Maske und Schild mit Bezeichnung "Herbst"

Die letzte Omikron-Welle ist ausgelaufen, die Zahl der Corona-Patienten in den Kliniken geht zurück, die Weltgesundheitsorganisation stellt ein Ende der Pandemie in Aussicht. Wie der Herbst wird, hängt nicht zuletzt von einem Detail ab.

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Wie sind Krankenhäuser auf den Herbst vorbereitet?

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An der Kreisklinik Groß-Gerau ist derzeit nur gut die Hälfte der Betten belegt. Das hat einerseits mit dem Mangel an Pflegekräften zu tun. Und andererseits, dass das Krankenhaus - seit zwei Jahren Corona-Zentrum - Kapazitäten für den Herbst vorhält.

Sollte eine Herbstwelle kommen, sieht sich die Klinik gut gerüstet. Ali Najjar, der Leiter der Zentralen Notaufnahme, sagt: "Wir haben uns personell entsprechend gut aufgestellt. Auch stationär." Eine Reihe von Zimmern könne bei Bedarf zu einem Corona-Isolationsbereich umgewandelt werden.

Aber kommt die Herbstwelle überhaupt? Hat nicht gerade sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündet, ein Ende der Pandemie sei in Sicht?

Warum Viren-Wellen irgendwann auslaufen

Wie Infektionswellen verlaufen - das ist ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Omikron BA.5, die zurzeit vorherrschende Variante des Coronavirus, ist so mutiert, dass sie gute Chancen hat, einen Ansteckungsschutz gegen Corona auszuhebeln. Sie kann also auch Menschen infizieren, die geimpft sind oder eine Infektion mit früheren Coronavirus-Varianten wie Alpha oder Delta überstanden haben.

Diese sogenannte Immunflucht gelingt BA.5 mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit selbst bei Menschen, die sich im Frühjahr mit einer der früheren Omikron-Varianten infizierten. Allerdings hatten wir mit Omikron Glück im Unglück: Den Schutz vor Ansteckung kann das Virus umgehen, der Schutz gegen einen schweren Verlauf der Erkrankung durch das Immunsystem blieb erhalten.

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Zum Ende des Sommers wiederholt sich ein Muster, das wir schon von der Omikron-Frühjahrswelle kennen: Das Virus trifft zunehmend auf Menschen, deren Immunsystem genau diesen Erreger eben niedergekämpft hat, und scheitert. Seine Erfolgschancen sinken, die Ausbreitungsgeschwindigkeit (R-Wert) sinkt unter 1, die Zahl der Neuinfektionen fällt.

Saisoneffekt: Herbst ist Virenzeit

Ein weiterer Faktor hat die Ausbreitung des Virus in den vergangenen Wochen deutlich verlangsamt: der Sommer. Atemwegserkrankungen wie Corona können sich dort gut verbreiten, wo Menschen sich nahe kommen und ausgeatmete Viren sich in der Raumluft sammeln. Deshalb sind Herbst und Winter Grippe- und Erkältungszeit.

Jetzt gibt der Saisoneffekt dem Virus neuen Auftrieb und könnte den R-Wert wieder um etwa ein Drittel heben, wenn man sich an bisherigen Erfahrungen orientiert.

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Schon deshalb hält es der Frankfurter Virologe Martin Stürmer für wenig wahrscheinlich, dass wir um die Herbstwelle herumkommen. Man müsse bedenken, dass viele Menschen nicht oder nicht mehr ausreichend vor einer Infektion geschützt seien, sagt er dem hr: "Es gibt genug Kandidaten, die sich anstecken können."

Modellrechnungen: Neue Welle auch ohne neue Variante

Selbst wenn alles so bleibt, wie es ist, wird die nächste Welle vermutlich kommen. Davon geht auch Thorsten Lehr aus, der mit seinem Team an der Uni Saarbrücken den Modellrechner "Covid-Simulator" betreibt. "Durch die Saisonalität dürften die Fallzahlen vor allem ab Oktober bis Dezember deutlicher steigen", schreibt er: "Es wird aber, wie immer, auf das Verhalten der Menschen ankommen."

Lehrs Team hat mit verschiedenen Annahmen ein paar Szenarien für den Herbst simuliert und erwartet zwar keine Krise auf den Intensivstationen, aber doch sehr viele aktive Fälle - und dadurch hohe Krankenstände in den Betrieben und insbesondere den Kliniken. Denn nicht nur Corona kann viele treffen. "Problematisch könnten in diesem Winter auch andere saisonale Erreger werden", sagt der Mediziner und nennt Influenza oder den RSV-Erreger.

Eine ähnliche Vorhersage trifft Viola Priesemann, Forscherin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Priesemann versucht die Ausbreitung des Virus seit Beginn der Pandemie mathematisch zu erfassen. "Der Winter kann auch mit der aktuellen Variante eine neue Welle der Inzidenz bringen", sagt sie dem hr: "Die Welle wird aber sehr wahrscheinlich nicht stärker sein als die gerade verebbte Sommerwelle."

Eine neue Mutante könnte alles ändern

Unter diesen Vorzeichen könnte man einigermaßen beruhigt sein. So blickt auch der Frankfurter Virologe Stürmer einer möglichen Herbstwelle entgegen. "Wir werden höchstwahrscheinlich glimpflich durchkommen." Allerdings, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu: "... wenn es keine neue Viren-Variante gibt." Sie könnte die Lage massiv verändern und wie die Omikron-Varianten auch für Genesene ansteckender sein - und gleichzeitig wieder schwerere Erkrankungen hervorrufen.

Oder wie es die Modelliererin Priesemann ausdrückt: "Wenn es eine neue Variante mit ausreichend Immunflucht gibt, dann werden die Karten neu gemischt."

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