Der Schüler Teo sitzt mit seiner Mutter am Küchentisch und gemeinsam arbeiten sie an seinen Aufgaben.

Die Wahl der weiterführenden Schule ist wegen Corona schwieriger als sonst. Information gibt es meist nur digital. Wegen Homeschooling ist der Leistungsstand der Kinder schlechter einzuschätzen.

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zum Video Corona erschwert Viertklässlern den Schulwechsel

hs
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Eigentlich wollte Teo Brandenburger am Wochenende eines seiner Wunsch-Gymnasien besuchen: die Helmholtzschule im Frankfurter Ostend. Für den Viertklässler steht im Sommer der Wechsel von der Grundschule auf eine weiterführende Schule an. Wegen Corona ist ein persönlicher Besuch der potenziellen Schule aber nicht möglich.

"Das finde ich sehr schade. Ich hätte gerne mal gesehen, wie zum Beispiel die Sporthalle aussieht", sagt der Zehnjährige enttäuscht. Statt andere Schüler der Helmholtzschule kennenzulernen und sich mit diesen auszutauschen, sitzt er nun mit seiner Mutter zu Hause vor dem Computer und schaut sich das digitale Infoangebot des Gymnasiums an.

Tag der offenen Tür nur digital

Auf der Internetseite der Schule kann sich der Viertklässler Klassenräume verschiedener Fachrichtungen, Erklärvideos und Inhalte der angebotenen Profilklassen ansehen. Auch mit Lehrkräften und dem Schulleiter kann Teo per Livestream sprechen.

Seit den Weihnachtsferien hat Schulleiter Gerrit Ulmke mit dem Kollegium der Helmholtzschule den Online-Infotag vorbereitet. Neben dem Mehraufwand, den die Schule derzeit sowieso schon durch die Pandemie und Homeschooling habe, sei das eine zusätzliche Herausforderung gewesen.

"Wir wollen unsere Schule aber nicht nur durch Flyer vorstellen, sondern mit den Schülern und Eltern ins Gespräch kommen", sagt der Schulleiter. Der menschliche Aspekt dürfe nicht wegfallen, nur weil die Schule gerade geschlossen sei.

Rund 50.000 Kinder stehen vor Schulwechsel

Nicht alle Schulen bieten allerdings ein so ausführliches Online-Programm an. "Manche Schulen haben Informationsmappen, andere haben Youtube-Videos bereitgestellt", erzählt Teos Mutter Nathalie Brandenburger.

Alle Informationen zu sammeln und sich dann für die passende Schule zu entscheiden, sei neben der ganztägigen Kinderbetreuung und dem eigenen Beruf eine echte Herausforderung. So geht es nicht nur Familie Brandenburger.

Rund 50.000 Schülerinnen und Schüler in Hessen wechseln im Sommer von der vierten in die fünfte Klasse. Aber nicht nur die Tatsache, dass persönliche Infoveranstaltungen in diesem Jahr nicht möglich sind, bereitet den betroffenen Familien Sorgen.

Leistungsbewertung durch Homeschooling schwierig

"Auch die Wahl der Schulform treibt die Familien um", sagt Landeselternbeirat Korhan Ekinci. Die Entscheidung, ob ein Kind beispielsweise künftig eine Hauptschule oder Realschule besucht, träfen Familien normalerweise mit Hilfe der Empfehlung des Klassenlehrers.

"Die Lehrkräfte haben die Kinder aber nicht durchgängig zu Gesicht bekommen", sagt Ekinci. Weil derzeit kein Regelunterricht stattfindet, seien die Kinder oft daheim betreut worden.

"Zu Hause ist die Leistung der Kinder aber nicht so, wie sie in der Schule wäre", erklärt der Elternvertreter. Die Grundlage, auf der Eltern und auch Lehrer jetzt eine Entscheidung für die Kinder treffen müssen, ist aus seiner Sicht deshalb mehr als brüchig.

GEW hält Schulempfehlung für schwierig, aber möglich

Dass es schwieriger ist, Schülern in der jetzigen Zeit eine Empfehlung für die weiterführende Schule zu geben, bestätigt auch Susanne Hoeth. Sie ist Leiterin des Fachbereichs Grundschule der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

"Gerade in Zweifelsfällen oder bei unterschiedlicher Einschätzung von Lehrkraft und Eltern ist es hilfreich, wenn ich ein Kind im Unterricht täglich vor mir habe", sagt sie. Trotzdem ist sie zuversichtlich, dass eine Beurteilung der Schüler auch unter den jetzigen Lernbedingungen stattfinden kann.

"Es gab ja auch eine Beobachtung der Lernentwicklung und die Arbeitsergebnisse in der Zeit zwischen Sommerferien und Weihnachtsferien", so die Vertreterin der GEW. An diesen Leistungen der Kinder könne man sich als Lehrer bei der Schulempfehlung orientieren.

Leistungsstand nicht derselbe wie vor Corona

Man könne allerdings nicht davon ausgehen, dass die künftigen Fünftklässler auf demselben Leistungsstand seien wie ohne Pandemie, sagt Hoeth. Die Lehrkräfte der fünften Klassen müssten den Lehrplan deshalb zwangsläufig an die Kinder anpassen.

Auch ein Sprecher des Kultusministeriums teilt auf Anfrage mit, dass Schulen den aktuellen Lern- und Leistungsstand der Schüler feststellen und dementsprechend die Unterrichtsgestaltung oder auch notwendige Fördermaßnahmen festlegen sollten. Das geschehe beim Wechsel von der Grund- in die weiterführende Schule aber auch unabhängig von der Pandemie.

Lerncamps in den Ferien

In den kommenden Oster- und Sommerferien soll es laut Kultusministerium für öffentliche Schulen zusätzlich die Möglichkeit geben, Lerncamps anzubieten, um die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern gewährleisten und pandemiebedingte Lücken schließen zu können.

Familie Brandenburger hofft, dass Teo dieses Angebot trotz des schwierigen Schuljahrs nicht in Anspruch nehmen muss. Vor allem hofft Teo aber eines: "Dass ich im Sommer wieder richtig in die Schule gehen kann." Und dass er seinen neuen Lebensabschnitt nicht digital beginnen muss.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.01.2021, 19.30 Uhr