Covid-19-Patient im Klinikum Kassel

Das Klinikum Kassel ist für schwerkranke Covid-19-Patienten die letzte Hoffnung. Mit einer speziellen Beatmungstherapie versuchen die Ärzte, das Leben der Menschen zu retten. Die Arbeit in der Station ist auch für das Personal emotional belastend.

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zum Video Reportage: Auf der Covid-19-Intensivstation

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Das durchdringende Piepen der Maschinen übertönt fast den Ruf des Pflegers: "Eins, zwei, drei". Mit einem Ruck drehen fünf Intensivpfleger eine Koma-Patientin vom Bauch auf die linke Seite. In den Schutzbrillen der Pfleger bildet sich Kondenswasser. Die Brillen beschlagen. Die Sicht ist schlecht.

Das Wenden der Patienten ist eine der körperlich anstrengendsten Aufgaben der Pfleger, auf der Corona-Intensivstation am Klinikum Kassel. Aber es ist auch eine der wichtigsten. Die Patienten hier liegen fast alle im künstlichen Koma. Wenn sie nicht mehrmals am Tag bewegt werden, würden sie sich wundliegen.

Maschinen übernehmen die Funktion der Lunge

Auf der Kasseler Intensivstation werden derzeit neun Patienten behandelt, bei denen das Corona-Virus schwere Lungenschäden verursacht hat. Die Schäden sind so groß, dass selbst die konventionelle Beatmung nicht mehr möglich ist. Letzte Hoffnung ist die sogenannte ECMO-Therapie. Dabei wird die Lunge durch eine Maschine ersetzt.

Über eine Vene pumpt die Maschine sauerstoffarmes Blut aus dem Körper, entfernt das Kohlendioxid, belädt das Blut mit neuem Sauerstoff und pumpt es zurück in den Körper. So wird die Lunge entlastet und hat die Chance, sich zu erholen. Das Kasseler Klinikum ist bei der ECMO-Therapie führend und auch überregional ein anerkanntes Kompetenzzentrum.

Intensivpflegerin Tanja Claus arbeitet seit vielen Jahren auf der Station. Aber so etwas wie das Corona-Virus hat sie noch nicht erlebt. "Es ist eine absolut schwere Krankheit. Es hat mich sehr erschreckt, muss ich sagen. Auch dass manche Patienten so lange kämpfen und es dann doch nicht schaffen", sagt sie. Die meisten Patienten auf dieser Station seien um die 50 Jahre alt. "Wen das Virus wie hart trifft, das ist wie Russisch Roulette", sagt Chefarzt Dr. Ralf Muellenbach.

Bevor Intensivpflegerin Claus überhaupt zu den Patienten darf, muss sie sich und ihre Kollegen schützen. Kittel, Socken, FFP3-Maske, Kopfhaube, Schutzbrille, zwei Paar Latex-Handschuhe. Erst dann darf sie auf die Station. Schon nach wenigen Minuten läuft der Schweiß. Es ist heiß in der Schutzkleidung. Aber die Hygiene-Vorschriften haben ihren Sinn. Seit dem Ausbruch des Virus hat sich vom Krankenhaus-Personal niemand angesteckt. Die Schutzkleidung hält das Virus fern. Aber die Schicksale der Patienten gehen nah.

Intensivpfleger: "Natürlich belastet das einen"

Assistenzarzt Jonas Bünsob hat gerade mit der Ehefrau eines Patienten telefoniert, die sich mehrmals täglich meldet. Es sei schwierig den Verlauf der Krankheit mit den Angehörigen zu besprechen, sagt der Arzt. Immer wieder werde er gefragt, was das nun bedeute, ob eine Verbesserung zu sehen sei. "Aber letzten Endes ist das auch für uns alle unklar", sagt der Arzt.

Die Situation ist für viele Angehörigen kaum auszuhalten. Das habe man gerade auch zu Weihnachten gesehen. Obwohl die Patienten im Koma lagen, habe man die Telefonate mit den Angehörigen auf laut gestellt, um einen Kontakt herzustellen. Viele Angehörige hätten geweint. "Natürlich belastet das einen", sagt Intensivpfleger Sören Wollrath.

Für die Angehörigen herrscht Besuchsverbot auf der Station. Teilweise über Wochen können sie nur hoffen, dass ihre Familienmitglieder die Intensivstation lebend verlassen werden. Für viele wird dieser Wunsch aber nicht in Erfüllung gehen.

Die Koma-Patienten müssen mehrmals am Tag gewendet werden.

Oft versagen auch noch andere Organe

Denn neben dem Problem der Beatmung versagen häufig noch weitere Organe der Patienten. Viele hängen zusätzlich noch an einer Dialyse-Maschine, weil die Nieren nicht mehr funktionieren. "Die Patienten sind schon teilweise recht instabil", sagt Intensivpflegerin Claus. Innerhalb kürzester Zeit könne sich ihre Situation verschlechtern und akut lebensbedrohlich werden.

Aber trotzdem: Es gibt sie auch, die schönen Momente. Patienten, die all diese Strapazen überlebt haben, denen es mit jedem Tag besser geht und die dem Personal Briefe schreiben und sich bedanken. Das zeigt Tanja Claus, dass sich der Einsatz lohnt. "Das gibt uns Kraft weiterzumachen", sagt sie.

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Ein Teil der Corona-Infizierten entwickelt eine schwere Lungenentzündung und muss ein Krankenhaus aufsuchen - in der Regel 1-2 Wochen nach der Corona-Diagnose. Die Grafik zeigt den Verlauf dieser Fälle.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.01.2021, 19.30 Uhr