Junge Frau in einem Labor, die mit Geräten und Reagenzgläsern arbeitet

Auf der Suche nach Coronaviren untersuchen Darmstädter Forscher das Frankfurter Abwasser. Daraus lesen sie das Auf und Ab bei der Zahl der Infektionsfälle ab.

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Die Analyse der Coronaviren fängt dort an, wo die meisten Dinge enden: im Abwasser. Das untersuchen derzeit Forscher der Technischen Universität (TU) Darmstadt, um die Belastung mit Coronaviren nachzuweisen und möglichst früh zu erfassen, wie sich das Virus regional ausbreitet.

Im Frankfurter Abwasser landen die Stuhl- und Urinreste von 1,8 Millionen Menschen, erklärt Rolf Götz von der Frankfurter Stadtentwässerung. Doch noch viel mehr lande dort. "Alle Keime, die die Menschen im Stadtgebiet und in den Umlandgemeinden ausscheiden."

Das Wasser werde ohnehin regelmäßig kontrolliert, sagt Götz. Seit Mitte Juni schicken die Frankfurter Klärwerke nun nun zweimal wöchentlich Abwasserproben aus zwei Anlagen an das Forscherteam der TU Darmstadt.

Vielversprechende Ergebnisse: schneller als das RKI

An der TU Darmstadt leitet Susanne Lackner das Projekt. Die Anfrage sei vom Wirtschaftministerium gekommen, berichtet die Professorin für Abwasserwirtschaft.

Die Forscherin erklärt: Infektiös sei das Virus nach seiner Ausscheidung nach aktuellem Forschungsstand nicht mehr, aber sein Erbgut lasse sich mit einer etablierten Technik genau nachweisen.

geöffneter Gefierschrank mit Reagenzgläsern

Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Schon bei weniger als zehn bestätigten Covid-19-Fällen pro 100.000 Einwohner zeigten sich eindeutige Spuren im Abwasser. Man könne zwar nicht die genaue Anzahl infizierter Menschen herleiten, aber Trends ganz klar verfolgen, so Professorin Lackner. Anfang bis Mitte Juli habe man den Anstieg der Viren schon beobachten können, bevor sich dies in den Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) gezeigt habe.

Herausforderung: Viele Störfaktoren im Abwasser

Die Professorin erklärt: Ein großer Vorteil der Abwasseranalyse sei, dass sie nicht davon abhängig sei, ob Menschen sich testen lassen oder nicht. Schwieriger im Vergleich zum Corona-Nachweis mit Rachenabstrichen sei dagegen, dass man natürlich viel mehr Störstoffe habe.

Man könne zwar bereits auf Erfahrungen zurückgreifen, etwa aus der Forschung zum Nachweis von Antibiotikaresistenzen. "Doch hier müssen die Methoden noch optimiert werden", sagt Lackner. Unklar sei zum Beispiel, wie die Virusmenge im Wasser vom Krankheitsverlauf oder Schweregrad einer Corona-Infektion beeinflusst wird.

Lackner und ihr Team wollen auch das Abwasser am Frankfurter Flughafen untersuchen, um die verschiedenen Corona-Varianten zu erforschen und zu erkennen, aus welchem Land sie kommen. "Man kann über die Genomstammbäume der Viren einordnen, woher sie kommen und wo sie auftreten", sagt die Professorin.

Konzept für flächendeckendes Monitoring-System

Die Darmstädter Forscher wollen bald auch Proben direkt aus der Kanalisation nehmen und das Monitoringsystem auf die ganze Stadt Frankfurt ausweiten. Ihre Idee: Bei ansteigenden Virenmengen im Abwasser sollten dann Schutzmaßnahmen verschärft, bei einem Rückgang könnten sie wieder gelockert werden.

Die Technik dafür sei vorhanden, die größte Herausforderung seien aktuell noch die Laborkapazitäten und das Personal, meint Lackner. Doch sie ist überzeugt: Ein solches Frühwarnsystem lasse sich auch hessenweit umsetzen. Bis Ende des Jahres wollen die Forscher ein Konzept dafür erstellen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.08.2020, 19.30 Uhr