Kassiererin in einem Lidl mit Corona Maske

Pflegekräfte und Verkäuferinnen galten als Corona-Helden - aber das Klatschen auf Balkonen hat an den geringen Löhnen nichts geändert. Die Gesellschaft müsse umdenken und auch Geld anders verteilen, fordert der Frankfurter Sozialethiker Bernhard Emunds.

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Audioseite Was muss sich in Zukunft ändern in der Pflege und im Handel?

Zwei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.
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Wer ist in der Gesellschaft systemrelevant? Das zeigt sich seit Beginn der Corona-Pandemie besonders deutlich: Krankenhauspersonal, Verkäufer und Verkäuferinnen im Lebensmittelhandel, Rettungskräfte, Erzieher und Erzieherinnen. Sie alle mussten und müssen während der Corona-Pandemie die Gesellschaft am Laufen halten - ohne Option auf Homeoffice, dafür aber mit einem besonders hohen Infektionsrisiko.

Plötzlich wurde aus diesen Berufsgruppen "Corona-Helden" und "-Heldinnen". Verändert habe sich seitdem aber bei Anerkennung und Bezahlung kaum etwas, kritisiert Bernhard Emunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie an der katholischen Sankt Georgen Hochschule in Frankfurt. Dabei bemängelt er auch die Tarifpolitik der katholische Caritas.

hessenschau.de: Die Corona-Pandemie hat uns eindrückliche Bilder beschert: Etwa eine Szene, bei der eine Verkäuferin in einem Drogeriemarkt von zehn Menschen bestürmt wird, die sich Klopapier unter den Nagel reißen wollen. Auf ihren Schutz vor Corona scheint es den Kunden dabei nicht anzukommen.

Bernhard Emunds: Das ist strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber den Beschäftigten im Einzelhandel, natürlich mag man Fragen stellen an diejenigen, die an ihre Klopapierrollen wollen. Aber viel wichtiger ist, wie die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen.

Bernhard Emunds

Und da hat man es mit Beschäftigungsverhältnissen zu tun, mit denen man auf keinen grünen Zweig kommt. Und zu dieser Rücksichtslosigkeit gehört dazu, dass vielfach gar nicht die Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden, die nötig sind, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen.

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ARD-Story: Abgeklatscht und Abserviert

"Abgeklatscht und Abserviert - Die vergessenen Corona-Helden" ist der Titel der ARD-Story, die am Montag um 22.50 im Ersten läuft und in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Der Film begleitet zwei Pflegekräfte und zwei Kassiererinnen, die für Veränderungen kämpfen.

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hessenschau.de: Das heißt, es geht nicht nur um Geld?

Emunds: Es ist nicht nur das Geld. Sie müssen sich vorstellen, wir haben Löhne im Einzelhandel von 12 bis 15 Euro, das ist schon etwas über dem Mindestlohn von aktuell 9,50 Euro. Aber die Arbeitsbedingungen sind schlecht, zum Beispiel in der sogenannten Warenverräumung, bei der die Regale eingeräumt werden müssen. Das kann man gar nicht Vollzeit machen.

hessenschau.de: Viele Unternehmen haben ihren Angestellten Corona-Prämien gezahlt. Als das losging gab es bei Rewe einmalig 200 Euro extra, die Lidl-Kaufland-Gruppe hat 250 Euro gezahlt. Reicht das aus oder müssten die Beschäftigten generell besser bezahlt werden?

Emunds: Selbst die Bundesregierung hatte den Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen gesagt, dass sie bis zu 1.800 Euro für diesen Bonus ausgeben können, der dann steuerfrei ist. Da bleibt man natürlich mit 200 oder 300 Euro deutlich drunter. Das ist der erste Punkt. Aber der zweite Punkt ist, dass solche Prämien natürlich keine wirkliche Verbesserung darstellen, weil dann im nächsten Jahr wieder bei dem Gehalt angesetzt wird, das ohne Prämie berechnet wird.

Das heißt, so wird gerade keine dauerhafte Verbesserung erzielt. Oder man könnte es nochmal deutlicher sagen: Es wird vermieden, dauerhaft bessere Löhne zu zahlen.

hessenschau.de: Ein Bereich, über den wir immer wieder berichtet haben, ist die Pflege: Da wird darüber diskutiert, warum diese Menschen relativ schlecht bezahlt werden. Jetzt hätte es beinahe den ersten bundesweiten Tarifvertrag gegeben, bei dem 25 Prozent mehr rausgekommen wären. Das hat die Caritas verhindert, ein kirchlicher Arbeitgeber.

Emunds: Ich kann nur sagen, als Sozialethiker der katholischen Kirche habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das passt natürlich überhaupt nicht zusammen. Die Begründung der Arbeitgeber war, wir setzen lieber auf den Wettbewerb der Tarifwerke.

Das heißt, die Caritas zahlt tatsächlich etwas bessere Löhne als andere Arbeitgeber in der Altenpflege, aber man will den Vorteil erhalten und sagt, dass einem damit die Arbeitsbedingungen und Löhne in anderen Häusern egal sein können. Und das hat natürlich nichts mit Christentum zu tun.

hessenschau.de: Es gibt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die besagt, dass Menschen in Sozialberufen, in der Gesundheitsbranche oder Verkäuferinnen und Verkäufer in fünf Jahren immer noch deutlich weniger verdienen werden als der Durchschnitt. Was müsste sich in Zukunft ändern?

Emunds: Erstmal muss man sich vor Augen führen, wo das Problem liegt: Wir haben es mit Berufen zu tun, die typische Frauenberufe sind und wir müssen feststellen, dass solche Berufe in unserer Gesellschaft ein geringeres Ansehen haben als etwa Industriearbeit.

Wir haben also schlecht bezahlte Berufe, bei denen letztlich auch der soziale Status vergleichsweise gering bleibt. Da mag man ja mal klatschen, aber an der Position, die Frauen vor allem in den Berufen haben, ändert das nichts.

hessenschau.de: Müsste man einfach mehr zahlen, auch wenn man nicht mehr Produktivität erwarten kann - wäre das die nötige Wertschätzung?

Emunds: Ja, es geht darum, wahrzunehmen, dass diese Berufe immer wichtiger werden in unserer Gesellschaft, der Anteil der Beschäftigungen wird immer größer, weil woanders Arbeit wegfällt. Und deswegen müssen wir bereit sein, Geld auch umzuschichten, damit diese Berufe gut bezahlt werden.

Ansonsten bekommen wir ein Riesenproblem. Wenn wir nicht gegensteuern, wird dieser Bereich - obwohl es interessante Arbeit ist, Arbeit, die für unser Zusammenleben so zentral ist - immer problematischer und prekärer.

Sendung: hr-iNFO, 29.03.2021, 7 Uhr