschen sich die Menschen vor allem Service und Partizipation. Blumen, Obst zum Snacken, eine Verschenk-Ecke, Aktionen mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern oder einen Luftpumpen-Verleih für Basketbälle und Fahrräder - die notierten Stichpunkte klingen nach einem Kiosk mit Mehrwert.

Auch wenn der Zukunfts-Kiosk für einen Tag nur ein Mini-Angebot habe, seien die Reaktionen der Menschen positiv, erzählt Mitinitiator Maximilian Frey. "So etwas brauchen wir hier", habe eine ältere Frau gesagt, freut sich Frey und ist glücklich über das vielfältige Interesse am Standort. Nach Schulschluss seien unzählige Schülerinnen und Schüler über den kleinen Platz am Kiosk geströmt, Menschen aus der Nachbarschaft hätten vorbeigeschaut.

Eine Perspektive für den Goethe-Pavillon?

Am Abend ist der Zukunfts-Kiosk Geschichte. Die Plakate sind abgehängt, das Kaffee-Mobil abgefahren. Für Bosch, Taillebois, Kuczera und ihre Mitstreitenden bleibt der Wunsch, diesen Ort langfristig zu beleben. Mit dem Ortsbereit und einem Verein aus dem Stadtteil gab es bereits erste Gespräche über eine mögliche neue Nutzung. Und dann finden sich hier vielleicht auch Luftpumpen, Blumen und eine Ausleihe für Spiel und Sport.

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