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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verein berichtet von Corona-bedingten Essstörungen

Foto eines Kindes, das etwas aus einem Kühlschrank greift.

Ängste, Stress oder Langeweile: Die Corona-Krise hinterlässt auch Spuren bei Kindern und Jugendlichen. Bei ihnen haben Essstörungen zugenommen, wie ein Frankfurter Hilfsverein berichtet.

Die 15-jährige Sarah (Name geändert) wollte vor allem eins: ihren Schulabschluss schaffen. Doch im Lockdown, alleine von zu Hause aus, ohne Unterstützung durch die Schule und Lehrer fühlte sie sich allein gelassen und unsicher. Sarah lebt mit ihren Eltern und sieben Geschwistern in einer gemeinsamen Wohnung in Frankfurt. Auf engem Raum. Schon vor Corona hat sie manchmal gegessen, um etwas zu kompensieren.

Daueressen in der Corona-Krise

Aber in der Corona-Zeit hörte Sarah dann gar nicht mehr auf damit, erzählt Diplompädagogin Jutta Kolletzki. Sie ist Geschäftsführerin beim Verein Balance in Frankfurt und berät Kinder und Jugendliche mit Essstörungen wie Sarah: "Sie hat gemerkt, dass sie zunehmend zum Daueressen neigt in der Corona-Zeit." Sarah sei kaum noch nach draußen gegangen. Ihre ganze Familie und sie waren verängstigt, dass ihnen draußen etwas passieren könnte, wie Kolletzki weiter berichtet.

Die Folge: Sarah nimmt immer mehr zu, gefährlich viele Kilos. Eine Familienhelferin vermittelt sie schließlich an den Verein Balance in Frankfurt. Seitdem telefoniert Jutta Kolletzki fast täglich mit Sarah: "Es war wirklich Arbeit, sie davon zu überzeugen, dass sie es für ihre Seele, ihren Körper und ihren Geist braucht, wenigstens einmal am Tag für eine Stunde nach draußen zu gehen."

Starkes Über- und Untergewicht bei Teenagern

Fälle wie die von Sarah häufen sich aktuell. In der Corona-Krise haben Balance zufolge Essstörungen vor allem bei Jugendlichen im Teenageralter deutlich zugenommen: "Es war tatsächlich sehr auffällig, dass es deutlich mehr Anmeldungen für Jugendliche gab, ab dem Alter von 13 Jahren, die Übergewicht bis hin zur Adipositas hatten", sagt Kolletzki. Und gleichzeitig habe es auch immer mehr Hilferufe von Mädchen und Jungen gegeben, die stark untergewichtig seien.

Essstörungen entstehen in Umbruchsituationen

Störungen im Essverhalten entstehen vor allem in Umbruchsituationen, wie Kolletzki erklärt. Also zum Beispiel beim Wechsel von der Kita in die Grundschule, in der Pubertät oder eben jetzt gerade in der Corona-Zeit. Von einer Essstörung sprechen Fachleute allerdings erst, wenn sich Menschen selbst durch ihr Essverhalten schädigen und so stark zu- oder abnehmen, dass sie ihre Gesundheit gefährden.

Eine wichtige Rolle spielten Beziehungen, die Umgebung und wie sicher und geborgen sich Menschen fühlten, sagt Kolletzki weiter. Kleine Kinder reagieren laut der Expertin vorallem mit Ängsten und hören eher auf zu essen. Sprich: Nicht nur Übergewicht, sondern auch das Verweigern von Essen oder Bulemie zählen zu den Krankheitsbildern, die in der Corona-Zeit vermehrt auftreten. "Den Kindern vergeht sprichwörtlich der Appetit." Zum Beispiel stehe dahinter oft die Angst, etwas in sich aufzunehmen, das gefährlich sein könnte. "Dann wird das Essen etwas Symbolisches."

Aber auch Zeit ist ein wichtiger Faktor. Viele Kinder hatten in den vergangenen Wochen einfach Langeweile. "Da ist Essen ein Mittel, um diese Lücke zu füllen", sagt Kolletzki.

Eltern handeln, wenn ihre Kinder auffällig viel oder wenig essen

Gemeldet wurden die vermehrten Fälle von starkem Über- oder Untergewicht in der Corona-Krise übrigens seltener vom Kinderarzt oder dem Gesundheitsamt, sondern öfter als sonst von den eigenen Eltern, die schlicht mehr zu Hause waren. Jutta Kolletzki erklärt sich das so, dass Eltern dadurch überhaupt erst gemerkt haben, dass ihre Kinder in der letzten Zeit ordentlich zu- oder auch abgenommen haben.

Raus aus der Komfortzone

Der Verein Balance arbeitet mit solchen Eltern, Kindern und Jugendlichen in Frankfurt seit 20 Jahren. Und versucht gegenzusteuern. Oft auch mit Erfolg. Dabei sei es leichter, wieder an Gewicht zuzulegen als abzunehmen. "Das ist tatsächlich schwerer. Weil es eine Umstellung der Lebensgewohnheiten bedeutet - raus aus der Komfortzone", so Kolletzki. Dabei sei es am wichtigsten, dass alle in der Familie die Betroffenen unterstützen und mitmachen.

Inzwischen geht bei Balance das Programm nach der Corona-Krise allmählich wieder los. Den Anfang macht ein Präventionsprojekt an einer Grundschule im Stadtteil Frankfurt Rödelheim. Eine Art moderne Schatzsuche mit Handys, Koordinaten und viel Bewegung: Geocaching.

Endlich können die Kinder wieder ihre Freunde sehen, endlich haben sie wieder Bewegung, ein Stück Normalität. "Das war cool, wir waren im Wald und sind auf einen Baum geklettert", schwärmen die Grundschüler.

Weitere Informationen

Telefon-Hotline auch bei der Bundeszentrale

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine eigene Seite mit Infos und Telefon-Hotline zum Thema Essstörungen und Corona.

Ende der weiteren Informationen

Solche Bewegungs-Workshops in Stadtteilen mit vielen übergewichtigen Kindern gehören zum Standardprogramm von Balance. Sie sollen helfen, Essstörungen früh zu erkennen oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

Treffen können wieder stattfinden

Jutta Kolletzki konnte die 15-jährige Sarah bisher nur am Telefon beraten. Das soll sich jetzt bald ändern. "Das Mädchen wünscht sich sehr, dass es endlich mal persönlich vorbeikommen kann", sagt Kolletzki. Nächste Woche soll das Treffen stattfinden. In den Vereinsräumen im Frankfurter Nordend. "Wir sind sehr gespannt aufeinander."

Sendung: hr-iNFO, 01.07.2020, 8.20 Uhr